, 1. Juli 2012

Reisen: Breche auf! Teil I

Von Christoph Quarch.„Es gibt“, heißt es in einem alten hinduistischen Lehrbuch, „kein Glück für den Menschen, der nicht reist. Gott ist ein Freund der Reisenden. Also breche auf!“ Nicht nur die alten Inder wussten solches – auch die Weisen anderer Völker lehrten und lehren die tiefe spirituelle Bedeutung, die jeder echten Reise innewohnt. „Unternimm eine Reise“, ermutigte etwa der große Sufi-Mystiker Rumi seine Leser. Wobei er nicht verschwieg, was er unter einer echten Reise verstand: „Unternimm eine Reise vom Ich zum Selbst“; eine Reise, bei der es wirklich etwas zu erfahren gibt; eine Reise, die den Reisenden verändert und mit jedem Reisetag mehr zu sich kommen lässt.

Foto: Crystal Niessing

Nur: Wer reist schon so? Und wie macht man das? Einer, der darüber Auskunft erteilt, ist Ilja Trojanow, jener Autor wunderbarer Reisebücher, bei dem in die Schule gehen muss, wer die Kunst des Reisens zu lernen begehrt. „Reise nicht von der Heimat in die Fremde und wieder zurück“, rät er, „sondern verwandle die Fremde in Heimat!“ Was der weitgereiste Bulgare damit sagen will: Nur der weiß zu reisen, der seine Reise mit offenem Ausgang antritt; dem es nicht darum geht, an ein schon gewusstes oder gewolltes Ziel und schon gar nicht am Ende wieder nach Hause zu kommen. Sondern der aufbricht, um Neues zu entdecken. Ganz im Sinne des großen jüdischen Philosophen Martin Buber, der einst schrieb: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt“.

“Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alle Küsten aus den Augen zu verlieren.” Andre Gide

Nimmt man dies zum Maßstab, wird man fragen müssen, ob es überhaupt noch Reisende gibt. Oder ob der gängige Tourismus nicht längst das eigentliche Reisen unmöglich gemacht hat. „Fast jeder ist unterwegs, aber wer ist wirklich auf Reisen?“, fragt Trojanow nicht ohne Grund und erklärt: „Reisen ist keine Produktlinie des ADAC, Reisen geht über die Veränderung der Lokalität hinaus – Reisen kann ein metaphysischer Akt des Erkennens und Erfahrens sein.“ Wer hingegen glaubt, die Welt im Schutz der Panoramascheibe eines Reisebusses oder vom Deck eines Kreuzfahrschiffes erkunden zu können und dabei den Staub, Schmutz und Gestank der Fremde scheut, wird nie den spirituellen Zauber des Reisens ahnen.

Denn dafür braucht es eine andere Haltung als die des Touristen. Vier Wegweisungen gibt Trojanow allen wahrhaft Reisewilligen: alleine reisen, ohne Gepäck, zu Fuß, hinter der Fassade des Offensichtlichen. Warum? Der erfahrene Reiseautor ist um eine Antwort nicht verlegen: „Nur wer alleine reist, setzt sich völlig aus: einer unbekannten Welt, einer unverständlichen Sprache. Alleine ist man ständig wach und aufmerksam, biegsam und zugleich angespannt wie eine Bogensehne.“ Alleine reisen ist so gesehen eine Initiation. Nicht ohne Grund schickten einst die englischen Aristokraten ihre halbwüchsigen Söhne auf die „Grand Tour“. Sie wollten Männer aus ihnen machen. Weiterlesen in Teil II

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