Fußball: Letzte Bastion der Lebendigkeit

06 Handtaschen_Philosoph_13-10-22•.inddVon Christoph Quarch Fußball ist Balsam für die Menschheit. Denn das Spiel verteidigt das Leben gegen die Herrschaft von Ökonomie und Konsum.
Über eines sollte man sich im Klaren sein: Wenn am 13. Juli 2014 in Rio de Janeiro das Finale der Fußballweltmeisterschaft angepfiffen wird, werden einige Milliarden Augenpaare auf diese Kugel fokussiert sein. Ist das nicht erstaunlich? Wie kann es sein, dass eine Lederkugel etwas zuwege bringt, was keinem Menschen je vergönnt sein wird: länderübergreifend, kulturübergreifend, religionsübergreifend die Aufmerksamkeit der Menschheit auf sich lenkt? Keinem Papst gelang das je, keinem Dalai Lama und keinem Obama. Das muss zu denken geben.

Zu denken geben muss nicht minder, welch gigantische Bauten die Menschheit errichtet, um diesem Ball einen würdigen Rahmen zu geben: Arenen, die Zehntausende fassen. Es gibt allen Grund zu der Annahme, dass Kulturhistoriker des Jahres 2514 auf die Zeit um das Jahr 2000 als die Epoche des Fußballspiels zurückblicken werden. Warum? Was hat es mit dem Fußball auf sich, dass er bei Lichte besehen die einzige wirkliche Ausdrucksform globaler Kultur ist, die die Menschheit bislang zutage gefördert hat?
Gerne – meist in polemischer Absicht – wird das Fußballspiel als eine Art Quasi-Religion gedeutet. Dann vergleicht man die singenden und johlenden Fans mit einer Kultgemeinde und deutet deren wunderliches Gebaren als künstliche Religion, die deshalb hinter der echten zurückbleibt, weil ihr deren Ernst fehlt.

So nahe der Vergleich liegen mag, so sehr geht er in die Irre. Fußball ist keine Religion – und das ist nicht das Schlechteste, was man von ihm sagen kann. Fußball ist ein Spiel. Und genau darin liegt seine kulturprägende Kraft. Tatsächlich bestätigt sich täglich in den Stadien dieser Welt, was der niederländische Historiker Johan Huizinga als These begann: das „Spiel als eine Grundlage und einen Faktor der Kultur zu erweisen“.

„Spiel ist älter als Kultur“ lehrte Huizinga, und es ist älter als Religion. Kein Kulturkreis, der nicht einen reichen Fundus an Spielen besäße. Keine Religion, die nicht aus Spielelementen hervorgegangen ist – bis zu dem Tag, an dem sie meinte, sich davon befreien zu müssen, um ja nicht „nur“ ein Spiel zu sein.

Aber was soll das heißen, wenn Spielen die ursprünglichste und deshalb auch authentischste Bekundung menschlicher Lebendigkeit ist? Was soll das heißen, wenn Eltern nicht ohne Anflüge von Melancholie und Nostalgie auf ihre spielenden Kinder blicken und sie beneiden ob der seligen Selbstvergessenheit? „So ihr nicht werdet, wie die Kinder…“ fährt es einem durch den Kopf. Was wenn Jesus das im Sinne hatte…? Wenn er den Menschen sagen wollte: „Ihr sollt doch nur spielen…?“

Blasphemie? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Bei Platon findet man ganz andere Töne: „Es sollte jeder Mensch sein ganzes Leben zu einer ununterbrochenen Kette der schönsten Spiele zu Ehren der Götter machen“, forderte er. Die Begründung dafür lieferte rund 2000 Jahre später Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.

Wem der Fußball zu denken gibt, ist gut beraten, eingedenk dieser Worte sich seinem Gegenstand zu nähern: Ist der Mensch „in voller Bedeutung des Worts“ Mensch, wo er Fußball spielt? Ist das „Im Spiel Sein“ ein fundamentales Existenzial des Daseins, um mit Heidegger zu fragen. Oder: Ist das Dasein bei näherer Betrachtung beschreibbar als „das Sein zum Tore“?

Genug davon. Heidegger war zwar Fußballfan, Schiller aber dachte ganz sicher anderes, als er sagte, der Mensch sei nur da Mensch, wo er spielt. Er dachte an die Kunst, deren Würde und Zauber er darin sah, dass sie dem Menschen eine wunderbare Erfahrung ermöglicht: das spielerische Ineinandergreifen höchster Freiheit bei gleichzeitig höchster Verbindlichkeit oder auch Verbundenheit.

Damit hat er unzweifelhaft ein zentrales Strukturelement des Spiels benannt – und die Antwort dafür gefunden, warum der Mensch so gerne spielt: Weil das Spiel seine zwei – scheinbar widersprüchlichen – Grundsehnsüchte stillt: die Sehnsucht nach individueller Freiheit und die Sehnsucht nach kollektiver Verbundenheit.

Beidem dient das Spiel. Dem Spieler ist vieles verbindlich: die Mitspieler und die Gegenspieler, ohne die er nicht spielen kann; die Spielregeln ebenso wie die Grenzen von Spielzeit und Spielfeld. Doch sind es nun gerade diese Verbindlichkeiten, die dem Spieler ein unendliches Potenzial möglicher Spielzüge öffnen. Wer spielt ist ganz bei sich und ganz beim anderen – das Ideal von Kommunikation. Im Spiel, so könnte man mit Martin Buber sagen – wird der spielende Mensch am spielenden Du zum lebendigen Ich.

Genau das geschieht (auch) beim Fußball. Das Spiel ist äußerst einfach. Jedes Straßenkind kann es spielen. Wenige Regeln garantieren ein unendliches Potenzial möglicher Spielzüge. Wenn das Spiel begonnen hat, spielt es ganz von selber auf. Und es reißt alle Spieler mit. Sie können nicht mehr aufhören – sie wollen nicht mehr aufhören. Selbst wenn die Muskeln längst verkrampft sind.
Wer im Spiel ist, spielt um des Spielens willen. Das Gewinnen ist zweitrangig. Wer Fußballspielern unterstellt, sie spielten um der Prämie willen, zeigt, dass er nichts vom Spiel begriffen hat.

Anders nämlich ließe es sich nicht erklären, dass auch die schmerzlichste Niederlage belanglos ist, wenn man mit dem Wissen verliert, ein gutes Spiel gespielt zu haben. Und deshalb ist es völlig stimmig, im Gegner einen Freund zu sehen, weil ohne ihn das Spiel vorbei wäre. Wer Foul spielt, sieht gelb. Wer sagt: „Ich spiel nicht mehr mit. Fußball ist blöd“,ist ein Spielverderber, und die Logik des Spiels sieht vor, dass „eliminiert“ werden muss, wer das Spiel verdirbt, wie Huizinga sagt.

Weil das Spiel – auch das Fußballspiel – sich selbst genügt: Deshalb ist das Fußballspiel für unsere Welt so wichtig. Warum? Weil es mit zähem Widerstand verteidigt, was anderenorts verloren geht: die ursprüngliche Lebendigkeit, das zweckfreie nutzlose Tun. Solange das noch möglich ist, kann der Mensch noch im vollen Sinne Mensch sein. Doch werden diese Reservate des Menschseins und Spiels immer rarer.

Der Herrscher der Welt ist nicht der Homo Ludens (der spielende Mensch), sondern der Homo Oeconomicus (der wirtschaftende Mensch). Der Homo Oeconomicus duldet es nicht, wenn Menschen Nutzloses tun – wenn sie einfach „nur“ spielen. Er will Gewinne – und erträgt es nicht, wenn Spieler auch verlieren können. Er hasst das Drama und die Tragödie. Er hat keinen Sinn für Heldentum und Größe. Wenn der FC Bayern „dahoim“ das Champions-League-Finale verliert, dann spottet er über Lahm & Co. Wenn Uli Hoeneß vor Gericht steht aber, jubelt er ob seines Triumphes – hofft er doch, auf diese Weise, die Spielwelt zu vernichten.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Wucht der Homo Oeconomicus das Fußballspiel zu zerstören trachtet. Alles bietet er auf, um es seiner Macht zu unterwerfen: Spielertransfers, Übertragungsrechte – big business. Vor allem inszeniert er medial das Spiel auf eine Weise, die es konsumierbar macht. Denn er weiß: Ist das Spiel nur erst zum Konsumartikel geworden, dann ist es tot. Warum? Weil, was man konsumiert, die Seele nicht berührt. Weil etwas, das man konsumiert, nicht Hundertausende bewegt – beim Public-Viewing, dem einzigen Ort, wo erwachsene Männer in aller Öffentlichkeit weinen und die Frauen kreischen dürfen.

Das echte, ursprüngliche Spiel zeichnet sich aus durch den Sog, der von ihm ausgeht: Man kann sich ihm nicht entziehen, fiebert mit, leidet mit, stirbt beim Elfmeterschießen tausend Tode, wird gekreuzigt, begraben und steht am dritten Tage auf, wenn das Schicksal sich wendet und Philipp Lahm doch noch den Henkelpott (=Championsleague-Trophäe) in Händen hält. Fußball ist Komödie und Tragödie, solange das Spiel läuft. Danach aber war es „nur“ ein Spiel. Nichts Schöneres lässt sich davon sagen.
Solange Fußball Fußball ist, kann man das Spiel nicht konsumieren – man kann es nur feiern, mitspielen, zelebrieren. Solange das so bleibt, ist Fußball unbezahlbar. Es bleibt die letzte Bastion authentischer Lebendigkeit, die der Homo Oeconomicus noch nicht zu stürmen wusste. Seine Kolonialisierung aller Bereiche des Lebens hat vor nichts halt gemacht: Kunst, Sexualität, Spiritualität, Reisen – alles hat er schon erobert. Allein das Fußballspiel hält stand. Deshalb braucht es die Welt. Deshalb ist es ein Geschenk des Himmels.

Und wir sollten endlich lernen, uns dieses Geschenkes würdig zu erweisen: indem wir mitspielen, mitleiden, mitträumen, mitjubeln, mittanzen; indem wir aufhören, Spielverderber zu sein, mit Moral und Ökonomie das Spiel zu vergiften; indem wir lernen, würdig zu verlieren und würdig zu gewinnen. Frei nach Nietzsche: In jedem Menschen steckt ein Kind, das will spielen – auf denn ihr Männer und Frauen, so wecken wir das Kind im Menschen! Freuen wir uns auf die WM!

Christoph Quarch

Christoph Quarch

Zur Person: Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen, denn: „Nicht denken ist auch keine Lösung“.
Aktuell ist der Kleine Alltagsphilosoph erschienen. Er gibt eine kluge und unterhaltsame Orientierung bei allen möglichen Fragen des modernen Lebens. Was bedeutet eigentlich heute Freundschaft – angesichts von 714 Facebook-Freunden? Was ist Glück? Bin ich ein Egoist, wenn ich mich mal nur um mich kümmern will? Oder auch: Woran erkennt man guten Sex? Diese und viele weitere spannende Fragen beantwortet der Autor, indem er abendländische Philosophen und Denker klug zu Rate zieht. Letztlich geht es um Fragen nach den Grundlagen des Zusammenlebens, nach menschlichen Werten, die doch über die Jahrtausende seit Platon dieselben geblieben sind, aber dennoch vor dem Hintergrund des heutigen Zeitgeists neu beantwortet werden müssen. Das Buch besticht durch typische Fragestellungen aus dem richtigen Leben, mit denen sich jeder identifizieren kann. Die Antworten sind ebenso ratgeberisch wie unterhaltsam. Als Zugabe wird jeder zitierte Philosoph kurz und einprägsam portraitiert.

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