Ich bin Du

Foto: Pixabay

Diese universelle Wahrheit, wenn sie einmal in Herz und Verstand eines Menschen angekommen ist, ist eine große Erlösung. Damit sie als solche erfahren werden kann – und nicht als dramatischer Identitätsverlust – muß eine Menge geschehen sein mit einem Menschen, der jahrzehntelang gelernt hat, wer er ist und wo in der Welt er steht.

Es beginnt damit, daß wir das Verhalten anderer Menschen nicht mehr verurteilen können. Denn tief in unserem Inneren spüren wir, was unseren Gegenüber dazu veranlaßt, Dinge zu tun, die wir – eigentlich – verurteilen. Wie erkennen eigene Verfaßtheiten wieder – in der Tiefe des Gegenübers – und wissen daher, welche Not diesen Menschen dazu bringt, so zu handeln, wie er handelt. Wir beginnen, Zugang zum Herzen und zur Geschichte des anderen zu bekommen – man könnte hier auch von „Mitgefühl“ sprechen.

Ein Yogi würde vom „Erwachen der Kundalini Energie“ sprechen. Aus dieser sich anbahnenden Resonanz entstehen – mental und sozial – eine Reihe von Konflikten. Wir wollen für oder gegen etwas stehen – unsere Werte vertreten. Wir haben eigene Bedürfnisse und wollen diese erfüllt sehen. Wir sehen in den Fehltritten unseres Gegenübers die eigenen Fehltritte – und wehren uns dagegen. Die Kundalini beginnt, sich aus dem Wurzelchakra (unsere weltliche Identität) in das zweite Chakra (Unterbauch) hinauf zu bewegen und enorme emotionale Turbulenzen zu verursachen. Unsere Wahrnehmung ist fast ausschließlich von starken Gefühlen geprägt – Wut, Begeisterung, Angst, Sehnsucht, Ohnmacht Verzweiflung… und wir versuchen uns an unseren Prinzipien oder an Menschen, die vermeintlich unsere eindeutige Identität sichern, festzuhalten.

Diese Phase verstärkt sich – so sehr, daß wir wie in einem Spiegelsaal umherirren und verzweifelt nach dem Suchen „was meins“ ist, Abgrenzung, Standpunkt sind die großen Sehnsüchte.

Viele Menschen “vereisen“ an diesem Punkt. Sie finden einen Haltepunkt in Projektionen, Anklagen und Forderungen – die allesamt nicht beantwortet werden, immer wieder wegbrechen und sie in ständiger Unruhe von einem zum nächsten Fluchtpunkt laufen lassen. Bitterkeit, Starre und innere Einsamkeit sind das Ergebnis.

Wenn ein Mensch sich jedoch entscheidet, dem Zufluß an Informationen – Empfindungen, Geschichten, Gedanken anderer Menschen in seinem Umfeld – KEINEN Widerstand mehr entgegenzusetzen, wird seine Identität früher oder später zerbrechen. Das ist, was die alten Weisen mit „Ego-Verlust“ meinen: Es gibt keine Eindeutigkeit mehr darüber, wer wir sind und vor allem: was wir brauchen. Diese schwer erkämpfte (das Fallen der Widerstände) Verfassung ist jedoch begleitet von einer bahnbrechenden Erfahrung der Allverbundenheit. Es eröffnen sich spirituelle Räume und Einsichten, die die bisherigen Denkmuster und Vorstellungen ad absurdum führen. Sehr oft ist dieses Erlebnis, das immer noch eine Kundalini-Bewegung im zweiten Chakra ist, begleitet von großer Euphorie und dem Gefühl der Erlösung.

Aus dieser Erfahrung entstand die Idee des „Advaita“ und das Bemühen vieler spiritueller Menschen, im „Nichts und Alles“ zu verharren.Auch dies ist ein Eineisen der Kundlini-Energie – denn es bleibt eine Trennung zwischen individuellem Bewußtsein und weltlichem Geschehen aufrecht erhalten.

Erst wenn diese Alleins-Euphorie zurück fällt, zurück fallen darf, in etwas, das ich als „Demut“ bezeichne – die Einsicht in die Größe Gottes, in die Größe des unendlichen Lebens-Chaos – und gleichzeitig in die Endlichkeit und Begrenztheit unseres persönlichen Lebens, erhebt sich die „Schlange“ (Kundalini) hinauf ins Sonnengeflecht. Vereint mit Mitgefühl und Demut – beide nicht nur erfühlt sondern auch mental reflektiert – gelangt Mensch hier an den Punkt, sein „Ich“ zu erkennen und zu verankern im weltlichen Geschehen.

Er gewinnt Einsicht in die Spielart der Liebe, die sein Wesen definiert, erkennt, von welcher Qualität Situationen und Dinge sind, die ihn – hier auf Erden – in Liebe schwingen lassen.

Von hier an befindet sich ein Mensch in einer Art „synchroner Wahrnehmung“: Einer angst- und bedürfnisfreien Ich- Identität und zugleich in der stetigen Erfahrung der göttlichen Kraft.

Es braucht nicht nur mental sondern auch physisch und emotional ein voll entwickeltes Gefäß, um in diesem „UND“ entspannt sein zu können.

Evelin Rosenfeld studierte Biochemie und dann Betriebswirtschaft. Mit Anfang 30 stieg sie als Konzernstrategin eines Energieversorgers aus dem bisherigen Lebensentwurf aus und verbrachte viele Jahre monatelang zurückgezogen im Dschungel. 2003 begann sie zeitgleich mit ihrer ersten Buchveröffentlichung, Menschen und Organisationen in Transformationen zu begleiten. Seit 2016 lebt sie auf einem 5,5 Hektar umfassenden Naturgrundstück in Oberfranken, baut dort in Permakultur und maschinenfrei Heilkräuter an und verarbeitet diese im Rahmen ihrer Firma Wild Natural Spirit

Sharing is Caring 🧡
Posted in Kolumne
Ein Kommentar zu “Ich bin Du
  1. Avatar Viola sagt:

    Danke für diesen Text liebe Evelin Rosenfeld…
    Was Sie schreiben, ist mir bewusst… Die Arbeit damit und das Leben selbst,
    attakiert mich in Wiederholungen, bzw. noch viel zu oft in das alte Verhalten zurück…Die Erkenntnis dessen, dass ES erkannt oder mitunter gar wahrgenommen wurde, ist nicht von der Hand zu weisen…
    Wünsche einen schönen Sonntag
    Viola

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Dein Kommentar wird nach der Prüfung freigeschaltet. Bitte beachte, Einschätzungen und Meinungen in Ich-Form zu formulieren und die AutorInnen zu wertschätzen. Nicht identifizierbare Namen (Nicknames), Kommentare ohne erkennbaren Bezug auf den Inhalt des Artikels und Links zu nicht eindeutig verifizierbaren Seiten bzw. zur Eigenwerbung werden grundsätzlich nicht freigeschaltet.