Meine Mütter

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Von Miriam Licht. Als ich 34 war starb meine Mutter – aus heiterem Himmel. Wir hatten keine Gelegenheit sie zu verabschieden. So wurde es ein intensiver Wachstumsprozess, den wir alle nach ihrem plötzlichen Tod zu vollbringen hatten. Zwei Jahre nach ihr starb ihre Mutter, meine geliebte Großmutter. Ihr war der Tod die innig ersehnte Erlösung von einem langen und sehr schmerzhaften körperlichen Leiden.

Eines der vielfältigen Geschenke, die mir aus dem frühen Tod meiner Mutter erwachsen sind, war für mich die Einsicht, mit der ich eines Tages ganz klar in meinen Tag ging: es wird Zeit, nach meinen Wurzeln, meinen Vorfahren zu fragen. Solange noch jemand da ist, den ich fragen kann.

Und so begann ich damals vor mehr als zwanzig Jahren, meinem Vater und meinem Onkel Fragen zu stellen. Und ihnen mit dem Stift in der Hand zuzuhören. Menschen, die für mich in meiner Kindheit sebstverständlich dagewesen waren, begannen sich nun für mich als Erwachsene durch Vaters und Onkels Erzählen in den Reigen meiner Eltern, deren Geschwistern und Kusinen einzufügen. Und in den von Freunden und Wahlfamilienmitgliedern. Auch die Großeltern und manche deren Vorfahren, von denen es Erzählungen und Erlebtes zu berichten gab, kamen mir jetzt als Erwachsener auf neue Art nah und berührten mich. Jetzt, nach zwanzig Jahren habe ich den Faden wieder aufgenommen. Meine Fragen und das Zuhören bei Kindergeschichten in meiner Elterngeneration, die allmählich auftauchen, machen mich reich.

Den Muttertag begehe ich heute mit dem klingenden Lesen der Namen aller Mütter aus sieben (!) Generationen, deren Namen ich – zu meinem allergrößten Staunen – bisher entdecken konnte. Auch ihre Kose-und Spitznamen, die sie in der Familie und bei Freunden hatten. Dieses Nennen aller Namen meiner Mütter wärmt mich und erfüllt mich mit Demut und großer Dankbarkeit für den Weg, den sie vor mir gegangen sind. Und der es möglich gemacht hat, dass es mich heute gibt.

Ich freue mich an der Schönheit ihres gelebten Lebens. Ich bin dankbar. In mir erklingt bei jedem Namen Liebe.

Alma
Anna
Anny
Barbara
Bärbel
Elisabeth
Emilia
Emilie
Helene
Helene
Henriette
Johanna
Liselotte
Louise
Louise
Martha
Maria
Marie
Olga
Rose
Sophie

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3 Kommentare zu “Meine Mütter
  1. hannerose sagt:

    liebe miriam,
    das ist eine wunderschöne weise den muttertag zu beginnen. das werd ich übernehmen, danke dafür.
    leider habe ich es versäumt bei manchen erzählungen intensiver nachzufragen und den stift in der hand zu haben. doch da die frauen meiner weibl. linie, sehr alt wurden, erinnere ich vieles. ich hab mir fest vorgenommen in einigen jahren die familiengeschichte zu erforschen.
    ich feiere am fest der ahnin im november eben diese. es ist sehr stärkend mutter, großmutter, urgroßmutter und ururgroßmutter mit ihren namen zu rufen. eine ungeheuere kraft und liebe durchströmt mich und ich fühle mich tief verbunden.

  2. Vielen Dank, liebe Miriam Licht! Was du schreibst, berührt mich sehr, weil auch meine Mutter sehr jung… viel zu jung gestorben ist. Nicht plötzlich, wie deine Mutter, und dennoch konnten (durften) wir Kinder uns nicht von ihr verabschieden… weil ‚die Erwachsenen‘ das damals so entschieden haben. Für mich war und ist das einfach nur grausam!… etwas, das nie wieder gut zu machen ist und mit dem ich dennoch inzwischen meinen Frieden gefunden habe.
    Und was für eine wundervolle Idee, die Namen all deiner Ahninnen, aller Frauen und Mütter, die vor dir waren zusammenzutragen und sie in Dankbarkeit und Liebe zu würdigen.
    Das inspiriert mich sehr und ich werde mich auch auf die Suche machen, nach den Namen meiner Ahninnen und Mütter, die vor mir waren.
    Das sind die, von denen ich weiß:

    ❤️ Gesine
    ❤️ Gesine
    ❤️ Johanna
    ❤️ Katharina
    ❤️ Maria
    ❤️ Theresia

    Von Herzen alles Liebe
    Johanna

  3. Gerade lese ich diese berührende Geschichte dieser Frau, die ich nicht kenne und doch kenne ich sie, dadruch, das sie auch Tochter, Mutter, Freundin ist. Mein Tocher-/ Mutterherz schwingt mit und sich dorthin tragen, wo ich auch schon so häufig, meine geliebten Ahnen gerufen habe und immer mal wieder auch um Rat gefragt habe. Sie sind wiurklich da. Besonders mag ich den Duft meiner Mutter, der manchmal ganz überraschend in meine strömt und ein Lächeln in meine Gesicht zaubert. Was würde sie wohl gerade sagen, denken, fühlen. Es gibt so viele Weisen mit unseren Ältesten in Verbindung zu tretten, wenn es für uns gut ist. Auf alle Fälle stehen sie gerne hinter uns und lieben es zu sehen, wie wir weiter gehen. Über das hinaus, was zu der Zeit möglich war! Danke Miriam für dein schönes Wecken und Berühren.

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