Der Sorgenbaum

Erich Westendarp / pixelio.de

In der weiten Provinz Irgendwo des Landes Überall stand seit Menschengedenken ein mächtiger Doppelbaum, von dem die Menschen annahmen, daß gute Geister in seiner mächtigen Krone zu Hause wären und über das Wohl und Wehe der Dorfbewohner wachten. So sah man auch oft einzelne Menschen, aber auch Elternpaare mit ihren Kindern, die sich unter das dichte und mächtige Laub begaben, um den Geistern ihre Sorgen und Nöte anzuvertrauen.

Eines Tages machte im Dorf eine Nachricht die Runde, daß man seine tiefsten Sorgen einmal anonym aufschreiben solle, sie gut in ein Paket einpacken, und dies dann in den Baum hängen solle. Die Bedingung dabei wäre jedoch, bei der Gelegenheit eines der anderen, dort hingehängten Pakete abzunehmen, es nach Hause zu tragen, um es dort zu öffnen und zu lesen.

Von dieser Nachricht wurde natürlich sofort reger Gebrauch gemacht, und bald hatten alle Bewohner am Baum ihr Päckchen abgeladen, und – wie verlangt das Päckchen eines anderen mit nach Hause genommen.
Als man jedoch das heebrachte fremde Sorgenpaket öffnete, mußten alle mit Bestürzung feststellen, daß die Sorgen, Nöte und Ängste der anderen ja oftmals die eigenen noch bei weitem übertrafen – zumindest aber nicht geringer waren. Schleunigst liefen die Menschen auf dem schnellsten Wege zurück zum Geisterbaum, um ihre eigenen Sorgenpakete wieder zurückzuholen.

Fortan hörte man im Dorf niemand mehr über seine Nöte und Sorgen klagen, und alle dankten im Stillen den weisen Geistern, deren Wispern man so oft in der mächtigen Baumkrone hören konnte.

Aus einer alten indischen Fabel

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  • Petra Lewerenz

    … ich mag diese Geschichte sehr – ein anschaulicher Beitrag zum Verständnis und zur Nächstenliebe.

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.”

Rilke

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