Rücklicht: Peter Scholl-Latour

Foto: Nyks Wikipedia

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Abschied nehmen ist angesagt: Peter Scholl-Latour, das für mich mit großem Abstand größte Licht im deutschen Journalismus, ist nun nach Robin Williams und Lauren Bacall gegangen – mit 90 Jahren. Wahrscheinlich hat er auch wirklich genug gehabt von den Nachrichten der letzten Zeit und dem fast zwingenden Eindruck, dass die Politik einfach nicht lernen will…

Er hatte für mich etwas von einem Propheten, und so oft hätte ich mir gewünscht, Politiker hätten ihm zugehört und wären seinen weisen Ratschlägen gefolgt. Die Art, wie er die Ausgänge der letzten Krisen und Kriege immer richtig voraussagte, hatte schon etwas von Hellsehen für mich. Darauf angesprochen, sagte er nur, er mache eben seine Hausaufgaben und meinte damit, sich über die Schauplätze und betroffenen Menschen zu informieren. Schlau machen musste er sich nicht, das war er schon.

Und wir verlieren mit ihm einen Leuchtturm, noch dazu in einer Zeit, wo Journalisten fast nur noch Meinungen von Sendern, Intendanten und damit politischen Parteien vertreten, auf den langweiligen Mainstream geradezu abonniert erscheinen…

Was hatte Peter Scholl-Latour zur sich zuspitzenden Ukraine-Situation gesagt? Er hat einfach nur die Fakten aufgezählt: Zum zweiten Mal habe eine demokratisch nicht legitimierte Gruppe die demokratisch gewählte Regierung des Landes vertrieben. Diese demokratisch nicht legitimierte Gruppe, von der wir gar nicht richtig wüssten, wer sie seien, zu unterstützen, fand er öffentlich problematisch… Das war schon zu viel Wahrheit und man hat ihn dann nicht mehr gehört…

Peter Scholl-Latour ist ein Leben lang gereist und sah auch gar nicht ein, warum er das aufgeben sollte, zu jener Zeit, wo andere in Pension gehen oder als er die 80 überschritt – es war sein Leben. Und wir haben alle davon profitiert und durch seine Augen manches klarer und tiefer sehen können. Danke dafür!
Und ich hoffe und wünsche ihm, dass er sich auch auf diese letzte große Reise vorbereitet hat wie auf alle vorherigen. Ich wollte er könnte uns auch davon berichten. Er wird jetzt noch klarer sehen und sicher mit Freude und Stolz zurückblicken auf solch ein mutiges, der politischen Wahrheit ins Auge blickendes Journalisten-Leben. Für mich hat er wie kein anderer Ingeborg Bachmanns Erkenntnis umgesetzt: die Wahrheit muss immer zumutbar sein.

Obwohl ich ihn gar nicht persönlich kannte, wird er mir fehlen und ich werde mich in Zukunft öfter fragen, was hätte Peter-Scholl-Latour dazu gesagt?

von der großen verwandlungRuediger Dahlke hat ein wunderschönes kleines Büchlein übers leben und sterben geschrieben: Die große Verwandlung

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