Den Wandel freudvoll erleben

Foto: newslichter

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Auszüge aus “Mut zum Lebenswandel – Wie Sie Ihre biografischen Erfahrungen sinnvoll nutzen“ von Brigitte Hieronimus. Zwischen 50 und 60 betrachten die meisten Menschen das Leben weniger emotional. Nur noch selten kommt das Wort Liebe im Zusammenhang mit Partnerschaft über die Lippen. Wir gestehen uns ein: Was wir in jungen Jahren für Liebe hielten, war meist eine romantisierte Verschmelzung oder Verstrickung. Damals waren wir nicht in der Lage, Zusammenhänge zu unseren kindlichen Abhängigkeitsmustern herzustellen und zu erkennen, dass es unser eigener innerer Mangel war, der diese Gefühle hervorrief.

Deshalb erfror auch die Sexualität nach und nach. Für uns das eindeutige Signal, dass die Ehe/Partnerschaft am Ende war. Unzählige Beziehungsratgeber schlagen noch immer unermüdlich vor, darauf zu achten, regelmäßig romantische Abende zu zweit zu verbringen, raus aus der Jogginghose und rein in verspielte Dessous, Wochenendtrips ohne die Kinder zu unternehmen, dem anderen mehr Komplimente zu machen, achtsam zu bleiben und sinnvolle Gespräche zu führen, statt vor dem Fernseher zu versauern. Manchmal helfen diese Ratschläge, meistens aber nicht. Denn in der Regel werden diese Maßnahmen nur halbherzig und dem Partner zuliebe durchgeführt, während die Ursache der Krise im Dunkeln bleibt. Bevor also eine Beziehung vorschnell für gescheitert erklärt und überstürzt eine neue eingegangen wird, ist es sinnvoll, erst mal genügend Abstand zu gewinnen, um die Situation möglichst realistisch einzuschätzen und sich solange mit Wissen über die ganz normalen menschlichen Muster des Wandels auszustatten. In jeder engen Beziehung gibt es im Laufe des Miteinanders verschiedene Phasen, in denen die physische, emotionale und intellektuelle Nähe mal stärker, mal weniger stark ist. Manchmal nimmt die körperliche Nähe vorübergehend ab, dafür wächst die geistige; ein anderes Mal brauchen wir eher eine innige Umarmung statt erklärende Worte. Wenn es uns also gelingt, feinfühlig und aufmerksam zu bleiben, können wir immer wieder von Neuem in den Genuss des leidenschaftlichen Zaubers kommen. Und kühlt die Leidenschaft mal ab, sollten wir uns – statt in Angst oder Ärger zu versinken – für neue Formen der Intimität öffnen, zumal diese gleichwertig, manchmal sogar befriedigender sein können.

Ein bewährtes Hausmittel
Was bei der ersten Begegnung so anziehend war, die ersten Schmetterlinge der Verliebtheit, die ersten Küsse und Berührungen, die ersten zärtlichen Worte … All das wird im Nachhinein oft abgewertet und einem hormonellen Rauschzustand zugeschrieben, der das Hirn vorübergehend vernebelte. Dabei wird allerdings übersehen, dass Verliebtheit ein besonderes Geheimnis birgt: In den ersten entscheidenden Tagen, Wochen und Monaten laufen wir nämlich zur Bestform auf, wodurch das Kostbarste in uns und im anderen zu Tage gefördert wird. Ohne Angst und Vorbehalt lassen wir uns mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele auf den anderen ein und sind in der Lage, das Fremde und Unbekannte unvoreingenommen zu respektieren. Deshalb sollten wir immer mal wieder das innere Bild des verliebten Paares, das seine emotionalen Spuren hinterlassen hat, entstauben und uns darüber austauschen: Was haben wir damals am anderen geschätzt? Was schätzen wir heute immer noch aneinander?

Sollten Paare nach der Verliebtheitsphase ihr Beziehungsmuster ungünstig ausgelebt haben, können sie trotzdem glücklich miteinander werden, vorausgesetzt, sie lassen sich auf den Wandel ein. Vielleicht motiviert ja die Aussicht, dass man mit 50 die beste sexuelle Zeit erst noch vor sich hat, weil guter Sex persönlicher Reife bedarf. Deshalb lohnt es sich in den Jahren zwischen 50 und 60, sich selbst, aber auch gemeinsam Fragen nach dem tieferen Sinn der Beziehung zu stellen: Warum sind wir überhaupt zusammen? Und wie soll unsere Beziehung in Zukunft sein? Denn eins ist sicher: Früher oder später kommt jede Beziehung an den Punkt, wo sich einer von beiden aus emotionalen Zwickmühlen befreien will und sich neu organisiert. Interessanterweise zeigt sich in der biografischen Paarberatung, dass viele Paare eine sehr hohe Schmerz-, aber nur eine niedrige Veränderungstoleranz mitbringen. Die Folge der inneren Abwehr gegen den notwendigen Wandlungsprozess ist ein sinnloser Schmerz. Der heilsame Schmerz hingegen ist ein Wachstumsschmerz: Wir erkennen unsere destruktiven Vermeidungsmuster, die unserem inneren Fortschritt im Weg standen, und beginnen zu fühlen, was wir brauchen und was wir nicht brauchen. Um sich bewusst für eine trag- und zukunftsfähige Beziehung zu entscheiden, die sich verändern darf, sind Mut und Vertrauen nötig. Den größten Vertrauensbeweis erbringen wir deshalb gegenüber uns selbst: Trauen wir uns zu, die ganze Fülle – mit allem Guten und vermeintlich Schlechtem – auszuhalten? Dazu müssen wir bereit sein, falsche Denk- und Gewohnheitsmuster zu hinterfragen und sie nach und nach umzuwandeln.

Die Umwandlung schlechter Gewohnheiten

Nach 60 Jahren stellen viele Menschen erleichtert fest, dass sie die eine und andere Krise erfolgreich gemeistert haben und welche persönlichen Kräfte daraus erwachsen sind. Manches aber will noch einmal angeschaut werden, damit es endgültig abgeschlossen werden kann. Wo das nicht passiert, eröffnen sich später bedeutend weniger Möglichkeiten, Sinnzusammenhänge zu erkennen. In diesen Jahren geht es daher noch einmal verstärkt um die Frage, ob wir unsere wichtigsten Lebensziele verwirklichen konnten und was noch aussteht. Lebe ich die mir entsprechende Lebensform? Wie ist das Verhältnis zu den Kindern, Enkeln, Schwiegerkindern und wie stehen diese zu uns? Welche Vorstellungen, Ideen und Pläne sind da, wenn die Berufstätigkeit ausläuft? Dazu müssen wir uns klar werden, wer wir eigentlich sind oder noch besser wer oder was wir nicht mehr sind. Wer und was inspiriert und begeistert uns heute? Was hemmt und behindert uns? Oftmals sind es gar nicht die Menschen im nahen Umfeld oder die nicht optimalen Rahmenbedingungen, die uns blockieren, sondern unsere eingefleischten Gewohnheiten, Überzeugungen und Haltungen. Sie sind es, die uns daran hindern, ein zufriedenes Leben zu führen. Wir können sie nicht einfach amputieren, aber wir können Neues dazulernen und dem Alten nicht mehr so viel Raum geben. Die Frage lautet: Bin ich mit meiner derzeitigen Lebensernte zufrieden? Was kann ich an Neuem säen, wenn mir nicht gefällt, was ich auf meinem Feld vorfinde?

Wer jetzt Mühe hat, seine allmählich nachlassenden körperlichen Kräfte in geistige Schaffenskraft umzuwandeln, wird allerdings keine neuen Lebensperspektiven wahrnehmen können. Wo geistig vorwärtsdrängende Energien unterdrückt werden, besteht die Gefahr, in eine Altersdepression zu rutschen oder einen Rückzug in Krankheiten anzutreten. Manche beginnen bereits mit 40 zu glauben, in diesem Alter lohne es sich nicht mehr … und öffnen damit das Tor zur Resignation. Den Zugang zur geistigen Spannkraft hingegen findet, wer seine bisherigen Erfahrungen als Reichtum fühlt. Immerhin hat jede Erfahrung dazu beigetragen, dass wir uns weiterentwickelt haben. Dafür dürfen wir dankbar sein. Und jetzt öffnet sich eben wieder ein Zeitfenster für einen psychischen Hausputz: Selbstbilder, Glaubenssätze, Gedankenmuster gilt es gründlicher als je zuvor zu überprüfen. Die Jahre ab 60 heißen deshalb auch Bekenntnisjahre: Ich bekenne mich zu mir und zu dem, was noch verborgen in mir ruht. Und damit machen wir uns dann auf den Weg zu weiteren Gestaltungsmöglichkeiten.

Biografische Fragen zum neunten Jahrsiebt (56 – 63 Jahre)

Konnte ich meine wichtigsten Lebensziele verwirklichen?
Was steht noch aus?

Wie sieht es mit meiner geistigen Schaffenskraft aus?
Was bedeutet Muße für mich?

Was bin ich bereit, der „Welt“ (Gesellschaft) zu geben?
Mit welchen Fragen kommen die Menschen auf mich zu?

Welche Talente habe ich in meinen jungen Jahren ausgebaut? Welche nicht? Welche wären jetzt umsetzbar?
Gibt es neue Begeisterungsquellen?

Wie sieht meine aktuelle Lebensbilanz aus?
Welche Menschen inspirieren, fördern mich? Welche beschränken mich?

Hintergrund: Das ist der erste Teil einer neuen Serie bei den newslichter, in der monatlich immer ein Lebensjahrsiebt vorgestellt wird. Dank an den Kamphausen Verlag für die Freigabe der Auszüge aus dem Buch Mut zum Lebenswandel – Wie Sie Ihre biografischen Erfahrungen sinnvoll nutzen. Eine ausführliche Besprechung des Buches hier.

brigitteZur Person: Brigitte Hieronimus arbeitet als erfahrene Paar-und Biografieberaterin, Trainerin, Referentin zum Thema Wechseljahre und Dozentin für biografisches Schreiben. Der Autorin gelingt es auf lebendige Weise, den Lesern eine mutmachende neue Sichtweise zu vermitteln. Daher ist sie immer auch gefragte Interviewpartnerin in TV, Hörfunk und Presse. Mehr auf ihrer Webseite www.brigitte-hieronimus.de

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Ein Kommentar zu “Den Wandel freudvoll erleben
  1. Danke für den Artikel. Eine Ergänzung aus meiner Sicht: Mir kommt das Wort Liebe im Zusammenhang mit Partnerschaft mehr denn je im Alter zwischen 50 und 60 über die Lippen, manchmal erscheint es mir erst in diesem Alter so richtig wahr 🙂

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