Seemannsgarn – auf dem Frachter nach Australien

Einfahrt Lissabon Foto: Rose Marie Gasser

„Unter einem atemberaubenden mit Millionen Lichtern übersäten Himmelszelt gleitet die gigantische Matrone beinahe geräuschlos über die See. Mir ist nach Danken, nach Kontemplieren. Mir ist so viel Gutes widerfahren die letzten Tage. Ich breite meine Arme aus und fühle mich mit dem Universum verbunden. Ich spüre meinen Körper nicht mehr, verschmelze mit den Sternen, mit dem Horizont. Der laue Nachtwind erfasst meine Erregung und ich verströme auf das offene Meer…“

Noch heute, 24 Jahre später kann Rose Marie Gasser Rist sich immer wieder diesen spirituellen Augenblick ihres Lebens vergegenwärtigen. Und sich unmittelbar und jederzeit wieder an die Schöpfung anbinden. Dadurch, dass sie auf einem Frachter in gemächlichem Tempo  bis ans andere Ende der Welt reiste, bekam sie ein Gefühl für die Grösse und Schönheit des Planeten Erde. Die Reise wurde zu dem Ding in ihrem Leben. Dabei war die Wahl des Seeweges eigentlich nur Mittel zum Zweck. Denn sie wollte nach Australien auswandern, um die geistige Enge der alten Schweizer Heimat ein für alle mal hinter sich lassen. Und sie hat sich noch etwas anderes vorgenommen: sich nach einer bitteren Erfahrung nicht mehr zu verlieben. Doch wie so oft, es kommt anders als man denkt.

Foto: Rose Marie Gasser

In Hamburg bestieg Rosi im Sommer 1988 den polnischen Frachter. Die erste Woche war furchtbar. Lange Tage, die gefüllt werden wollten. Langeweile kam auf, doch vor allem die Ernüchterung, sich selbst stundenlang ausgeliefert zu sein. All die Abgründe und noch schlimmer die eigene banale Mittelmässigkeit mussten erst mal kennen gelernt- und ausgehalten werden. Hinzu kam: Ein aufdringlicher Steward machte ihr das Leben schwer. Rosi musste ihre ganzen Kräfte aufbieten um dem Wüstling  Paroli zu bieten. Gerade in dem Moment, als sie dem überdrüssig, in Genua den Zug zurück in die Schweiz nehmen wollte, stieg ein amerikanischer Professor mit seiner australischen Gattin zu. Dankbar begrüsste sie die weit gereisten, belesenen Tischnachbarn. Mit ihnen führte sie fortan angeregte philosophische Gespräche.

Der Frachter löscht auf seiner Reise um Europa und durch den Suezkanal an einigen Häfen die Ladung. Die junge Schweizerin hat beim Landgang Gelegenheit, andere Länder und Sitten kennen zu lernen, was sie sehr anregend findet. Und dann war da noch dieser Matrose, der singen und Gitarre spielen konnte. Während er Rosie die ersten Griffe beibrachte, begannen ihre Vorsätze in der heissen Mittelmeersonne dahin zu schmelzen. Der Matrose schaffte es, sie zu umgarnen.

Auf dem indischen Ozean, zwanzig Tage ohne Land in Sicht, fern der menschlichen Zivilisation schrumpfte nach Rosi’s Empfinden der riesige Frachter zur Nussschale. Die Crew und Fahrgäste waren auf Gedeih und Verderb der Laune des Meers und der Elemente ausgeliefert. Diese Zeit wurde für Rosi zu einer tief greifenden, spirituellen Erfahrung. Sie erlebte ausserkörperliche Zustände, die sie vorerst nicht einordnen konnte. Und es waren die atemberaubende Schönheit und die Stille des Meeres, Rosi bekam eine Ahnung der Schöpfung; Wellen von Glücksgefühlen durchfluteten die junge Frau.

Dass die Ankunft in Australien ihr gleich in  mehrfacher Hinsicht den Boden unter den Füssen wegziehen würde, damit hatte Rosi nicht gerechnet. Nach sechs Wochen auf See schwankte der Boden bei jedem Schritt. Sie  musste sich dauernd hinsetzen. Hinzu kam Liebeskummer. Von Anbeginn stand fest, dass sie den Matrosen wieder ziehen lassen musste.  In Australien kannte Rosi niemanden. Von anderen  Backpackern hörte sie, dass es einfach wäre,  in Australien schwarz zu arbeiten. Doch  das stellte siech als Mär heraus. Vor allem ihr  Englisch reichte hinten und vorne nicht. Der Libanese, der ihr gesetzeswidrig eine Chance gab, entliess sie nach nur einem Tag, weil sie die verschiedenen Bagels nicht auseinander halten konnte. Nach zwei Monaten ging Rosi das Geld aus. Reisefreunde liessen sie am Ende umsonst bei ihnen übernachten. Und dank einem weiteren illegalen Job in der Nacht vor der Rückreise – sie putzte in einer Zigaretten-Fabrik – verdiente sie sich eine handvoll Dollar für den Zwischenstopp in Singapur.

Foto: Rose Marie Gasser

Hatte sich die Reise gelohnt?  Rose Marie zögert mit der Antwort keine Sekunde. «Die Erlebnisse von damals nähren mich heute noch», sagt sie. 2008 begann sie als erwachsene Frau die damaligen Tagebuchnotizen aufzurollen. Da  und dort hat sich Rose Marie’s Fantasie verselbständigt. Es ist so eine humorvolle, besinnliche Erzählung entstanden, die unter dem Titel SEEMANNSGARNals Buch erschienen ist.

Kann auch direkt bestellt werden bei der Autorin: seemannsgarn@bluewin.ch oder auf der Website.

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    Ich würde nur einem Gedanken trauen, der mindestens zehn Kilometer gewandert ist.

    Friedrich Nietzsche

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