Beiträge zu Erziehung

Wenn Erziehen nicht mehr geht

Es ist sicherlich eine der schwierigsten Zeiten in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern: Die Pubertät. Der bekannte Erziehungsexperte und Autor Jesper Juul meint: „In der Pubertät fangen Eltern oft an mit einer Art Turboerziehung, um in letzter Minute noch alles richtig zu machen. Das kann nicht funktionieren. Jetzt kommt es auf die Beziehung an.“ Sein neuestes Buch „Pubertät“ basiert auf einem Intensivseminar, in dem 10 Familien mit Jesper Juul zusammen arbeiten. Nachfolgend ein Auszug aus dem Buch.

Die Frage: Loszulassen und Vertrauen zu haben ist oft nicht einfach. Von unseren drei Jungs sind zwei bereits 16 und 17 Jahre alt und deutlich keine kleinen Kinder mehr. Wir Eltern bekommen den Drang unserer Söhne, ihre Flügel auszubreiten, um allen Abenteuern, die die Erwachsenenwelt zu bieten hat, entgegenfliegen zu können, stark zu spüren. Dabei bleiben unterschiedliche Ansichten selbstverständlich nicht aus. Einer unserer ständigen Reibungspunkte ist der Hang der Jungs, bei Treffen mit Freunden gerne und nicht immer wenig Alkohol zu konsumieren. Bis sie 16 wurden, missachteten sie des Öfteren unsere Vorgabe, dass Alkohol überhaupt tabu sei. Gegen unser Verbot kämpften sie mit vielen Argumenten, insbesondere mit dem, dass man überall auf der Straße Jugendliche sehen könne, die mit Bierflaschen in der Hand unterwegs seien, und wie nicht zeitgemäß doch unsere Einstellung wäre. Mit dem Erreichen des ersehnten 16. Lebensjahrs wollten meine Frau und ich unseren Jungs aber trotzdem keine ausufernden Alkoholexzesse zubilligen, sondern stellten uns einen kontrollierten, gemäßigten Umgang mit Alkohol vor. Sie können sich sicher vorstellen, dass hier unterschiedliche Ansichten aufeinander prallten. Es ist nicht leicht, wenn man als antiquiert und hinterwäldlerisch abgestempelt wird, weil man letztlich Sorge hat um seine Kinder. Noch weniger möchte man ihnen den Spaß verderben, muss aber zunehmend auch noch mit den schlechten Vorbildern der Erwachsenen klar kommen, die genauso in öffentlichen Verkehrsmitteln ihre Feierabendbierchen trinken.
Ich würde mich freuen, wenn Sie zu diesem Dilemma etwas schreiben könnten. Wie sagen doch meine Jungs so schön? Du kannst die Augen vor dem Alkohol nicht verschließen, Spaß muss sein.

Antwort von Jesper Juul:

Die Qualitäten eines Vaters bemessen sich nicht nach den Regeln, die er seinen Söhnen vorgibt, sondern nach der Art seiner Reaktion, wenn diese Regeln gebrochen werden. Das bedeutet nicht, dass ein Regelbruch glorifiziert werden soll oder dass man von vornherein darauf verzichten könnte, für einen gewissen Ordnungsrahmen zu sorgen. Denn dieser Rahmen, dem jeder Jugendliche im Grunde seines Herzens positiv gegenübersteht, ist doch Ausdruck der Fürsorge und Besorgnis der Eltern und zwingt die Jugendlichen ihrerseits, eine bestimmte Haltung einzunehmen und Verantwortung für ihr eigenes Handeln an den Tag zu legen. Es bedarf einiger Jahre in diesem Spannungsfeld von Liebe, Freiheitsdrang, Angst und Besorgnis, damit die Jugendlichen erwachsen werden und ihre Erwachsenen loslassen können.

Für Sie und Ihre Frau ist der Alkohol zum primären Feind geworden, und die Angst vor dem Alkoholmissbrauch Ihrer Söhne liefert Ihnen die Energie, den Kampf gegen diesen Feind aufrechtzuerhalten. Sie können sich glücklich schätzen, Söhne zu haben, die zu ihrem eigenen Verhalten stehen, was einiges über Ihren Erziehungsstil in den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren Ihrer Kinder aussagt. Diese suchen die offene Diskussion mit Ihnen, statt sich zu verstellen oder Sie anzulügen. Das würde ich an Ihrer Stelle mit einem »kleinen Gläschen« feiern!

Missbrauch und Abhängigkeit sind ein furchtbares Schicksal, und wir wissen inzwischen, dass Jugendliche wie Erwachsene von verschiedensten Dingen abhängig werden können: von Alkohol, Drogen, Shopping, Sex, Computerspielen, Internetsurfen, Psychopharmaka, Glücksspielen etc. Der missbräuchliche Konsum der Erwachsenen übersteigt den Missbrauch der Jugendlichen um ein Vielfaches, hat jedoch dieselben Ursachen: ein niedriges Selbstwertgefühl, ein negatives Selbstbild und die mangelnde Fähigkeit, mit den Höhen und Tiefen im Leben zurechtzukommen.

Das bedeutet, dass der Einsatz der Eltern in den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren ihrer Kinder entscheidend für deren weiteres Schicksal ist. Auch muss man Eltern davor warnen, angesichts ihrer halbwüchsigen Sprösslinge in eine erzieherische Torschlusspanik zu verfallen und Versäumtes jetzt nachholen zu wollen. Ihre Söhne kennen Ihre Einstellung zur Kombination Jugend und Alkohol ganz genau, und das ist wichtig! Sie können sicher sein, dass Ihre Haltung ernst genommen wird und Ihre Kinder im Stillen mit sich zurate gehen oder mit Freunden darüber diskutieren. In Ihrer Familie hat dies vorläufig dazu geführt, dass Ihre Söhne sich entschlossen haben, Ihnen in einem bestimmten Punkt nicht zu folgen. Die beiden konfrontieren Sie im Moment sowohl intellektuell als auch faktisch mit der Tatsache, dass sie hin und wieder Alkohol trinken. Das deutet darauf hin, dass drei Dinge intakt sind: Ihre Beziehung zueinander sowie das Selbstwertgefühl und das Selbstbild Ihrer Söhne. Sie haben als Vater bisher einen großen Einfluss ausgeübt und im besten Sinne »Eindruck« auf Ihre Söhne gemacht. Folglich werden auch die kommenden Jahre ebenso qualitätvoll verlaufen, sofern es Ihnen gelingt, an Ihrer Rolle als Sparringspartner für Ihre Kinder festzuhalten, statt der Versuchung zu erliegen, diese mit der Rolle von Polizisten und Richtern zu tauschen.

Das, was heute gemeinhin als »Komasaufen« bezeichnet wird, hat es bei Jugendlichen und jungen Männern schon immer gegeben. Früher fand dies allerdings im Verborgenen statt, was es vielen Eltern ermöglichte, davor die Augen zu verschließen. Heutzutage sind viele Eltern gezwungen, zu diesem Thema ebenso Stellung zu beziehen wie zum Thema der offenen Sexualität. Traditionellerweise haben Eltern darauf mit Verboten, Konsequenzen und Strafen reagiert, was ihre Kinder aber nur in Ausnahmefällen dazu gebracht hat, ihr Verhalten zu ändern. Daher fühlen wir uns oft hilflos, wenn wir die jungen Menschen nicht dazu bringen können, sich so zu verhalten, wie wir es für richtig halten. Doch ist dies letztlich eine glückliche Entwicklung, von der die zukünftige Beziehung zu unseren Kindern noch sehr profitieren wird. Mein Fazit ist also, dass die Eltern Ihrer Kinder ganz hervorragende Arbeit geleistet haben und daher nicht der geringste Grund zu Angst und Besorgnis besteht. Hingegen besteht eine solide Grundlage für weitere Gespräche, Diskussionen und Konflikte, die beiden Seiten helfen werden, zu wachsen und ihre Einsichten zu mehren.

„Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht“
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten im Kösel-Verlag
Herausgeber Mathias Voelchert

Zur Person Jesper Juul: Der Däne, Jahrgang 1948, ist einer der bedeutendsten Familientherapeuten Europas. Er wurde durch zahlreiche Seminare, Vorträge und Elternratgeber international bekannt und ist Gründer des „Kempler Institute of Scandinavia“ bei Aarhus in Dänemark. Hier werden Menschen verschiedener Berufsgruppen, die professionell mit Familien zusammenarbeiten, zu Beratern ausgebildet. Darüber hinaus stärkt Jesper Juul die Kompetenz von Eltern in seinem Länder übergreifenden Beratungs- und Seminarprojekt „familylab“.

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