Reise in Nichts

Foto: Jan Tremmel

Foto: Jan Tremmel

Von Jan Tremmel. Ein halbes Jahr kanadische Wildnis. Warum entscheiden sich zwei Jungs, Anfang zwanzig, für solch ein Unterfangen? Was gibt es da draußen schon? Sollten sie nicht besser Studieren, eine Ausbildung anfangen? Party, Drogen und Musik, Computerspiele, 3D-Kino oder das iPad4 werden sie hier vergeblich suchen. Aber was wollen die beiden hier im verlassenen Nirgendwo Neufundlands, am äußersten Zipfel Ostkanadas, im Nichts, wo es nur Bäume, Berge und Bären gibt?
Häufig hörten wir von erstaunten Kanadiern, denen wir unsere Reisevorhaben schilderten Antworten wie „Why do you go there? There is nothing. You should better go to…“. Auch wenn wir uns bei einem hilfsbereiten Neufundländer nach den schönsten Wandergebieten erkundigten, haben wir uns meist für Nothing entschieden oder sind ins Nowhere gewandert. Hotels, Straßen und Elektrizität haben wir auch zuhause, deshalb sind wir nicht nach Kanada gekommen! Wir sind auf der Suche nach dem Nichts.

Die tägliche Dosis Natur
Ich bin Jan Temmel und mein langjähriger Freund Nathan Arns ist mein Reisegefährte. Aufgewachsen in digitalen Welten und überschleunigten Zeiten im Ballungsraum Ruhrgebiet, pflege ich den Brauch mir zuhause nach Möglichkeit mehrmals am Tag die Zeit für ein kleines Atempäuschen im Grünen zu geben. Ich gehe in den Wald und suche einen dieser besonderen Plätze auf, von denen ich mich angezogen fühle, die mir bei jedem Wetter und sogar an verkaufsoffenen Sonntagen Ruhe, Vertrauen und Geborgenheit schenken. Eine Flucht vor der Reizüberflutung und dem grauen Alltagsstress unserer Zivilisation? Mit der Zeit wurde daraus ein tagtägliches Ritual und es dauerte nicht lang und ich war süchtig! Ich brauche meine tägliche Naturdosis, so wie andere eben ihre Zigarette brauchen! Das „Natur-Defizit-Syndrom“ – so bezeichnet es der amerikanische Autor Richard Louv in seinem empfehlenswerten Buch „das letzte Kind im Wald“.

Das „Natur-Defizit-Syndrom“
Doch wie es suchtkranken leider oft ergeht, so ging es auch mir. Ich wollte mehr! Eine tiefe Sehnsucht nach Natur, Freiheit und wahrhaftiger Lebendigkeit war in mir erwacht. Ich war es absolut leid, die zauberhafte Geräuschkulisse des Waldes nicht erleben zu können, ohne dass sich der heulende Beigeschmack von Rasenmähern und für mich gänzlich unverständlichen Erfindungen wie Laubpustern darunter mischte. Ich kann mich nicht daran erinnern, dem verspielten Plätschern und Glucksen meines abgelegenen Lieblingsbaches auch nur ein paar Stunden lang ohne monotonen Motorenlärm gelauscht zu haben. Dazu kam noch die bittere Erkenntnis, dass bei aller Selbstdisziplin und Willenskraft in unserer hektischen Arbeitswelt doch immer viel zu wenig Zeit zur Heilung meines Natur-Defizit-Syndroms übrig bleibt. Denn Natur braucht viel Zeit, bis sie ihre Geheimnisse offenbart. Sehr viel Zeit! Wo gibt es heute noch unberührte Natur, ursprüngliche Wildnis? So kam es, dass wir uns in Kanada auf die Suche dem Nichts gemacht haben.

Foto: Jan Tremmel

Foto: Jan Tremmel

Fremde Welt
Als wir auf dem Weg einige Eichhörnchen treffen, beneide ich die athletischen Klettermeister. Wie unbeschwert sie von Ast zu Ast springen – ist das nicht eine unglaubliche Freiheit? Eichhörnchen brauchen keine Töpfe! Und das winterliche Eichhornfell ist mit Sicherheit wärmer als mein Schlafsack. Irgendwie fühle ich mich behindert. Die anderen Waldbewohner müssen uns auslachen, wenn sie uns mit den überdimensionierten Rucksäcken sehen, in denen wir nur das allernötigste mit uns tragen. Bin ich hier draußen ein fremder – nackt und unvollendet?

Auf der anderen Seite ist es erstaunlich, wie kreativ man ohne volle Küchenausstattung wird. Vor allem den Stock hab ich im Wald als Haushaltshilfe lieben gelernt! Ein Stock ist ein wahrer Alleskönner! Ein Multitool für jeden Zweck. Er ist gleichzeitig Brennmaterial, Zahnstocher und Rührlöffel (Wenn man will kann man sogar rauchfrei im Stehen den Topf unten auf dem Feuer umrühren, einfach genial). Worauf ich hinaus will: Es sind so viele Dinge, die wir zuhause gelassen habe, und doch vermisse ich nichts! Das Entbehren ist kein Verzicht. Vielmehr habe ich sogar das Gefühl eine Menge unnötigen Ballast abgeworfen zu haben. So wird aus dem materiellen Verzicht ein Gewinn an Lebensqualität. Das tut gut!

Perspektivwechsel
Wenn ein halber Topf Suppe vor mir auf dem Feuer steht, so liegt es bei mir, ob ich dankbar darüber bin, dass der Topf noch halbvoll ist, oder ob ich enttäuscht aus einem halbleeren Topf meine Mahlzeit schlürfe. Die Aufmerksamkeit auf das zu lenken was man hat, und nicht was man nicht hat, das ist für mich eine wichtige Lernerfahrung, die ich aus Kanada mit in unsere konsumorientierte Heimat bringe. Hier draußen finde ich alles was ich zum befriedigen meiner echten Bedürfnisse benötige. Frische Luft, Ruhe, ein trockenes Nest, Blaubeeren. Manchmal gibt’s sogar Bachforelle oder Pfifferling! Das Feuer schenkt mir an kühlen Abenden Wärme und Gesellschafft und mit kaltem Bachwasser erfrischen wir uns an heißen Tagen. Es ist erstaunlich, wie hier draußen zum Beispiel der Wert einer einfachen Kartoffel steigt. Oder der Apfel, welch ein herrlich saftiges Geschenk der Schöpfung! Was ich an mir beobachte, ist eine erweckte Wertschätzung und Dankbarkeit für meine gesättigten Grundbedürfnisse, die ich im Supermarkt trotz überfüllter Regale oft gar nicht kaufen kann.

Im Flow
Aber da ist noch mehr, was man in Laden-Regalen und Onlineshops vergeblich sucht: Diese ganz besonderen „Flow-Momente“. Wenn sich am Morgen die Sonne im malerischem Farbenspiel erhebt und von Rotkehlchen und Singdrosseln mit einem Lobkonzert begrüßt wird, und ich, auf einem Stein am Seeufer sitzend, an diesem wunderschönen Spiel der Schöpfung teilhaben kann, dann spüre ich, dass ich lebe. Mit geschärften Sinnen sitze ich da, atme ein was die Pflanzern ausatmen und werde mir bewusst, wie meine Wurzeln tief in die Erde reichen. Ein erfüllter Zustand der höchsten Anwesenheit. Das sind die Momente, für die ich eigentlich lebe. Ich kann sie nicht in Worte fassen.

Foto: flowecan

Foto: flowecan

Hintergrund: Flowcean – Ein Kunstfilm über die Begegnung von Mensch und Natur
Wir möchten Menschen zur Naturerfahrung einladen und inspirieren. Deswegen gestalten wir einen experimentellen Film „mit“ der Natur. In künstlerisch-filmischen Ausarbeitungen begegnen wir unserer Mitwelt. Die entstehende, filmisch vollendete Naturbegegnung wollen wir einer breiten Öffentlichkeit darbieten. Es ist Zeit, die Naturbeziehung des Menschen neu zu erwecken.
Wer unsere Filmidee unterstützen möchte, kann sich gerne auf startnext.de/flow informieren und Fan werden. Startnext ist eine Crowdfunding-Plattform zu Finanzierung von Kunst und Kultur. Jede Spende ab 1€ schenkt uns Motivation für das Projekt! Danke
Als Dank für jede Spende gibt es eine Auswahl an Goodies wie Fotopostkarten, Poster, Naturkunstobjekte von Nathan und natürlich den Film selbst.
Die offizielle Website zum Filmprojekt: www.flowcean.com

 

 

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