6. Januar – Das Fest der Göttin Holle

frauholleVon Vera Zingsem. In der Advents- und Weihnachtszeit wimmelt es bei uns üblicherweise nur so von heiligen Männern. Das fängt am 6. Dezember mit St. Nikolaus und Knecht Ruprecht an und hört am 6. Januar mit den Heiligen Drei Königen auf. Dazwischen wird – zur Zeit der Wintersonnenwende – das Jesuskind geboren, auch männlich. Und Geschenke bringt selbstverständlich der Weihnachtsmann – alles in allem eine schöne Bescherung. Doch halt, gab es da nicht so etwas wie die Rauhnächte? Längst vergessen, doch heute wieder neu entdeckt.

In diesen Rauhnächten allerdings residierte keine andere als unsere seelengute Frau Holle, die gute Fee mit dem Schnee, den sie alljährlich aus himmlischen Kissen schüttelte und der uns noch heute von weißer Weihnacht träumen lässt. Dazu die weltberühmten „Jingle Bells“, Glocken am Schlitten des Weihnachtsmannes, der noch vor gar nicht so langer Zeit eine Frau gewesen ist?

Frau Holle jedenfalls war es, die mit ihrem von Schimmeln gezogenen Wagen durch die weiße Winterwelt rauschte, und „wo sie fährt, da wird beschert“, so wusste der Volksmund. Draußen im Wald deckte man ihr den Tisch, damit sie sich an den guten Gaben laben konnte, die ihr die Menschen reichlich brachten. In der Festfreude über das wiedergewonnene Licht, wenn das Sonnenrad (Jul) seinen tiefsten Punkt hinter sich gelassen hatte, teilte man Braten, Wein und Leibspeise mit ihr, der man all die guten Dinge verdankte, lud sie zu Tisch wie eine liebe Verwandte. Nur dass man ihr beim Essen nicht zusehen durfte. Das war strengstens verboten und Neugier konnte leicht für eine Weile das Augenlicht kosten. Weder beim Schmausen noch beim Schenken ließ die Göttin sich gerne beobachten Nur den Wagen, den musste sie ab und an unterwegs reparieren lassen. Von weitem schon hörte man das zarte Geläut der Glöckchen am wie von Geisterhand gezogenen Gefährt: Die Weiße Frau auf ihrem von Schimmeln gezogenen Wagen im verschneiten Winterwald, – da musste man schon dreimal hinschauen, wenn man das Wunder erkennen wollte.

Wer das Glück hatte, die Achse oder ein Rad ihres Wagens reparieren zu dürfen, der hatte für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Das Stroh, die Späne, welche die Hohe Frau ihm zum Dank für seine Dienste gnädig überließ, verwandelten sich über Nacht unversehens in pures Gold. Nur berechnen ließ sich das Märchen nicht. Wer glaubte, den Wagen abpassen zu können, in der Hoffnung, es gäbe etwas Zerbrochenes zu richten, dem konnte die Holde schon mal mit einer Axt den Buckel krumm schlagen. Geschenke wollen Geschenke bleiben, sowohl die der Menschen als auch die der Göttin. Sobald Berechnung dazu kommt, gehen die Freude und der Sinn für das Spontane verloren.

Die Gaben der Göttin konnten sehr unterschiedlich ausfallen, meist war es etwas Nützliches, das sie verschenkte: Ein Tier etwa, das der Pflege bedurfte, aber dem Herzen vereinsamter Menschen Freude bereitete; ein Strickknäuel, dessen Faden kein Ende nehmen wollte, eine goldene Spindel, die feinste Seide spann, ein Stück Kohle, das einem Glasbläser das nötige Feuer in Gang hielt, ein Grubenlicht, das niemals erlosch, ein Apfelbäumchen, das überreichlich Früchte tragen wird, bisweilen gar eine ganze Aussteuer oder ein Kästchen mit Edelsteinen. Wenn die Weiße Frau an die Tür pochte, hatte alle Not ein Ende, denn es waren vor allem die Armen oder die vom Pech Verfolgten, denen sie zur Seite stand.

Die den Wert ihrer meist unscheinbaren Geschenke erkannten, deckten ihr im nächsten Jahr wieder den Tisch, wohl wissend, dass alles, was man dort an Speisen auftrug, von der Göttin selbst herrührte. Sie gaben ihr lediglich einen kleinen Teil von dem zurück, was sie zuvor reichlich empfangen hatten. Denn im Jahreskreis kam schlichtweg alles von ihr: Das Getreide, der Kuchen, der Wein und die Früchte, die Blumen und das Linnen, wie auch das lebenspendende Wasser, das die gesamte Fruchtbarkeit in Gang hielt und noch im gefrorenen Zustand seinen Segen entfaltete. Wenn Frau Holle mit ihrer Schneedecke das Erdreich in Winterschlaf versetzte, konnten sich die Pflanzensamen darunter ausruhen. In dieser samtenen Stille pflanzte sie jeder Blume den Traum vom Frühlingshimmel ins Herz. An Brunnen, Teichen und Seen war die Göttin zu Hause. Dort – in „Frau Hollenteich“ – schwammen, der Sage nach, dereinst auch unsere Seelen, bevor sie sich zur Wiedergeburt entschlossen. Den Seelentransport besorgte der Storch, der noch heute aus vielen Geburtsanzeigen nicht wegzudenken ist. In den rauhen Winterstürmen konnte man ihr ebenso begegnen wie in einer sternklaren frostigen Nacht, wenn man im Orionsstab ihren „Spinnrocken“ am Himmel erblickte, der um die Jahreswende besonders schön funkelt.

goettermythenAm 6. Januar gingen die Rauhnächte zu Ende und damit auch das alte Jahr. Dieses Datum galt unseren Vorfahrinnen und Vorfahren als der höchste Feiertag im Jahr. So wie die Göttin Isis in Ägypten zur „Herrin des Jahresanfangs“ wurde, so stand auch bei uns eine große Göttin an der Wiege des Neuen Jahres. Und die Geschenke, die sie für das kommende verhieß, waren Cäs, Milch und Brot (C-M-B), die kostbaren Gaben der Erde.

Holle-Feste werden zum 6. Januar inzwischen zunehmend mehr begangen. Wer Näheres erfahren möchte: www.polythea.com

Von Vera Zingsem ist das lesenwerte Buch Freya, Iduna und Thor – Vom Charme der germanischen Göttermythen erschienen.

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4 Kommentare zu “6. Januar – Das Fest der Göttin Holle
  1. Ich habe Eure Seite garde eben erst entdeckt und finde sie ganz wunderbar.

  2. Avatar Elke sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Artikel, der mein Herz in das Märchenhafte und Mythische tanzen lässt, wie die leichtfüssigen Spuren im frischen Schnee heute morgen.
    Diese Erinnerung erfrischt mich und regt zu träumen an. Das erste, was ich heute morgen von draussen gehört habe, war die quietschende Freude der Kinder über den Schnee.
    Danke für diese wunderbare Website!!
    Alles Liebe Elke

  3. Avatar Reinhild sagt:

    Vielen Dank für den schönen Artikel! Herzerwärmend ist Frau Holle beschrieben. Großzügig aber nicht maßlos, selbstbestimmt, barmherzig und vor allem in engem Kontakt mit den Menschen.
    Ich bin etwas über den Ausdruck Vorfahrinnen gestolpert. Ich finde, wir brauchen diesen “gegenderten” Begriff gar nicht. Vorfahren schließt beide Geschlechter mit ein, auch wenn es der Vorfahre heißt.
    Jeder von uns hat ja genauso viele weibliche wie männliche Vorfahren, daran ist nichts Wertendes.
    Ich weiß, daß es heute fast unmöglich ist, es bei diesem Thema allen recht zu machen. Daher kann ich auch andere Ansichten akzeptieren, rege aber gern an ein wenig darüber nachzudenken.
    Herzliche Grüße und nochmal vielen Dank!

    • Liebe Reinhild, eigentlich ist es doch genau umgekehrt-in der weiblichen Form Vorfahr*innen ist die männliche mit enthalten!Besonders noch wenn es etwas abgesetzt beim Sprechen und beim Schreiben mit Sternchen, Groß I (i) o.ä. kenntlich gemacht wird. Sprache formt das Bewusstsein und umgekehrt. Forschungen zeigen, dass die Assoziationen / Bilder in unserem Gehirn stark durch die Sprache beeinflußt werden. Das Wort “Chirurgen” läßt nach einer Studie bei den meisten Menschen die Vorstellung von männlichen Ärzten auftauchen. So dass unsere bisher übliche Sprache immer weiter reproduziert und verfestigt, dass wir uns mehrheitlich Männer vorstellen und Stereotype besonders bei den sogenannten Männer-Berufen verstärkt! Luise Pusch hat ein schönes Büchlein dazu vor vielen Jahrzehnten verfasst!

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