TherapeutInnen sind Esel…

Foto: betterplace

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Von Conny Dollbaum. Pedro und Carla heißen sie, brauchen weder Nachnamen, keine Approbation und keinen Titel, um in der tiergestützten Arbeit ihre therapeutischen Qualitäten ins Spiel zu bringen. Ja, eine Frau gehört doch auch noch dazu, so dass ich ein Interview mit den mir vertrauten Mitteln führen kann: Sandra Thyke, langjährige Mitfrau des Vereins NatUrsinn und absolut Esel begeistert.

Ich besuche Sandra Thyke wenige Autominuten vom Gewusel der Detmolderstraße entfernt:
Das Gelände, das die beiden Zebraabkömmlinge bewohnen, liegt in der Nähe der Habichtshöhe im Bielefelder Osten – und obwohl die Straße doch zu hören ist, empfinde ich sofort ein beinahe idyllisches Landgefühl.

7 Fragen zu Eseln…

1. Mögen Esel Menschen?
Die Esel begrüßen mich mehr beiläufig – und Sandra zeigt mir das Gelände, den Stall, wir bewegen uns zumindest meiner Empfindung nach alle vier eher gemächlich, selbst unser Sprechen hat Zeit… Mein Gefühl ist wohl am besten mit vorsichtigem Respekt zu beschreiben, denn die Esel kommen immer mal wieder nah, schnauben hörbar in meinen Rucksack (der allenfalls nach Hundebrocken riecht, das Esel angeblich gar nicht mögen…)
Sandra Thyke: Ja, Esel langweilen sich leicht und deshalb freuen sie sich über Besuch und jede Form von Abwechslung. Aupßerdem sind sie neugierig und erkunden deshalb Neues ausgesprochen gern.

2. Sind Esel stur?
Carla ist sehr am Papier meines Notizheftes interessiert.
Ich unterschätze Sandras wohlmeinden Rat, auf mein Papier zu achten – und „Zack“ ist das Heft zwischen ihren weichen Lippen wie in einem Schraubstock – und Sandra braucht ihre ganze Eselinnen-Autorität, um meine Aufzeichnungen zurück zu erobern.
Sandra Thyke: Esel sind ausdauernd und geduldig – als stur bezeichnen wir das doch nur, weil sie manchmal nicht so gefügig das tun, was wir wollen…, oder? Anders als Pferde sind sie keine Fluchttiere und laufen nicht weg – sie bleiben einfach stehen. Ausdauernd!

3. Wie kommt frau bloß an Esel?
Sandra Thyke, Natur- und Umweltpadagogin aus Passion, hörte 2006 „rein zufällig“ von einer Eselzüchterin, die Esel zu verkaufen hatte…und da sie Esel immer schon ausgesprochen wunderbar und Herz erweichend fand, fuhr sie hin, sah sie an – und nahm sie mit. Das Grundstück war mittels Mailverteiler sofort gefunden – die Scheune wurde passend gemacht. Und die Ausbildung für tiergestützte Therapie und Pädagogik machte sie natürlich auch.
Sandra Thyke: Ich wollte die Natur- und Umweltpädagogik bei Natursinn gern erweitern, hatte Lust auf Neues damals.
Esel sind von großer Einfachheit: Sie sind klar in ihrer Kommunikation – bleiben z.B. stehen, wenn sie verunsichert sind oder keinen Überblick haben. Der Versuch, einen Esel zu überreden, doch jetzt sofort und vor allem zügig an einen von mir festgelegten Ort zu gehen hat nur dann Erfolg…, wenn der Esel sich dabei wohlfühlt und in gutem Kontakt mit mir ist.
Zerren und ziehen hilft da gar nicht – Esel wehren sich auf diese Weise. Sie laufen nicht weg wie Pferde…sie warten einfach ab.

4. Wieso sind Esel TherapeutInnen?
Sandra erzählt von Menschen mit Handicaps unterschiedlicher Art, die mit den Eseln auf einfache und liebevolle Art zu kommunizieren lernen. Eine Gruppe sogenannter lernschwacher Jugendlicher kam das letzte halbe Jahr ein Mal wöchentlich.
Sandra Thyke: Zu Beginn war das nicht ganz leicht. Gummistiefel waren nicht bekannt, der Eselsgeruch war sehr „ungeil“ und das Ganze wurde von den Jugendlichem mit treffend-ätzenden Sprüchen kommentiert.
Aber die Esel näherten sich auf eigene Art: Gespräche über den Stall (Was brauche die denn so?), ihre Art der Sprache (Verstehen die mich?) und über die Frage „Darf ich den mal führen, besser noch: reiten? kamen die Jugendlichen in Kontakt mit den Eseln, ihrer Umgebung und sich selbst.
Am tollsten fand ich, dass niemand das Experiment abgebrochen hat, alle sind bis zum Schluss wiedergekommen.

5. Wieso haben Esel so schöne Längs- und Querstriche am Rücken?
Ich bin ganz entzückt ob dieser Zeichnung – und erfahre, dass sie von Zebras abstammen und dies quasi ein Relikt aus der Zebrazeit ist.

Foto: Conny

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6. Sind Esel Herdentiere?
Sandra Thyke: Auf jeden Fall – gerade Pedro und Carla sind eigentlich nicht zu trennen. Beim Versuch, nur mit einem der beiden zu gehen, gibt es bei beiden richtigen Aufruhr: der Zurückgebliebe schreit und die mit gehen soll bleibt einfach stehen. Ich versuche gerade, das zu trainieren – was nicht so ganz einfach ist. Esel haben eine für Herdentiere eine ganz besondere Eigenschaft:
Sie kennen kein festes Leittier. Die Führerschaft kann auch in freien Herden von Tag zu Tag wechseln, ja nach Stimmung und Kontext. Die Herde folgt dann immer dem gerade zuständigen Tier – und das geht absolut problemlos.

7. Was lernen Menschen von Eseln?
Grundsätzlich scheinen Tiere uns ja auf einer ganz anderen Ebene zu erreichen als Menschen – harte Kerle schmusen mit ihrer Katze, unruhige Menschen dösen neben mit ihrem Hund um die Wette…..und Jugendliche mit einer Schwierigkeit bei der Kommunikation lernen mit Eseln, sich und ihr Gegenüber wahrzunehmen.
Esel, wie die meisten Tiere, zeigen sehr direkt, was sie brauchen und was sie nicht mögen. Esel sind dabei sanft aber ausdauernd und das ist in diesem Zusammenhang sehr hilfreich. Außerdem sind sie nicht ganz so riesig und dennoch von der Größe respektabel.
Mit Tieren, also auch mit Eseln, geht es ja immer um Basics: Versorgung, Pflege, Beschäftigung, Artgerechtes.
Die Jugendlichen lernen auch etwas über ihre eigene Autorität, die unbedingt nötig ist, damit die Esel sie ernst nehmen. Manche haben noch nie erfahren, dass ein von ihnen ausgesprochenes oder durch Haltung gezeigtes „Nein“ tatsächlich auf eine Reaktion trifft.
Die Jugendlichen spüren so ihre eigene Präsenz – beim Hufe auskratzen eine absolute Notwengigkeit und das fühlt sich gut an, macht stolz.

…und außerdem sind Esel wunderschön, weich, witzig, lebendig, schelmisch, verfressen, nicht zu groß, weichohrig, klug….

Hinweis: Das tiergestützte naturerlebnispädaogische Projekt mit Eseln in Bielefeld sucht Spendengelder für die Umsetzung. Kinder mit besonderen Förderbedarf (ADHS, ADS, Wahrnehmungsstörungen,…) finden hier einen heilsamen Dialog. Hier ist der vollständige Link zu Projekt und Spendentopf bei betterplace.

heilnetzDer Artikel erschien zuerst bei den GOOD NEWS von Heilnetze, das sind regionale Internetportale mit Adressen für alternative TherapeutInnen, ganzheitliche Beratung und/ oder Informationen aus dem Bereich Ganzheitliche Gesundheit. Mehr hier.

 

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