Straßenretreat in Bielefeld

 

Nur die Kleidung am Körper und ein Personalausweis. Mehr dürfen die Teilnehmer des Straßenretreats vom 9. bis 13. Juli in Bielefeld nicht mitbringen. Inmitten unserer Überflussgesellschaft will der amerikanische Zen-Mönch Claude AnShin Thomas, seine Teilnehmer unterstützen, zu sich selbst zu kommen und einer fast vergessenen Tugend zu begegnen: Der Demut. Fünf Tage verbringen die Teilnehmer auf den Straßen Bielefelds. Was sie zum Leben benötigen, erbetteln sie sich.

„Das Straßenretreat löst uns von den täglichen Behaglichkeiten und Gewohnheitsmustern, die uns häufig in Kreisläufen von Täuschungen und Leiden gefangen halten“, erklärt AnShin Thomas. So kann die Buddhistische Lehre von der Gegenseitigen Verbundenheit aller Dinge greifbarer und unmittelbar erfahrbarer werden: „Die Teilnehmer sind,  wenn sie nachts ohne Decken draußen schlafen, gefordert, einander in schwachen und starken Momenten zu unterstützen.“ Zusätzlich finde das Retreat inmitten von ausgegrenzten, vergessenen, und unsichtbaren Kulturen statt. Menschen und Gruppen, an denen wir täglich vorübergehen, ohne sie auch nur einmal wahrzunehmen. „Ein Straßenretreat gleicht daher einer Art spiritueller Schocktherapie“, sagt AnShin Thomas. Nach seiner Beobachtung beginnen die Teilnehmer mit dem Retreat oft einen Prozess anders und weniger getrennt von sich selbst zu leben. „Einige erhaschen einen echten Blick für die Möglichkeit, dass ihr Leben anders sein könnte, lohnenswerter und erfüllter. Sie sind motiviert, den Schritt zu tun, ihr Leben anders zu leben und dabei auf ein integrierteres Selbst und einen Ort von größerem Gleichmut mit allen fühlenden Wesen hinzuwirken“, sagt AnShin Thomas.

Die Organisatorin des Straßenretreats, Sonja MyoZen, empfiehlt Interessenten sich möglichst bald anzumelden, denn als TeilnehmerIn des Strassenretreats gibt es als Vorbereitung die Aufgabe, einen bestimmten Geldbetrag selber zu erbetteln. Erfahrungsgemäß kann dies zwei bis drei Monate dauern.

An den Tagen vor dem Retreat hält AnShin Thomas am Donnerstag, den 7. Juli, 19:30 Uhr den Vortrag  “Wir sind voneinander nicht getrennt” und leitet am Samstag, 9.Juli, 9 bis 17 Uhr einen Achtsamkeits- und Meditationstag. Beides in der Kunsthalle Bielefeld.

Zur Person: Claude AnShin Thomas wurde 1947 im US Staat Pennsylvania geboren. Im Alter von 18 Jahren meldete er sich freiwillig zum Kriegseinsatz in Vietnam. Als Kommandeur einer Hubschraubermannschaft sagt er heute, dass er die Verantwortung für den Tod von vielen Menschen trägt. Nach seiner Rückkehr in die USA, wo er über Jahre hinweg mit Obdachlosigkeit, Drogensucht, Arbeitslosigkeit und sozialer Isolation konfrontiert war, entschloss er sich zu einem Entzug. Dies führte ihn zu seiner spirituellen Aufgabe: Er arbeitete daran, seine Wunden des Krieges und der Gewalt auf emotionaler, geistiger und spiritueller Ebene zu heilen und mit diesen Erfahrungen anderen zu helfen. 1995 wurde er von Bernhard Tetsugen Glassmann Roshi zum Zen-Buddhistischen Mönch in der Japanischen Soto Zen Tradition ordiniert und lebt seitdem als Wander- und Bettelmönch. Er hält international Vorträge vor religiösen und nicht-religiösen Gemeinschaften über Gewalt und deren Überwindung und Heilung. Mehr zu seiner Person und seinen Büchern hier.

 

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Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur, was von dem milden Strahl der Sonne fällt.“

Christian Friedrich Hebbel

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