, 3. Juni 2012

Anleitung zum Genüsslichsein

Von Ute Woltron Der Mensch lebt mit allergrößter Wahrscheinlichkeit doch nur ein einziges kostbares Mal, wessentwegen ich persönlich es für ganz unklug halte, auch nur einen Tag dieses Daseins mit Unzufriedenheit und unnötigem Grant zu verschwenden. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass jeder Tag möglichst lustvoll zu gestalten sei. Wie jeder Einzelne das anstellt, bleibt ihr oder ihm überlassen, ich jedenfalls finde größtes Vergnügen beispielsweise in der schweißtreibenden Bearbeitung meines Gartens und in der experimentellen Verwertung seiner Produkte in meiner Küche.

Ute Woltron im Wein

Es gab einen Moment in meinem damals noch gar nicht sonderlich gärtnerischen Leben, in dem ich innehielt und gründlicher nachzudenken begann. Dieser kathartische Moment der Erkenntnis hält bis heute an. Er hat vieles beeinflusst. Er senkte sich über mich, als eine energiedurchpulste holländische Tomatenmarketingdame mir eben eine raffinerieartige Anlage mit allerlei Schläuchen und Computerterminals erklärte, die für die Nährstoffzusammensetzung der Bewässerung der Tomaten im angeschlossenen Glashaus zuständig war.

Dort hingen Tomatenproduzentinnen für die ganze Welt an langen Seilen: Sorgfältig angebunden, die Wurzeln in einem Glaswollesubstrat versenkt, mit allerlei Schläuchen am Leben gehalten, von eigens für diesen Zweck gezüchteten Hummelvölkern in Kunststoffquaderbehausungen bestäubt. In mir keimte eine Art Intensivstationsgefühl auf, gemischt mit ein wenig Sci-Fi-Furcht. Wir haben eine Welt geschaffen, in der die Tomaten rund um den Globus fliegen, in der wir Europäer zu Weihnachten Kirschen essen, während im Herbst die Äpfel auf unseren Wiesen verrotten. Das Grauen! Das Grauen!

“Eine neue Welt ist pflanzbar”
- Motto der Urban Gardening Bewegung

Ich will keine Tomaten essen, die dafür gezüchtet wurden, wochenlang haltbar zu sein. Ich will auch meinen ökologischen Fußabdruck nicht mit Gewalt vergrößern. Ich ziehe die Tomaten, die ich esse, selbst oder kaufe die, die aus meiner Umgebung stammen. Frisch im Sommer, eingekocht und eingemacht im Winter. Ich schöpfe aus dem unglaublichen Angebot an Sorten, ich bade nachgerade in Tomatenvielfalt. Ich genieße sie, wenn sie da ist. Und jedes Jahr freue ich mich auf die neue frische Ernte.

Als ich einem meiner verfressensten Lieblingsgäste dann die ersten selbst gezogenen, selbst getrockneten und in Olivenöl eingelegten knisterig-knusprigen Tomatenscheibchen auf gerösteter Focaccia servierte, riss der die Augen auf und sagte: “Ich habe ganz vergessen gehabt, wie Tomaten schmecken können!”
Auch wenn Sie glauben, bar jeden gärtnerischen Talents zu sein: Versuchen Sie das Tomatenziehen. Wenn Sie einen sonnigen regengeschützten Platz haben, wird es gelingen, und Sie werden den Unterschied zwischen gelagerten und frischen Tomaten, vor allem aber die aromatischen Unterschiede der hunderten zur Verfügung stehenden Sorten zu genießen lernen.
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