Wir von Anfang an – Recht auf gute Geburtshilfe!

Ein so wichtiges Thema ist eine gute Geburtshilfe. Dazu gibt es am 25. bis 26. Oktober 2019 den Kongress zur Schwangerschaft und Geburt als Grundlage der Gesundheit „WIR von Anfang an“ in Stuttgart. Zum Weltkindertag haben die Veranstalter diesen Hintergrundtext veröffentlicht:

Ist eine gute Geburtshilfe ein Kinderrecht?

In Deutschland kommen immer mehr Kinder in Stresssituationen zur Welt. Dazu trägt auch die schlechte Finanzierungs- und Versorgungssituation in der Geburtshilfe bei. Studien zeigen, dass starker Druck während Schwangerschaft und Geburt das Kind nachweislich – und möglicherweise mit lebenslangen Folgen – belastet. Auf der Pressekonferenz des interdisziplinären Kongresses „WIR von Anfang an“ am 25. Oktober 2019 in Stuttgart stellen Eltern, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte mögliche Lösungswege vor. Sie fordern einen Paradigmenwechsel in der Geburtshilfe. Ziel sollte sein, die Gesundheit und das Wohlbefinden der jungen Familie in den Mittelpunkt aller Handlungs- und Personalentscheidungen zu stellen. Der Weltkindertag am 20. September müsse auch die geburtshilfliche Versorgung der Kinder stärker in den Blick nehmen. Richtungsweisend ist dabei das nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“, welches auch vom Bundesgesundheitsministerium unterstützt wird.

Zu wenige Hebammen für die Betreuung von Schwangeren vor und während der Geburt, Kreißsaal-Schließungen aufgrund von Kostendruck und Personalmangel, ein Vergütungssystem, das Kaiserschnitt besser als die natürliche Geburt finanziert: „Dies sind nur einige von vielen Problemen, mit denen die deutsche Geburtshilfe derzeit ringt“, erklärt Katharina Desery, Vorstandsmitglied der Elterninitiative Mother Hood e. V. anlässlich des Weltkindertages. Eine kindgerechte Geburt sei unter diesen Rahmenbedingungen häufig nicht möglich. „Die Geburtssituation in Deutschland muss sich dringend ändern, um einen möglichst positiven Geburtsverlauf und damit Kindern einen emotional und medizinisch guten Start ins Leben zu ermöglichen“, führt sie aus. „Wir brauchen intime, stressfreie Schutzräume für Schwangere und müssen Mutter und Kind wieder in den Mittelpunkt stellen.“

Der Geburtsverlauf entscheidet über die Gesundheit des Kindes

Für die Entwicklung des Kindes sind der Verlauf von Schwangerschaft und Geburt mitentscheidend. „Hier wird das Fundament für die weitere Gesundheit in der Kindheit und im Erwachsenenalter gelegt“, erklärt Dr. med. Andreas Oberle, Ärztlicher Direktor der Abteilung Pädiatrie 1 – Sozialpädiatrie des Klinikums Stuttgart. Studien aus dem Feld der Psycho-Neuro-Immunologie zeigen, dass sich Stress vor und während der Geburt negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirke. Zudem erhöhen körperliche, soziale und psychische Belastung der werdenden Mutter das Frühgeburtsrisiko.

Gleichzeitig findet in Deutschland fast jede dritte Geburt per Kaiserschnitt statt – darunter rund 90.000, die medizinisch nicht unbedingt notwendig sind.1 Hier spielen zeitliche und personelle Kalkulierbarkeit, personelle Unterbesetzung und mangelhafte Aufklärung der Mutter eine Rolle. „Es ist inzwischen unbestritten, dass eine Kaiserschnitt-Geburt negativen Einfluss auf das Immunsystem des Kindes hat. Studien – wie auch aktuell der neue Kindergesundheitsreport der Techniker Krankenkasse2 – zeigen den Zusammenhang zwischen dieser Geburtsform und Volkskrankheiten wie Diabetes und Asthma, Entwicklungsstörungen wie ADHS oder einem ungünstigeren Mikrobiom im kindlichen Darm sowie in der Muttermilch“, so Oberle.

Darüber hinaus wird jede fünfte Geburt in Deutschland künstlich eingeleitet. „Diese künstlichen Geburtsvorgänge verletzen das Recht des Kindes auf eine natürliche und ungestörte Geburt und Geburtszeitpunkt“, betont Dr. Gabriela Stammer, Mitglied des Vorstandes der Gesellschaft Anthroposophische Ärzte Deutschland (GAÄD). Denn die Zeit im Mutterleib sei individuell und das Einleiten sei nur in wenigen Fällen medizinisch geboten. Auch sollte die medikamentöse Behandlung werdender Mütter, beispielsweise mit Antibiotika, mit mehr Bedacht eingesetzt werden. „Nur unter medizinisch eindeutiger Indikation sind solche Maßnahmen, die das Mikrobiom des Kindes und damit die Grundlage des lebenslangen Immunsystems schädigen, zu rechtfertigen“, warnt die Gynäkologin aus Wennigsen.

Auch Gewalterfahrungen unter der Geburt werden zunehmend Thema. „Die Ursachen sind vielfältig und stehen nicht selten im Zusammenhang mit Personalknappheit, steigendem Druck durch juristische und haftungsrechtliche Folgen für Ärztinnen und Ärzte“, erklärt Stammer. Ein Beispiel ist das immer noch häufig genutzte „Kristellern“, bei dem das Kind mehr oder minder gewaltsam aus dem Bauch gedrückt wird, wenn die Geburt stockt. Studien stellen die Wirksamkeit in Frage. Darüber hinaus warnen die Untersucher vor Folgeschäden wie Sauerstoffmangel, Nerven- und Knochenschädigungen beim Kind und Beckenbodenschäden bei der Mutter.

Neuer Fokus in der Geburtshilfe: Vertrauen und Aufklärung stärken

„Familien müssen wieder mehr Vertrauen in das System erhalten. Voraussetzung hierfür ist, dass alle an der Geburtshilfe Beteiligten wieder mehr Bewusstsein für ihre Verantwortung hinsichtlich der lebenslangen Gesundheit der Mütter und Kinder gewinnen. Die interprofessionelle Zusammenarbeit muss auf Augenhöhe geschehen und Eltern stets in Entscheidungsprozesse eingebunden werden“, erklärt Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbandes Baden-Württemberg. „Hierfür benötigen werdende Mütter ein breiteres und besseres Wissen über Geburt und Schwangerschaft sowie ein stärkeres Vertrauen in die natürlichen Abläufe.“ Stammer ergänzt: „Es braucht sicher auch ein neues Vertrauen in helfende und notwendige ärztliche Interventionen.“ Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen müssten hier vermehrt Aufklärungsarbeit leisten, sich Zeit für die künftigen Eltern nehmen und sich auf individuelle Bedürfnisse und Sorgen einstellen. „Nur so lässt sich ein Vertrauensverhältnis in einer so sensiblen und intimen Situation schaffen“, betont Eichenauer.

Doch in Deutschland sind beratende, aufklärende und begleitende Tätigkeiten immer noch schlecht vergütet. „Das hiesige Gesundheitssystem muss sich grundsätzlich wandeln, um im Sinne der werdenden Mütter und ihrer Kinder zu agieren“, führt Eichenauer aus. Jedem Kind müsse eine ihm individuell bestmögliche Geburtshilfe zustehen.

Auf der Kongress-Pressekonferenz am 25. Oktober 2019 in Stuttgart diskutieren Vertreterinnen und Vertreter von Eltern, Hebammen sowie Ärztinnen und Ärzten aus Gynäkologie und Pädiatrie, wie eine bessere Geburtshilfe in Deutschland gesundheitspolitisch und fächerübergreifend gefördert werden kann. Als Grundlage für diese Überlegungen soll auch das nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ dienen.

Zum Kongress „WIR von Anfang an“

Veranstaltet wird der Kongress gemeinsam vom Berufsverband der Kinder- und JugendärztInnen Baden-Württemberg, vom Hebammenverband Baden-Württemberg e. V., dem Klinikum Stuttgart, der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e. V., der Filderklinik, der Genossenschaft der fachärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen e.G. (PädNetzS), der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD), der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V. in Kooperation mit FrauenärztInnen und dem bisherigen Präsidenten der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Die Idee zu diesem interdisziplinären Kongress entstand im Nachgang zum Kongress „Kindergesundheit heute“ 2014 in Stuttgart.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.wir-von-anfang-an.de

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