Mein lieber, alter Freund

Lesezeit 5 Minuten –

IMG_1176Über die Herausforderung und das Geschenk, einen Demenzkranken zu begleiten – eine ganz persönliche, wahre Liebesgeschichte. Von Stefanie Breme-Breilmann. Wir sitzen auf der Bank vor dem Altersheim und schauen auf die alte Frau, die mühsam den Rollator vor sich herschiebt. „Die ist ja ziemlich alt geworden und paddelt ganz schön vor sich hin“, kommentiert mein Freund Anton (Name geändert) und grinst mich wissend an. Anton ist 90 Jahre alt und leidet unter durchblutungsbedingter Demenz. Es sind nun schon fast anderthalb Jahre her, seit meine Freundin mich bat, ihn zu besuchen, da er, trotz guter Pflege, sehr unter Einsamkeit litt. Inzwischen bin ich fast jeden Tag ein paar Stunden bei ihm und kann sagen, dass ich noch nie so viel über das Leben lernen durfte wie in dieser Zeit.

Das erste Geschenk ist die Geduld
Anton steht vor der Tür, hält sich halb am Rollator fest, halb an der Tür. Der Schlüssel in seiner Hand trifft das Schloss nicht. Immer und immer wieder kreist er, verdreht die Zacken. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht einzugreifen. Anton hat kein Problem mit der Zeit aber ich mit meiner Ungeduld. „Dreimal tief durchatmen und beobachten“ habe ich mir angewöhnt und seltsamerweise geht es auf einmal: Anton steckt den Schlüssel rein und dreht um. Immer und immer wieder konfrontiert mich der „Nicht Perfekte“ mit meinem Perfektionismus. Sei es beim Mittagessen, wenn der Löffel falsch herum in den Teller sticht oder minutenlang auf der Tischdecke außerhalb des Tellers das nicht vorhandene Yogurt sucht. Manchmal erkläre ich ihm zehmal hintereinander, wo seine Kinder sind oder welcher Tag ist. Es ist fast wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, alles wiederholt sich und doch kann ich jedesmal anders reagieren. Wenn ich ungeduldig werde, habe ich verloren. Wenn ich akzeptiere, dann kehrt Ruhe ein, für uns beide.

Der Verstand ist nicht alles: Das Geschenk der Empathie

Der lateinische Begriff „Demenz“ bedeutet so viel wie „Weg vom Geist“ oder „Weg vom Verstand“. Und das hat auch sehr viel mit Sprache zu tun. Anton war einmal ein sehr erfolgreicher und anerkannter Arzt, kultiviert, gut erzogen und äußerst eloquent. Mein guter, alter Freund leidet immer wieder darunter, dass er seine Gedanken nicht in Worte fassen kann. Er rettet sich mit alten Redewendungen, kommentiert wie der Facharzt und macht Witze über die anderen, die ihn nicht verstehen. Zwischendurch kommen so wunderbare Momente, in denen er beschreibt, was in seinem Kopf passiert: „Da war irgendetwas – ich weiß nicht, was. Es hat sich dann verändert …“ Anton macht eine Pause und grinst über seine Erkenntnis: „Es hat sich verändert, weil ich es vergessen habe!“ Dann spazieren wir weiter nebeneinander her. Um uns das Normale, während wir in einer eigenen Sprache Dinge anders benennen und uns verschwörerisch angrinsen. Ich habe mir angewöhnt, hinter seinen Worten die Botschaft zu lesen. Wenn er von Diebstahl oder nächtlichen Besuchen spricht, brauche ich jetzt nicht mehr – wie am Anfang – zu widersprechen oder zu korrigieren. Ich bin einfach still und höre zu, höre die Angst hinter seinen Geschichten. Die Angst, dass mit dem Verlust seiner mentalen Fähigkeiten auch die Kontrolle über sein Leben, sein Geld und seine Sachen einhergeht. Und immer wieder passiert es, dass er von alleine aus seinem Gedankenkarussell aussteigt, wenn ich still bin und plötzlich sagt: „Oder vielleicht ist das nur in meinem Kopf …“. Dann lächeln wir uns an und trinken Tee.

Jeder Tag ist neu: Das Geschenk der Akzeptanz

Es gibt viele Arten der Demenz und auch äußerst verschiedene Verläufe. Neben der bekannten Variante Alzheimer gibt es viele andere sogenannte primäre (direkt im Gehirn verursachte) oder sekundäre Formen. Z. B. auch die durchblutungsbedingte, die vaskuläre Demenz, die in einer Art Wellenbewegung oder Schüben wie viele kleine Schlaganfälle auftreten kann. Die hat Anton. Immer, wenn ihm schlechter geht, beginnt das Rätselraten: Ein neuer Schub oder Hitze, falsche Medikamente oder doch ein Virus? Oft sind es mehrere Ursachen. Oft ist es die Einsamkeit in der neuen Welt, die Angst vor Verlust der Familie oder die Angst vorm Sterben. Wenn ich vor der Tür meines alten Freundes stehe, weiß ich nie, was mich erwartet. Jeder Tag ist anders. An einem Tag können wir eine viertel Stunde spazieren gehen. Dann wieder ist alles düster und dunkel um ihn herum und wir reden übers Sterben. Ich muss aufpassen, nicht runtergezogen zu werden, positiv bleiben, auch wenn ich oft weinen könnte. Anton zeigt mir im Turbodurchlauf, wie das Leben in seiner ganz großen Bandbreite ist: ich tanze mit ihm einen „angedeuteten Walzer“ oder streichle seine Wangen, wenn er wie ein Kind beim Mittagsschlaf Angst hat, nicht mehr aufzuwachen. Ich bin Mutter, Geliebte, Tochter und Freundin. Und immer wieder bin ich gezwungen, das zu akzeptieren, was gerade ist, weil ich nichts verändern kann.

Die andere Welt: Das Geschenk der Fantasie und Kindlichkeit

Dunkle Flecken sind Vögel, Blätter im Wind kleine Hunde, die Anton mit einem „Schnalzen“ zu sich ruft. Ich singe Kinderlieder und tauche in alte Tage ab. Wenn Anton erzählt, dass da jemand mit uns im Zimmer steht, dann lasse ich ihn. Woher soll ich wissen, was stimmt? Weiß ich, was Realität ist, wenn ich träume? Es gibt so viel Freude über einfache Dinge und ich darf lernen, dass jeder Moment mit meinem alten Freund ein Geschenk ist. Ohne Geschichte bleibt das JETZT. Und doch ich bin ganz ehrlich: Wenn Anton mich in nicht allzu ferner Zeit nicht mehr erkennen wird, wird es mir das Herz zerreißen. Aber auch das ist Leben.

Dieser Artikel wurde in der September/2014 Ausgabe des Magazins Lebensart-sh.de/Verlagskontor SH erst-veröffentlicht. Er widmet sich einem ganz besonderen Teil des Themas Demenz: nämlich, dass in jedem Schweren auch ein Geschenk liegen kann. Wohl wissend, dass dies nur ein Teil des Ganzen ist, ziehe ich innerlich meinen Hut vor all den Pflegekräften, die meist unter großem Zeitdruck jeden Tag gefordert sind und vor all den Familienangehörigen, deren ganze Existenz betroffen ist.

Lesetipp: Birgit Frohn &, Swen Staack, Demenz: Leben mit dem Vergessen: Diagnose, Betreuung, Pflege – Ein Ratgeber für Angehörige und Betroffene

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Gastbeitrag
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3 Kommentare

  1. wunderbar geschrieben, lieben Dank dafür, auch ich habe meine Mutter begleiten dürfen und alles mit ihr zusammen durchlebt. Eine zeit, in der ich an meine Grenzen gestoßen bin, aber ich würde diese Aufgabe wieder annehmen, ich hatte wunderbare Kinder, die mich begleitet und gestützt haben, einen Mann, der immer an meiner Seite war, aber auch Grenzen spürte.So nah, soviel Tochter, wie in den letzten 2 Jahren ihres Lebens, besonders in den letzten Wochen, war ich in 59 Jahren meiner Mutter nicht. Aber in einem sehe iches etwas anders, es hat mir nicht das Herz zerrissen, es war schwer voll Trauer und Hilflosigkeit, aber mein Herz war weit offen für sie, es war der Verstand, welcher nicht begreifen konnte, was da passiert, wenn es sogar Situationen gab wie z. Bsp. die, als ich ihr meinen Personalausweis zeigt, um ihr zu „beweisen“ dass ich ihre Tochter bin….sie sagte einfach: Ausweise kann man fälschen, ich habe eine Tochter, die heißt wie Du, aber da müsste ja jemand aus zwei Menschen, einen gemacht haben, und das geht doch nicht. Aber Dich habe ich auch sehr lieb…..da ertrinkt das Herz fast in Tränen der Liebe, aber es zerreist nicht…..das wollte ich nur kurz dazu sagen…..

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