Ein Liebeslied an das Leben

Janine Spirig ist glücklich: Sie erwartet ihr drittes Kind. Da wird ihr Mann erschossen – vom Vater jener Schülerin, die er vor dem Suizid bewahrt hat. Die Öffentlichkeit spricht vom „Lehrermord“; Behörden versprechen Hilfe; Politiker stellen die Integrationsfrage neu. Janine Spirig weint still und geht trotzdem weiter, für ihre beiden Mädchen und ihr ungeborenes Baby. Zögernd setzt sie einen Fuss vor den andern, tappt auf Neuland vor im Bewusstsein, dass sie selbst keinen Weg sieht, aber der Weg irgendwie sie. Nun, nach über zehn Jahren Schweigen, veröffentlicht sie ihr berührendes Buch „Asche und Blüten“, das sie seinerzeit für ihre Kinder geschrieben hat. Es ist in leisen, versöhnlichen Tönen gehalten und doch voller Kraft und Hoffnung für alle, die dem Tod ins Angesicht geschaut haben. Es ist ein Liebeslied an das Leben.

Mit freundlicher Genehmigung des Appenzeller Verlags dürfen wir einen Auszug aus dem Buch veröffentlichen:
„Inmitten des täglichen Zusammenseins berühren uns heute als Familie Momente einer anderen Tiefe im Umgang miteinander, und während die Katze nach Futter miaut, der Hund wohlig ausgestreckt auf dem schönsten Teppich liegt, eine Tochter am Klavier einen ihrer selbst komponierten Songs, «Miss you Dad», spielt, der kleine Bruder die grosse Schwester in Latein abfragt und sie ihm dabei eine farbenfrohe Kappe strickt, überkommt mich eine tiefe Dankbarkeit. Schade, dass Paul das nicht sieht, und doch umhüllt er es mit seinem ganzen Sein.

Seine Präsenz leuchtet überall hindurch, als wäre er nie gegangen. Wir alle lieben ihn, und wir alle vermissen ihn. Alle auf ihre eigene Art. Das ist ganz in Ordnung so. Es ist weder meine Art, grosse Worte zu machen, noch suche ich das Rampenlicht, und hinter meiner kämpferischen Seite verborgen lebt auch ein ziemlich scheues Wesen. Noch etwas unerfahren damit bin ich heute im Umgang mit meiner Geschichte und den damit verbundenen Folgen und Einsichten – bei all meinen Eigenheiten – doch auf einem guten Weg hin zu einer ausgewogenen Mitte. Und die Kinder sind voller Sehnsucht nach Leben und Sinn in einer unterkühlten Welt, und sie dürsten danach, das Geschehene zu verstehen. Hie und da flackern alte Ängste auf, oder das Traumatische bricht jäh wieder hervor.

Foto: Janine Spirig/Appenzeller Verlag

Heute bleibt mir, nebst den Resttrümmern und einigen unverdaubaren Tatsachen, mein überzogenes Konto an körperlicher Kraft. Wenn also mein Rücken schmerzt, mein Herz drückt, oder mein Denken mir mit Aussetzern seinen Dienst versagt, dann erinnern mich diese Symptome an all die Jahre, in denen ich ohne Rücksicht auf meine Gesundheit für meine Familie funktionieren musste. Diese Einschränkungen zu akzeptieren, fällt mir nicht immer leicht, doch sie lehren mich, heute meine Kräfte zu dosieren und sie bedacht und gezielt einzusetzen. Wer weiss, vielleicht wird mein Leben eines Tages leichter. Und wenn nicht: Ich würde mich nochmals für diesen Weg entscheiden. Alles innere und äussere Ringen hat sich gelohnt. Denn das Wichtigste ist erreicht: Meinen Kindern geht es gut, mit allen zum Leben gehörenden Auf und Abs.

Trotz einer gewissen Müdigkeit vom langen Tragen bin ich dankbar, dass ich immer noch die Kraft finde, sofort dazustehen, um «alleine» als «Eltern» zu handeln, wenn ein Kind meinen vollen Einsatz fordert. Stille Tränen jedoch weine ich nach wie vor, nicht mehr über das Vergangene, sondern beim Gedanken daran, wie es hätte sein können, wenn Paul noch lebte. Ein schmerzhaftes Erlebnis verändert grundlegend. Durchschrittene Wildnis prägt und bereichert. Neben den Blüten wundersamer Entdeckungen bleiben tiefe Schrammen und Narben. Mein Weg kostete mich zeitweise fast das Leben, die grausame Tat an Paul und ihre Folgen waren mein unerbittlichster Lehrmeister, und ich, die aufmüpfige Schülerin, hatte meine Lektionen zu lernen. Doch mündete die Begegnung mit dem Tod, dem Dunklen und den Abgründen meiner Seele schliesslich in eine umfassendere Sicht des Innen und Aussen.

Unser Dasein ergibt den Sinn, der in jedem Augenblick durch uns verkörpert wird. Im unmittelbaren Moment berührt sich das Unsichtbare mit unserer gelebten Antwort. Daraus geht der Stern der Bewusstheit am Himmel auf und leuchtet uns den Weg. Angesichts des Himmels sind wir so winzig klein, und doch gross genug, um uns jeden Tag neu für das Leben zu entscheiden. Im Wandel des bewegten Lebens, auf dem Weg ins Unbekannte, scheint diese Entscheidung die einzige Sicherheit zu sein, und man weiss nie, was das Leben noch für einen bereithält.

Das Leben verändert sich, und mit ihm verändern sich die Prioritäten und auch die Beziehungen auf dem Weg. Die wilde Weite und wie viel Freude darin Platz hat, wird wichtiger als man selbst, und die Sehnsucht, in Beziehungen dafür zu leben, grösser als der erlebte Schmerz. So wächst das Leben über das Gewesene hinaus. Und was kann es einem mehr schenken als die Erfahrung, dass es trotz Widerwärtigkeiten, trotz stets lauernder Absturzgefahr eine unzerstörbare innere Mitte gibt, eine Quelle, die sich aus dem grossen Ganzen speist und immerfort fliesst?

So geht es dann weiter, mit allen alltäglichen Stolpersteinen und aufblitzenden Wundern, mit allen schmerzhaften und gnadenreichen Momenten, im Bewusstsein, dass dies alles zum Leben gehört. Doch tragend und bleibend, hinter allem, ist immer die Liebe. Damals, als Paul mir jeweils mit Witz und breitem Lachen von seinen Handballmatchs erzählte, verstand ich zwar nicht das Geringste von Sport, teilte mit ihm jedoch seine Freude und war stolz auf seine Leichtigkeit und Lebenskraft. Jetzt verstehe ich immer noch nichts vom Sport, doch freue ich mich umso mehr, heute meinem Sohn zuzuhören, wenn er mir begeistert von seinen abendlichen Trainings berichtet. Dabei erzählt er mir alles bis ins kleinste Detail, und seine Augen leuchten bei seiner Schilderung. Auf seine ihm eigene Art steht er da, erklärt mir geduldig die Tricks und Finten des Spiels und lacht dem Leben ein breites Lachen entgegen.“

Das Buch von Janine Spririg ist hier direkt beim Appenzeller Verlag zu bestellen.

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