Der große Marsch zwischen Schmutz und Schmetterlingen

Foto: Barbara Schnetzler

Von Barbara Schnetzler. Der erfolgreiche grosse Marsch «Jansatyagraha» der Kastenlosen in Indien bricht die verhärteten Machtstrukturen des indischen Politiksystems auf. Die Schritte Tausender landloser Kleinbauern werden gehört. Der lange Kampf der Gandhibewegung Ekta Parishad um Recht auf Zugang zu „Land, Wasser und Wald“ führt durch den Fussmarsch Jan Satyagraha im Oktober 2012 zu einem hoffnungsvollen Wandel. Ein Wandel der die ganze Menschheit betrifft?

Am 3. Oktober 2012 brechen rund 70.000 landlose Menschen in sengender Hitze zum 350 km langen Fussmarsch von Gwalior in Madhya Pradesh in die Hauptstadt Delhi auf. Sie haben sich aus dem Sog, der nach Geld hungernden Machtstrukturen, herausgewunden. Es wurde zu lange geschwiegen, zu viele Lügen entgegengenommen – es ist an der Zeit aufzustehen und um das Leben zu laufen: Der Slogan dabei lautet: „ do or die“. Sie nennen ihren Marsch Jan Satyagraha (das Volk, das an der Wahrheit festhält) und fordern mit ihm eine nationale Bodenreform: Diese beinhaltet im Wesentlichen das Recht auf den Zugang zu Land, Wasser und Wald, das Grundrecht auf ein Stück Land zur Errichtung eines Obdaches und die Einrichtung eines „Landpools“ zur Eruierung von ungenutzten Landwirtschaftszonen.
Ein ganzes Jahr lang sind die Ekta Parishad Aktivisten unter der Führung von Rajagopal durch Indien gereist, um den Armen im ländlichen Indien ein Gehör zu verschaffen und sie für den Jan Satyagraha zusammenzurufen. Das Ziel war, mit 100 000 Menschen für die Gerechtigkeit zu marschieren. Doch Versprechungen seitens der Regierung, auf die Forderungen schon vor Marschbeginn am 2. Oktober einzugehen – wodurch der Jan Satyagraha abgesagt worden wäre – schwächte den Impuls und hielt viele davon ab, zum Startort Gwalior zu reisen. Die unverbindlichen Zugeständnisse der Regierung am besagten Datum vermochten nicht zu überzeugen und die Yatris (Pilger) nehmen ihr Ziel in felsenfester Bestimmtheit unter ihre Füsse.

Sie haben sich das Wohlergehen aller auf die Fahne geschrieben. In den Gesichtern lebt sprechender Ernst, ihre Entschlossenheit ist ihnen eingemeisselt. Es sind nicht Menschen grosser Worte. Ihre Taten sprechen für sie. Ihre Stimmen schweigen, doch im Klang ihrer Schritte ist ihr Mahnruf zu hören. Der indische Highway wird für vier Wochen zu ihrem Weg, ihrer Schlafstätte. Der Highway, ein Ort, an dem viele land- und heimatlos Gewordene eine neue Existenz suchen. Der Verkehr auf der Gegenfahrbahn kollabiert. Doch die Kraft der gelebten, absoluten Gegenwart und zielgerichteten Verbundenheit schirmt den Menschenzug der Yatris vom Lärm und Schmutz der Strasse ab. Ihr grün-weisses Fahnenmeer bewegt sich in entschlossenem Tempo übers Land. Durch Schmutz und Abfallfluten, und mitten unter ihnen Schmetterlinge von ergreifender Schönheit! Der durch die Schritte aufgewirbelte Strassenstaub wirkt im Gegenlicht wie eine Lichtwolke. Schritte bewegen. Gemeinsames Schreiten verbindet. Jeder Schritt ist eine spirituelle Tat. Die Füsse prägen die Idee in die Erde. Gehen für eine gerechtere Welt ist ein Schreiten für das Leben.

Menschen aus umliegenden Dörfern und Städten kommen herbei, schöpfen den Yatris Wasser und löschen ihren Durst. Die Konkretheit dieser Marschierenden bewegt sichtlich die Herzen der „Zuschauer“. Durch die aufrichtige Offenbarung ihres Leids berühren die Yatris die Herzen der Menschen – auch jene der Regierung. Die Echtheit und Dringlichkeit des Anliegens hilft den Menschen hinzuschauen und ein Verständnis für die Problematik der Landbevölkerung zu entwickeln.
Am 11. Oktober schreitet auch die Landesregierung zur Tat. Der Minister für ländliche Entwicklung Jairam Ramesh kommt nach Agra und erklärt den versammelten Yatris die Bereitschaft, eine Vereinbarung mit der vom Jan Satyagraha geforderten „road map“ zu unterzeichnen. Diese in Gewaltfreiheit erreichte Vereinbarung einer sozialen Basisbwegegung mit der Regierung, ist wohl die erste in diesem Ausmass in der Geschichte Indiens. Es braucht keine lauten Revolutionen, um einen Wandel herbeizuführen. „Schritt für Schritt“, dabei stets im Dialog mit der Regierung, erschreitet sich Ekta Parishad sozialen Wande – diese Strategie hat Zukunftscharakter. Möge sie der Welt als Impuls und Vorbild dienen! In diesem Sinne ist der Jan Satyagraha ein Vermächtnis an die Menschheit.

Ein kurzes Gespräch mit Rajagopal, dem Initiant und Führer von Ekta Parishad, am 18. Oktober in Delhi

Rajagopal, bist Du zufrieden mit dem Resultat des Jan Satyagrahas?

„Ja, es ist ein Wandel der von der Basis, von den Armen selbst, hervorgerufen wurde. Sie haben ihre Schwäche in Kraft transformiert. Dieser Erfolg wird nun das Werkzeug sein, um weiter zu arbeiten und auf diesen wichtigen Schritten weiter aufzubauen. Der JS ist ein Ereignis eines langen Prozesses.“

Kannst Du uns etwas über die Tradition des Fussmarsches erzählen?
„Jeder einzelne Mensch sollte zunächst als Individuum aufstehen und beginnen selbstbestimmt seinen Weg zu gehen. Wenn ich mich bewege, dann kommt auch meine Umwelt in Bewegung. Wenn wir zusammen schreiten, wird unser Schreiten zu einer Botschaft und wir verwandeln unsere Schwäche in Kraft.
55 000 Menschen nahmen das Leid vieler Menschen auf sich, sie trugen es in der Gemeinschaft. Das Leid wurde konkret sichtbar und hat die Herzen der Menschen, denen wir begegnet sind, bewegt,. Je grösser die Anzahl der Menschen, die ihr Leid in der Gemeinschaft teilen, je stärker wird das Bild, das an die Gesellschaft appellieren soll. Wir bewegen uns als Menschengruppe, um die Herzen der Menschen zu bewegen. Wir erschreiten uns den sozialen Wandel – unsere Fussmärsche sind unser Werkzeug dazu.“

Hast Du etwas, was Du uns Menschen im Westen mitgeben möchtest?
Eine der grössten Aufgabe unserer Zeit ist es, die Gewaltfreiheit zu verstehen und sie in unserem Alltag leben zu lernen. Wir müssen lernen zu unterscheiden zwischen Bedürfnis und Gier: There is enough for everybodys need but not enough for everbodys greed – Gandhi

Mehr über Rajagopal im vor kurzem erschienenen Buch Das Erbe von Gandhi: Rajagopal P.V. – ein Leben für den gewaltlosen Widerstand von Carmen Zanella

Die Autorin: Barbara Schnetzler, Atelier Eidolon www.atelier-eidolon.ch

Der Artikel ist zum ersten Mal bei zeitpunkt.ch erschienen

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