Vom Wesen der Schönheit

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Foto: newslichter

Von John O’Donohue. Wenn wir das Schöne erwarten und zulassen, kommt in unserem Innern und zwischen uns Menschen etwas Neues in Fluss. Das Herz lebt auf, und völlig unerwartet erhellt Mut unser Leben. Es ist der Mut, der wieder Hoffnung ins Herz pflanzt. Im Alltag beweisen wir häufig Mut, ohne es zu merken. Nur wenn wir Angst empfinden, wird der Mut zum Problem. Mut ist so verblüffend, weil er den Kern der Furcht anzuzapfen vermag und diese angstvolle Energie in Initiative, Kreativität, Aktion und Hoffnung umwandelt.

Wenn der Mut erwacht, werden die Kerkermauern zu Horizonten neuer Möglichkeiten, Schwierigkeiten werden zur Gelegenheit, und das Herz schwingt in einem neuen Rhythmus zuversichtlicher Gewissheit.

Im Herzen jedes Menschen existieren verborgene Quellen des Muts; doch muss der Mut erst in uns erweckt werden. Die Begegnung mit dem Schönen kann ein solches Erwachen bewirken. Mut ist der Funke, der zur Flamme der Hoffnung werden und in scheinbar toten, dunklen Landschaften aufregende, neue Pfade beleuchten kann.

Wenn wir uns des Rufs der Schönheit bewusst werden, realisieren wir auch neue Möglichkeiten des In-der-Welt-Seins. Wir wurden erschaffen, um selbst Schöpfer zu sein. Im innersten Wesen soll die schöpferische Kraft der Schönheit dienen und Schönheit evozieren. Erwachen dieser Wunsch und diese Fähigkeit zum Leben, dann sprudeln neue Brunnen in der Ödnis; Schwierigkeiten werden zur Chance, und statt uns gegen unsere Natur aufzulehnen, schwingen wir im Rhythmus ihres innigsten Bedürfnisses, ihrer stärksten Leidenschaft. Deshalb ist die Zeit reif, dass wir uns von der Schönheit überraschen und befreien lassen. Die Schönheit ist ein Freigeist und wird sich nicht in den Kerker der Zweckbestimmtheit sperren lassen.

Im Licht der Schönheit schmelzen die Strategien des Ego wie ein Gespinst in der Kerzenflamme. Fredrick Turner schreibt: »Die Schönheit . . . ist die höchste integrative Ebene des Verstehens und die umfassendste Eigenschaft zum effektiven Handeln. Durch sie werden wir fähig, uns im Fluss mit der tiefsten Strömung, im Einklang mit der tiefsten Melodie des Universums zu bewegen – und nicht dagegen.« Das Wunderbare am Schönen ist seine Fähigkeit, uns zu überraschen.

Foto: Elske Margraf

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Seine flinke, reine Anmut gleicht dem göttlichen Hauch, der das Herz aufschließt. Gefeit gegen all unsere Strategien kann uns das Schöne ergreifen, wenn wir es am wenigsten erwarten. Da unsere gegenwärtige Denkweise jedoch vom Kalkül des Konsumdenkens und des Geschäftssinns beherrscht wird, öffnen wir uns der Fülle der Schönheit immer seltener. Wir sind tatsächlich so berechnend geworden, dass es heute geradezu naiv wirkt, sich überrascht zu zeigen! Einer der großen modernen Philosophen der Schönheit ist Immanuel Kant, der die Freude, die wir am Schönen empfinden, als »uninteressiertes Wohlgefallen« bezeichnete. Die Belebung durch die Schönheit vollzieht sich so rasch und befriedigend, dass wir sie einfach um ihrer selbst willen genießen.

Unsere Freude am Schönen ist für uns ebenso natürlich wie das Atmen, ein lyrischer Akt, bei dem wir uns hingeben, um zu erwachen.Trotz unserer wachsenden Hilf- und Hoffnungslosigkeit ist uns doch deutlich bewusst geworden, wie bitter notwendig ein echter positiver Wandel ist. Die abgedroschenen Phrasen »seriöser« Experten stoßen bei uns zunehmend auf taube Ohren. Ihr gekünstelter didaktischer Ton stillt unsere Bedürfnisse nicht mehr. Jetzt brauchen wir nämlich die Erfahrung an sich und nicht die Analyse eines neuen Syndroms oder einen Mitgliedsausweis dafür.
Der Gedanke, zu immer noch mehr Wohlstand zu gelangen, ist schal und banal geworden. Die fanatischen Verfechter der Analyse sind mit Blindheit geschlagen. Im Gegensatz dazu spendet uns die Schönheit Erquickung, Erbauung und erinnert uns an unseren wahren Ursprung, unsere eigentliche Bestimmung. So verstanden ist die Schönheit die wahre Priesterin der Individuation, die uns einlädt, den allumfassenden Plan, der unsere Tage und Träume formt, zum Leben zu erwecken und geschehen zu lassen. Die Schönheit zwingt uns keine vorgefertigten Sinnzusammenhänge auf, nach denen wir irrigerweise streben sollten; vielmehr handelt es sich hier um den diametralen Gegensatz zu jeder Form des Fundamentalismus.

Die Schönheit lädt uns ein, aufzuwachen und uns hinzugeben, um an der Gestaltung jener neuen, lebendigen Sinnzusammenhänge mitwirken zu können, nach denen uns ursprünglich verlangt. In so ungeborgenen und ungewissen Zeiten sehnen wir uns nach dieser Ordnung, sehnen uns nach Sinnzusammenhängen, die unser eigenes Wachstum in Harmonie mit der geheimen Ordnung der Schöpfung bringen. Hans Georg Gadamer greift diesen Gedanken sehr schön auf, wenn er sagt: »Die Erfahrung des Schönen . . . ist die Beschwörung einer potenziell heilen und heiligen Ordnung der Dinge, wo auch immer dies geschehen mag.« Allerdings gehört es zur verstörenden Wirkung der Schönheit, dass ihre anmutige Kraft die alten Kerkermauern sprengt, hinter denen wir im ungelebten Leben gefangen liegen. Schönheit stellt nicht einfach nur die Aufforderung zur Entfaltung dar, sondern ist eine verwandelnde Präsenz, in der wir zur Entfaltung gelangen, ehe es uns bewusst wird. Folglich entfaltet sich unser tiefstes Wissen dann, wenn uns die Schönheit umfängt.

vom_reichtum_des_lebens-9783423344104Der Textabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des dtv-Verlages. Er ist dem wundervollen Buch Vom Reichtum des Lebens: Die Schönheit erweckenVom Wesen der Schönheit entnommen. John O’Donohue studierte in Tübingen philosophische Theologie und promovierte 1990 mit einer Arbeit über Hegel. Bis zu seinem viel zu frühen Tod im Januar 2008 lebte O’Donohue, dessen Muttersprache Gälisch war, in einem Cottage in seiner Heimat Connemara im Westen Irlands. Er ist Autor der internationalen Bestseller Anam Cara: Das Buch der keltischen WeisheitVom Wesen der Schönheit
(dtv 24119) und Echo der Seele: Von der Sehnsucht nach GeborgenheitVom Wesen der Schönheit (dtv 24180).

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