Back to the roots

Christina Kessler

Seit einiger Zeit befinde ich mich wieder auf Forschungsreise, und diesmal begegnen mir fernab der Zivilisation nicht nur „Eingeborene.“ Ganz im Gegenteil: die Eingeborenen werden immer weniger, wandern in die Städte ab, um dort die Erfüllung ihres Traums von Geld und materiellem Wohlstand zu finden; in der Regel landen sie in den Slums. Was mir in diesen entlegenen Gebieten auffallend oft begegnet, sind Zivilisationsmüde aus aller Welt, vor allem aus den Metropolen wie New York, Paris, Frankfurt, London…, tolle Typen, jung, wach, smart, durchtrainiert, erfolgsorientiert, dabei aber offen und den Blick nach vorne gerichtet – visionär, global. Doch sind diese Zivilisationsmüden keine Aussteiger; es sind Menschen, die sich ganz bewusst einen gesunden Ausgleich zum modernen Lifestyle schaffen. „Eigentlich leben wir zu Hause wie im Zoo,“ erzählte mir einer von ihnen, „Das hat zwar durchaus seine angenehmen Seiten, vor allem, was Sicherheit und Berechenbarkeit betrifft. Aber die Mischung aus gesellschaftlichen Konventionen, kommerziellen Zwängen und einem durch und durch technologisierten Umfeld macht dumpf und unkreativ. Außerdem ist sie zutiefst ungesund.“ Tatsächlich bewegen wir uns mehr und mehr auf einen Lebensstil zu, der Geist, Seele und Körper eher degeneriert statt „bildet“, trotz des ständig umfangreicher werdenden Wissensangebots. Längst sind es nicht mehr die Tiere, die domestiziert werden; wir erleben die Domestikation der Menschheit.

In der Ungezähmtheit suchen diese modernen Abenteurer den Kontrast zu einem Leben im Büro, im Sitzen, vor dem Computer, zwischen Time-Management und Multitasking. Sie wollen ihren vollgestopften Kopf leer kriegen, Ballast abwerfen, sich bewegen, die Elemente spüren, Luft, Wasser, Erde, abends gemeinsam am Lagerfeuer sitzen und anstatt all der Wichtigtuerei einfach nur Freundlichkeiten und Anteilnahme austauschen.

„Man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als so genannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack durchaus rein zu genießen,“ ließ schon Johann Wolfgang von Goethe 1828 in seinen Gesprächen mit Eckermann verlauten. Back to the roots. Nicht für immer, aber immer wieder – und den wilden Geschmack dann für eine Weile hineintragen in die gewohnte Welt. Ein alter Menschheitstraum wird gegenwärtig zum Hype. Verbunden mit neuen Ernährungsformen, wie das den Jägern und Sammlern nachempfundene „Paleo“ und Wildlife-Sportarten wie barfuß durch den Dschungel rennen, auf Bäume klettern, Felsbrocken durch die Gegend schleudern oder sich an Lianen entlang schwingen, erhofft man sich auch die Skills und die kraftstrotzende Konstitution der archaischen Vorfahren zurückzuerobern.

Nein, ich mache mich nicht lustig. Ich finde das sogar ganz toll, selbst wenn Steinzeitmenschen und Naturvölker wahrscheinlich völlig anders drauf waren, als wir uns das vorstellen. Mir gefällt die Idee, die diese Menschen antreibt. Außerdem ist der Wunsch nach einem gesunden Leben, Natur und Ursprünglichkeit meist der Einstieg nach innen, in tiefere Ebenen des Bewusstseins und damit etwas Positives. Hinter diesem Wunsch steht die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit. Nach dem Wesentlichen. Nach Befreiung von all diesen unnützen, von Menschen gemachten Begrenzungen. Nach Anbindung an die innere Ordnung der Welt und nach einer tieferen Verbindung mit sich selbst. Die Sehnsucht nach Ungebrochenheit, Ganzheit.

Was mir daran noch gefällt: Diese Abenteurer zeigen uns, dass die Rückverbindung mit dem wahren Selbst nicht unbedingt nur in Ashrams und Meditationsgruppen stattfinden muss. Es geht auch wild. Und da geht die neue Innerlichkeit, glaube ich, hin: zu einem freien Geist und einem ungezähmten, wilden Herzen.

Zur Person: Christina Kessler ist Ethnologin, Philosophin, Soziologin und vergleichende Religionswissenschaftlerin. Ihr Credo: Ich liebe, also bin ich. In den Weisheitstraditionen fremder Völker findet sie Ganzheit und Verbundenheit sowie Inspiration, Menschen auf dem Weg der Selbstfindung, Bewusstseinsentwicklung und Potenzialentfaltung zu begleiten. Die Autorin lebt in München und Indien. Für die newslichter schreibt sie regelmäßig exklusive Kolumnen und hat die 33 Herzensqualitäten online in einer Kurzfassung veröffentlicht. Im März erscheint ihr neuestes Buch „Wilder Geist – Wildes Herz – Kompass in stürmischen Zeiten“.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Back to the roots
  1. Info sagt:

    „Ich liebe, also bin ich.“ … wundervoll, Christine. Suche Dich mal, da ich glaube, wir teilen Vieles. Lieben Gruß, Evelin Rosenfeld

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