Ausstellung: Gott weiblich

, 25. Juli 2012

Von Vera Zingsem. „Gott weiblich“ – warum spricht man nicht gleich von „Göttinen“? Es heißt ja auch nicht Mensch weiblich, sondern Frau. Und der glückliche, religionsgeschichtliche Zufall will es, daß in unserer nordisch-germanischen Tradition das Wort Frau mit dem Wort Göttin synonym gesetzt wurde: „Die Frau ist bereits ihrem Namen nach Göttin“, heißt es in der Prosaedda, welcher Frau, pardon Göttin, hüpft da nicht das Herz im Leibe? Die Ausstellung „Gott weiblich“ (noch bis zum 25.8. in Würzburg) könnte also treffender „Göttinnen“ heißen. Schließlich käme auch niemand auf den Gedanken von „Gott männlich“ zu reden. Daß Gott männlich ist, versteht sich für unsere Kultur von selbst. Deshalb muß eigens betont werden, daß wir mit „Gott weiblich“ ein eher unbekanntes Terrain betreten, das auf Androgynität schließen läßt.

Was ist nun das Besondere an dieser Ausstellung? Zugegeben war ich beim ersten Durchgang leicht enttäuscht. Was auch mit der unglücklichen Anordnung zu tun hat, welche die Bedeutung der Göttinnen eher verschleiert als offenbart. Könnte man sich eine Ausstellung vorstellen, bei denen die Götter nach Bart und Penis angeordnet wären? Die Göttinnen jedoch sortiert man hier nach Haaren und Brüsten. Als wäre dies das Wichtigste an ihnen. Wenn schon weiblich, dann bitte durch den männlichen Blick gefiltert. In Würzburg läßt man diesen Teil der Sammlung folgerichtig unter „Anblick“ fungieren. Die Frauen (und wenige Männer) lassen sich durch solche Vorurteile trotzdem nicht abhalten. Manche, vor allem die älteren unter ihnen, stehen mit Tränen in den Augen vor den Vitrinen. Zum ersten Mal erleben sie, daß ihr Geschlecht als etwas Göttliches gewürdigt wird, und die Frage, warum uns das solange vorenthalten wurde, schwebt im Raum. Sie weicht schon bald dem großen Glück, überhaupt so etwas erleben zu dürfen!

Man muß die Zeichen nur zu deuten wissen, und schon verwandelt sich das, was erst ein Ärgernis zu sein schien, in einen Silberstreif am Horizont. „Adam und Eva: Haare als Ausdruck der Unordnung“, liest man schmunzelnd vor einer Vitrine. Zu sehen ist Eva mit einem Strahlenkranz ums Haupt. Von Unordnung keine Spur. Haare gelten von altersher als Sitz der Energie, nicht zuletzt der geistigen, denn die meisten davon befinden sich ja an unserem Kopf. Deshalb soll der fromme Jude (hier ausschließlich männlich) bis heute sein Haupthaar nicht scheren. Prompt sehen wir Eva, wie sie mit der Schlange am Baum Zwiesprache hält, als wolle die ihr etwas ins Ohr flüstern. Die Schlange galt der Antike, mit Philo v. Alexandrien, als das weiseste Tier überhaupt und war u. a. Sinnbild der – unsterblichen – Erdenergie. Wundert uns also noch, daß Eva die Haare zu Berge stehen? Sie steht unter Starkstrom, wie ihn die geistige Erregung so mit sich bringt. Und Adam, kahl wie ein Kürbis, steht mit hängenden Schultern daneben und verpaßt gerade seine Einweihung ins Leben.

Im Heiligtum zu Kophtos wurde eine Haarlocke der Isis als ihre allerheiligste Essenz aufbewahrt. Daran muß ich denken, wenn ich die für Hathor typischen Spirallocken sehe, die auf den Elfenbeinschnitzereien das Gesicht der Göttin umrahmen. Hathor, die Goldene, Himmelskuh, mit der Sonne zwischen den Hörnern, Göttin der Liebe, des Rausches und des Tanzes. Sie harmoniert mit der Aschera, einst offenbar die Gefährtin des biblischen Jahwe, die stolz und freudig ihre Brüste mit den Händen hebt. Ein Sinnbild für fröhliche, unverkrampfte Sexualität, einer Sexualität, die bei uns schon lange nicht mehr mit dem Heiligen verbunden wird.

Ischtar, Königin von Himmel und Erde

Von der Aschera führt ein direkter Weg zur großen Göttin Inanna-Ischtar, die ab dem 3. Jtd v. Chr. bereits im Zweistromland (heute Irak) als zentrale Gottheit verehrt wurde. Sie, von deren Verehrung die ältesten (Keilschrift-) Texte zeugen, die wir überhaupt bis heute ausgegraben haben, ist in der Ausstellung vertreten durch ihre Nachfolgerin Ischtar, die wir auf einem Fresko (ca. 1900 v. Chr.) in ihrem Heiligtum bewundern können, das gleichzeitig noch die Dattelpalme als ihren heiligen Baum und die Taube als ihr Symboltier zeigt.
Inanna, wie Ischtar, Königin von Himmel und Erde, Göttin der Liebe und des Kampfes, symbolisiert im Abend- und Morgenstern, den wir noch heute mit der Venus verbinden. Ihr klassisches Symbol sind der achtzackige Stern und die achtblättrige Rosette. Sie thront auf einem Löwen. Die liegende Mondsichel ist das Abbild ihrer heiligen Vulva am Himmel. Da ihr Stern Sonne (ihr Bruder) und Mond (ihre Eltern) am Himmel vorauf geht, ist sie die Heldin, die neue Wege eröffnet. Von ihr wird zum ersten Mal überhaupt erzählt, daß sie in die Unterwelt absteigt und nach drei Tagen zurückkehrt. Ihr Geliebter Dumuzi-Tammuz ist gleichzeitig das Lamm (seiner Mutter) wie auch der gute Hirte seines Volkes, auf der pflanzlichen Ebene erscheint er im Symbol des Korns (Emmerbrot und –bier) und auf der menschlichen verband er sich mit dem amtierenden Königtum. Wenn die Göttin diesen Gott liebte, dann liebte sie mit und in ihm die gesamte Welt: Pflanzen, Tiere und Menschen!

Isis, die erste Universalgottheit

Eine Symbolik, die wir auch bei Isis und Osiris finden, denen in der Ausstellung der größte Raum gegeben wird. Völlig zu Recht, denn Isis war die erste Universalgottheit der Geschichte überhaupt: „Una, quae est omnia“ wurde sie in hellenistischer Zeit genannt, die eine, welche alle ist, die Kraft sämtlicher Göttinnen und Götter in sich vereint, von der es hieß, daß sie „mit fraulichem Schein“ alle Religionen erleuchtet. Die erklärte „Göttin der Frauen“, die bestimmte, „daß Frauen von Männern geliebt werden“! Ihre Geschichte auf ein „Familiendrama“ zu verkürzen, wie es die Ausstellung tut, ist unangebracht. Es ist vielmehr ein kosmisches Drama, in dem sich nicht nur ihre Liebe zu Osiris und dem gemeinsamen (Sonnen-)Sohn Horus bewähren muß, sondern in dem sie Menschen wie Tieren die gleiche Liebe zuspricht, die sie ihrem göttlichen Gatten gewährt. Ein Gedanke, der nach und nach die Vorstellung von persönlicher Auferstehung mitbegründete. Ab dem 3. Jhd v. Chr. huldigt ihr der gesamte damals bekannte Erdkreis. Aber sie zwingt sich niemandem auf, alle dürfen sie vielmehr unter den Namen verehren, die sie schon immer kannten. Das brachte ihr die Beinamen „polyonimos“ oder „myrionimos“, die mit den vielen, bzw. tausend Namen ein! Es war nicht wichtig, unter welchen Namen man sie anrief, Hauptsache, das weibliche Prinzip wurde zentral in der Welt verehrt. Ein Prinzip, welches das Männliche nicht ausschloß, sondern – über den symbolischen Gefährten – in Liebe umfing, am Leben erhielt und zu neuem Leben erlöste. Ein dialogisches Prinzip, von dem ich mir wünschte, wir würden es für den gesamten Erdkreis wiedergewinnen. Auch dazu könnte die Ausstellung ihren Teil beitragen!

Zur Person: Vera Zingsem ist Autorin des bekannten Standardwerks Göttinnen großer Kulturen. Mit zahlreichen Abbildungen und Originalquellen aus 4000 Jahren, auch unter „Der Himmel ist mein, die Erde ist mein. Göttinnen großer Kulturen im Wandel der Zeiten“ zu finden..Die Ausstellung “Gott weiblich” wurde zum ersten Mal in Deutschland in der kleinen Bischofsstadt Rottenburg gezeigt. Da dieses Städtchen nicht viel mehr als einen Steinwurf von ihrer Heimatstadt Tübingen entfernt liegt, wurde die Ausstellung zu ihrem zweiten Zuhause.

In Würzburg bietet Vera Zingsem 2stündige Sonderführungen durch die Ausstellung an: zur Zeit noch am 28. 7. und 4. 8., jeweils um 12 und 14.30 Uhr. Anmeldung erbeten unter verazingsem@gmx.de oder 07071/83981
Gruppen führt sie auf Anfrage auch an speziellen Terminen.

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