Mit 60 fängt das Leben an

Foto: Dr. Matias Langer

Wenn andere mit knapp 60 Jahren nur noch ans Rentnerdasein denken, ist Dr. Matias Langer, Jahrgang 1951, nochmal durchgestartet. Er gründete die Firma Seidentraum. Dabei nutzte seine Erfahrungen als Geschäftsführer eines Naturtextil-Versandhauses und als Waldorfschullehrer im Fach Textil-Technologie. Sein Interesse an neuen Wirtschafts- und Arbeitsformen erforscht er jetzt in der täglichen Unternehmenspraxis. Seine Geschichte erzählt er im Interview.

Wie kommt man mit fast 60 Jahren dazu, nochmal ein Unternehmen zu gründen?

Ich glaube, die treibende Kraft für jede Unternehmung ist die Begeisterung für das Projekt, die Offenheit, jederzeit Neues erfahren und lernen zu können und das Gefühl, noch nicht auf dem absteigenden Ast zu sein. Leider gibt es viele Menschen, die mit 60 Jahren nur noch auf die „65“ hinblicken, um endlich Rentner sein zu können. Für mich ist das Rentner-Dasein im Moment nicht erstrebenswert.

Wie kam es zu der Idee einen Online-Shop zu eröffnen?

Ich habe den Eindruck, es „musste“ mir begegnen. Am Anfang stand die Begegnung mit einer indischen Designerin, Kamaldeep Kaur aus Gujarat, auf der Grassi-Messe im Oktober 2010 in Leipzig. Die von ihr entworfenen Bandhani-Seidenschals haben mich so fasziniert, dass ich den Gedanken nicht mehr loslassen konnte, diese handwerklichen Kunstwerke in Deutschland anzubieten. Wir kamen, als Kamaldeep bereits wieder in Indien war, miteinander ins Gespräch und ins Geschäft.

Was waren die größten Herausforderungen?

Nicht von vorn herein Schwierigkeiten zu sehen, die letztendlich gar keine waren, zum Beispiel: Wie kann man denn überhaupt Seide von Indien nach Deutschland importieren. Es lief alles ganz reibungslos. Die Herausforderung ist, Vertrauen zu haben, dass die richtigen Dinge geschehen und diese mit Leichtigkeit…

Was fasziniert Sie an dem Produkt Seide und ihren besonderen Schals?

Seide an sich ist etwas Kostbares. Das Geheimnis ihrer Gewinnung wurde darum ja auch viele Jahrhunderte lang in China gut gehütet. Es ist ein sehr edler Stoff, angefangen von der Optik und Haptik bis hin zu den vorzüglichen Trageeigenschaften für die Bekleidung. Er lässt sich leicht färben – ein wichtiger Punkt, wenn es um ökologische Aspekte geht. Faszinierend ist auch die Tatsache, dass sich Millionen von Seidenraupen opfern, um dem Menschen dieses wunderbare Produkt zu schenken. Dies geschieht bei der Maulbeerseidenzucht, wenn die Kokons in kochendes Wasser geworfen werden, um die Raupe nicht sxchlüpfen zu lassen und um einen allerfeinsten Endlosfaden abhaspeln zu können.

Wie lautet ihre Philosophie?

Wenn wir gesund leben wollen, müssen wir ethisch wirtschaften und produzieren, um uns die Lebensgrundlage, unsere Erde, gesund zu erhalten.

Wieso Bio?

Durch die Beschäftigung mit der Herstellung der Bandhani-Seidenschals habe ich nach Möglichkeiten gesucht, nachhaltig und ökologisch hergestellte Seidenstoffe zu finden. Und ich bin fündig geworden: Zum einen habe ich die GOTS-zertifizierte Seide aus dem chinesischen Projekt SABA, das nach den Grundsätzen der biologisch-dynamsichen Landwirtschaft arbeitet, ins Sortiment aufnehmen können. Zum anderen bin ich in Kontakt gekommen mit dem indischen Ingenieur Kusuma Rajaiah, der Methoden entwickelt hat, um Seidenstoffe herstellen zu können, die ohne die Tötung der Seidenraupen funktionieren. Unter Verwendung seiner patentierten Verfahren entsteht die Ahimsa-Seide (non-violent silk oder peace silk im Englischen).

Wie läuft das Geschäft bisher?

Ich stelle ein sehr großes Interesse fest sowohl an der Bio-Seide als auch an der Ahimsa-Seide. Gerade junge Designer legen ein besonderes Augenmerk auf die Produktionsbedingungen und Eigenschaften der von ihnen verwendeten Materialien. Nachhaltigkeit und Fair Trade sind wichtige Kriterien in der Welt der Mode geworden. Rein wirtschaftlich betrachtet bin ich noch weit davon entfernt, Gewinn bringend zu arbeiten. Ich hoffe, dass es sich bald ändert, denn der Gründungszuschuss der Arbeitsagentur läuft bald aus.

Was sind die nächsten Schritte und ihre Vision?

Überraschenderweise kommen die nächsten Schritte meist auf mich zu, so zum Beispiel die bevorstehende Kooperation mit der Textilmanufaktur Halle (Burg Giebichenstein) oder die Anfragen um Unterstützung und Sponsoring von Bachelor-Arbeiten junger Studenten, die immer wieder neue Wirkungskreise erschließen.

Meine Vision ist, ein Angebot an ökologisch unbedenklich und ethisch einwandfreien Seidenstoffen zu präsentieren, das den Ansprüchen und Anforderungen von Textilschaffenden genügt, das heißt viele Seidenqualitäten in vielen Farben, sowohl pflanzlich als auch synthetisch gefärbt, natürlich im Rahmen der Zertifizierungs-Richtlinien.

Was ist ihr Lebensmotto?

Jeder ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wenn er sich lauschend und offen auf seinen Lebensweg begibt.

Was geben Sie anderen 60jährigen mit auf den Weg ?

Das Leben ist mit 60 noch nicht zu Ende – vielleicht geht es noch 40 Jahre weiter… Ich kann mir gut vorstellen, die 100 zu erreichen – warum nicht?

Foto: Seidentraum

Hintergrund:

In Indien kennt sie jeder: Die Bandhanis – Der Name steht sowohl für ein langes Seidentuch, das als Schal oder Umhang getragen wird, als auch für die kunsthandwerkliche Technik, mit der das Tuch abgebunden und gefärbt wird. Seit Jahrhunderten bearbeiten indische Frauen und Männer mit dieser Technik in allen Regionen des Subkontinents die Seidenstoffe, um daraus Saris und andere traditionelle Bekleidungsstücke herzustellen. Die Muster wurden tradiert, von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Fachmann kann an den Designs die Region und die Kaste ablesen, in der ein Schal entstanden ist.
Durch die Industrialisierung und den globalen Handel erging es den indischen Bandhani‐Näherinnen und Färbern nicht anders als Handwerkern in anderen Kulturen: Das Handwerk drohte auszusterben und die Kenntnisse und Fertigkeiten zu verschwinden, da die maschinelle Fertigung bedruckter Stoffe die arbeitsintensive Abbinde‐ und Färbetechnik auf dem Markt verdrängte. Bandhani‐Tücher wurden für die meisten Familien zu einen nicht bezahlbaren Exklusiv‐Produkt.

Die aussichtlose Situation der ländlichen Handwerker‐Familien ging der jungen Designerin Kamaldeep so zu Herzen, so dass sie beschloss, sich mit ihrer Arbeit und ihrem Können für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Bandhani‐Handwerker einzusetzen und diese kunstvolle Technik zu neuem Leben zu erwecken. Damit ist den Männern und Frauen wieder eine sinnvolle und einträgliche Beschäftigung gegeben. Getreu Ihrem Vornamen – er bedeutet Lotuslicht – bringt sie einen Hoffnungsschimmer in die Hütten armer HandwerkerInnen in Gujarat.

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5 Kommentare zu “Mit 60 fängt das Leben an
  1. Anonymous sagt:

    Sehr froh und dankbar bin ich über den Ansatz, der ohne das Töten der Seidenraupen auskommt, und ich interessiere mich sehr dafür, wie denn stattdessen die Ahimsa-Seide gewonnen wird? Liebend gern wäre ich bereit, einen deutlich höheren Preis für gewaltfrei gewonnene Seide zu bezahlen … um dann auch Kleidung aus Seide tragen zu können – was mir im Moment aus ethischen Gründen nicht möglich ist. Viel Erfolg, lieber Herr Langer!

  2. Lauretta Hickman sagt:

    Ich schliesse mich Tante Raps an. Zuerst dachte ich: Wie kann man heute ein neues Business gründen, das auf Tierqual beruht, wo doch der Trend in die entgegengesetzte Richtung läuft. Aber so.. liest dich das wie eine fantastische Unternehmung genau Im Trend der Zeit. Peace Silk! Toll! Way to go! Und dass man mit 60 nochmal gründet ist m.E. auch Trend. Ich bin Jahrgang 64 und wenn ich in Rente komme, gibt es keine mehr, Bei der gegenwärtigen Entwicklung des Arbeitsmarktes ist es eh ratsam, mindestens ein Business zu haben, das man bis ins Hohe Alter rennen kann. Ich wünsche viel Erfolg!!! Und sollte es mal klemmen, kommen sie zu den Vordenkern.. wir begleiten in die nächste Ebene, werden ggfalls Mitunternehmer für eine Weile oder besorgen Investoren. Herzlich- Lauretta Hickman

  3. Licht-Welten sagt:

    Herr Langer!

    Grossartig…
    Der Satz: Die treibende Kraft für jede Unternehmung ist die Begeisterung für das Projekt,die Offenheit.
    Genau so ist es,weil es aus dem Herzen kommt und mit Liebe um die Welt geschickt wird.
    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg,wunderbare Begegnungen und das Sie immer am richtigen Ort zur richtigen Zeit sind.Viel Freude und Spass dabei

    MfG Regina Reh

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