Schnecken in Tomatensauce

Bild: Christof

Bild: Christof


Von Christof Herrmann. Seit ich als Kind einen Schwarzweiß-Bildband über die Lassithi-Hochebene auf Kreta in die Hand bekam, wollte ich dort hinreisen. Das Buch zeigte Aufnahmen vom ländlichen Leben wie man es in meiner fränkischen Heimat schon lange nicht mehr findet. Bilder einer griechischen Idylle – Eselgespanne auf unasphaltierten Wegen, Kreter mit wettergegerbten Gesichtern und Windräder mit weißen Segeln, die das Wasser auf die Felder hochpumpen. Ein Vierteljahrhundert, nachdem ich den Bildband in der Hand hatte, stehen Dagmar und ich nach mehrstündiger Auffahrt auf dem Plateau. Es liegt inmitten einer schönen Landschaft auf 830 m Höhe und ist von den Gipfeln des Dikti-Gebirges eingeschlossen. Trotzdem bin ich enttäuscht. Meine Erwartungen stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein. Anstelle von Eselgespannen kommen uns klimatisierte Reisebusse entgegen. Anstelle in wettergegerbte Gesichter blicken wir in die blasser Touristen. Und selbst die Windräder scheinen längst durch effektivere, aber unromantische Dieselpumpen ersetzt worden zu sein. 

Als wir mittags durch ein Dorf fahren, kommen wir an einer kleinen Taverne vorbei. Die Wirtin steht davor und wartet auf Gäste. Ihr Gesicht ist wettergegerbt. Überrascht steigen wir von den Rädern und setzen uns in das leere Lokal. Die alte Kreterin ist nicht gerade freundlich. Auf unser „jassas“ reagiert sie nur mit einem Nicken. Kommentarlos serviert sie uns griechischen Salat und Kartoffeln – die einzigen Gerichte auf der Karte. Die Portionen sind klein, viel zu klein für uns hungrige Radler. Doch die einfachen Speisen schmecken derart köstlich, dass Dagmar der Wirtin ein „poli oreo“, griechisch für „sehr gut“, zuruft, was diese mit einem Lächeln registriert.
Kaum sind wir mit dem Essen fertig, kommt ein grauhaariger Mann auf einem Fahrrad die Dorfstraße hinabgerollt. Er lehnt das museumsreife Gefährt an die gegenüberliegende Hauswand und betritt die Taverne. Er begrüßt die Wirtin, offensichtlich seine Ehefrau, und setzt sich an den Tisch neben uns. Von dort mustert er uns genauso eindringlich wie zuvor unsere schwer bepackten Räder vor der Tür.

Stets auf der Suche nach schönen Motiven gehe ich nach draußen und fotografiere das Fahrrad des Kreters. Ich staune nicht schlecht, als mir plötzlich eine Frau auf einem Esel und mit einer Ziege im Schlepptau ins Bild läuft. Wieder zurück im Lokal grinst mich der Alte an. Dass Touristen mit eigener Muskelkraft den weiten Weg von der Küste in sein Dorf auf sich nehmen, erlebt er nicht alle Tage. Dass sich dieselben Touristen auch noch für sein Strahlross interessieren, kam ihm wohl noch gar nicht unter. Vermutlich fährt er es, seit die Aufnahmen in dem Schwarzweiß-Bildband gemacht wurden.

So bricht urplötzlich der Bann. Dagmar beginnt ein reges Gespräch mit dem alten Mann, soweit dies mit Händen, Füßen und fünfzig Wörtern Griechisch möglich ist. Mit Englisch braucht man es in dieser Ecke Griechenlands erst gar nicht versuchen. Ich nehme all das entgegen, was die nun ebenfalls gelöste Wirtin nach und nach an den Tisch bringt. Berge an dampfenden Kartoffeln. Knuspriges Brot. Zwei Gläser Rotwein, die sofort aufgefüllt werden, sobald sie halbleer sind. Und eine Schüssel bis zum Rand gefüllt mit Schnecken in Tomatensauce. Zuhause würden wir Weichtiere freiwillig nie verzehren. Doch unter den erwartungsvollen Augen des Wirtsehepaars, das sich mittlerweile zu uns gesetzt hat, gibt es kein Entrinnen. Zum Glück versteht die Köchin ihr Handwerk. Die Kombination aus zartem Schneckenfleisch, reifen Tomaten, reichlich Knoblauch und frischen Kräutern ist derart delikat, dass sich der Geschmack für den Rest meines Lebens in meine Erinnerung einbrennen wird.

Als alles brav aufgegessen ist, wollen die beiden Alten uns noch zu ein paar Gläschen selbstgebranntem Raki überreden. Doch wir müssen ablehnen. Es liegen noch 40 Kilometer bis zum Etappenziel vor uns. Beschwipst sind wir vom vielen Wein sowieso schon, was das alte Paar sichtlich amüsiert. Auch dass wir den Geldbeutel hervorziehen, um die Rechnung zu begleichen, findet es urkomisch. Natürlich sind wir eingeladen.
Zum Dank reichen wir den beiden Kretern ein Foto, das uns auf den Fahrrädern in Frankreich zeigt und wir für solche Begegnungen in der Tasche haben. Gerührt nehmen sie es entgegen und heften es zu den Familienbildern an die Wand. Dann verabschieden uns mit zahlreichen „adio“ und „efcharisto“. Unsere Gastgeber haben Tränen in den Augen. Wir steigen auf die Räder und fahren los. Im Rückspiegel sehe ich wie die beiden vor der Taverne stehen und uns nachschauen, bis wir irgendwann außer Sichtweite sind.
Kurz bevor wir die Lassithi-Hochebene Richtung Agios Nikolaos verlassen, stehen sie dann plötzlich doch noch vor uns. Nicht in Schwarzweiß, sondern in Farbe. Gleich mehrere zudem und von enormen Ausmaß: Windräder, bespannt mit weißen Segeln.

Christof Herrmann

Christof Herrmann

Zur Person: Christof Herrmann ist freier Autor und bloggt auf einfachbewusst.de über Minimalismus und Nachhaltigkeit im Alltag und auf Reisen. Die Geschichte auf Kreta erlebte er vor sieben Jahren auf einer anderthalbjährigen Radweltreise mit seiner damaligen Partnerin. Heute lebt er in Franken und verspeist als Vegetarier keine Schnecken mehr.

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