Eine Hommage an die Kraft des Hörens

Lesezeit 5 Minuten –

Das Herz eines Baumes, geformt aus zwei Ohren… Hören, lauschen, horchen war für mich immer schon ein innerer Kompass, ohne dass es mir bewusst war. Mittlerweile ist klar: Über das Hören finde ich das Tor in ein inneres Erleben, in die Innerlichkeit. Wie sonst finde ich heraus, was mir Kraft schenkt und was mich schwächt, zu was ich Ja und zu was ich Nein sage? Insbesondere in Zeiten großer Turbulenzen.

In meiner Erzählung „Die Legende vom UrKlang“ sagt Jade vom Volk der Herzgeborenen dazu: „Ihr Menschen denkt, immer gleich handeln zu müssen. Ihr vergesst, dass es die Kraft des Hörens und des Mitgefühls ist, die viel mehr bewirken kann als ein übereiltes Tun.“

Die Kraft des Hörens liegt im Erfassen, dessen, was jetzt ist. Wirklich hinhörend, spüre ich, wie sich etwas anfühlt, ob es stimmig ist oder nicht. Wenn ich mich darauf einlasse, wird Hören zu einem unmittelbaren Erleben, das mir ermöglicht, das Erlebte entweder anzunehmen oder mich klar abzugrenzen. Höre ich nur halbherzig hin und schweife in Gedanken ab, bin ich auch mit mir nur halbherzig im Kontakt. Wenig verwunderlich, dass der Zugang zu meinem Empfinden dann verstellt ist. Da kann es leicht sein, dass mir jemand etwas anvertraut und ich verpasse einen Moment der Wahrhaftigkeit. Oder jemand ist mir gegenüber respektlos und auch das bekomme ich nur vage mit. Was bleibt, ist eine Art Unbehagen darüber, dass ich etwas über mich habe ergehen lasse, das mich geschwächt hat.

Nicht wirklich hinzuhören, auf Worte, Geräusche, Stimmen, Nachrichten oder auch auf stille Momente, öffnet Tür und Tor für Grenzverletzungen. Wir alle sind bereits unzählige Male verletzt worden und haben verletzt, weil wir nicht wirklich hingehört haben oder weil wir nicht gehört wurden – weder von anderen, noch von uns selbst. Dies geschieht. Es scheint, als ob wir dies nicht verhindern können. Aber stimmt das überhaupt?

Was wäre, wenn wir uns dafür entscheiden, Hören neu zu entdecken? Nicht nur das Hören auf Worte, sondern auch auf stimmliche Klänge, persönliche Noten, auf Ahnungen, auf Pausen, auf die innere Stimme der Intuition? Vor allem, wie wäre es, wenn wir uns sanftmütig lauschend unserem Innenleben widmen und uns selbst erhören? Es ist ein Wagnis, denn dort begegnet uns nicht immer nur harmonisches Liedgut, sondern wir stolpern mitunter auch über bizarre Klänge. Diese Misstöne sind Ausdruck innerer Konflikte, die unerhört in eine Art inneres Archiv eingehen, dort verstauben und nicht mehr bewegt werden. Sie werden zu Geschichten, zu Schichten, zu inneren Ablagerungen, die uns das Leben immer beschwerlicher erscheinen lassen. Einst frei schwingend, werden sie – und damit auch wir – mit der Zeit immer unbeweglicher.

Ist es da nicht höchste Zeit, in uns hineinzuhorchen? Womöglich ja, doch es erfordert Entschlossenheit, Zeit, freie Kapazität. Nicht einfach in einer kompliziert anmutenden Welt. Immer wieder kostet es mich Überwindung, mich mir selbst zu öffnen, denn nie weiß ich, mit welcher „alten Leier“ ich konfrontiert werde. Das Wesen einer Leier ist es, dass etwas festhängt und immer mehr Energie bindet. Mit der Zeit wurde mir klar: Diese gebundene Energie ist meine Lebensenergie, die in mir gefangen ist. Wie also befreie ich diese verborgenen Schichten? Wie belebe ich sie und damit mich wieder?

Die Antwort ist überraschend einfach, denn – der erste Schritt ist ja schon gemacht. Ich habe es gewagt, wage es immer wieder. Ich höre hin. Es ist wie bei Kindern. Sie beruhigen sich erst, wenn sie sich gehört fühlen. Dann atmen sie auf. Wie aber gelingt es mir, mich selbst zu hören? Auch hier ist die Antwort wenig spektakulär: mit meiner Stimme. Mit ihr übersetze ich innere Befangenheiten in Töne, Klänge, Geräusche. So kann ich sie hören und sie werden erhört. Jedes Mal merke ich, wie unmittelbar Energie frei wird. Was bislang unterdrückt war, atmet auf, bekommt Sauerstoff und kann sich wieder bewegen.

Das ist nichts Besonderes. Im Gegenteil. Es ist so naheliegend, dass wir es übersehen bzw. überhören. Wir alle machen das. Auch du, zum Beispiel wenn du vor Schmerz aufjaulst, wenn du vor Vergnügen quietschst, oder grummelnd den Raum verlässt. Bereits als Kind habe ich mich über den Klang meiner Stimme harmonisiert. Seit mehr als 10 Jahren tue ich dies ganz bewusst. Warum? Nun, es bringt das in Bewegung, was sich ansonsten als unerhörte Schwere in mir ausbreiten würde. Ich tue es intuitiv, verbunden mit etwas Höherem, mit etwas mich immer Hörendem.

Das Vertrauen und die Gewissheit, dass es in mir eine Instanz gibt, die immer ein offenes Ohr hat, war lange Zeit getrübt. Unzählige Male habe ich mich darüber beklagt, dass ich nicht gehört werde. Bis ich erkannt habe: Je bereitwilliger ich in mich hineinhorche, desto mehr werde ich gehört. Von mir, aber auch von etwas geradezu himmlisch Erhörendem. Erstaunen und Erleichterung zugleich.

Erinnerst du dich an den Film „Wie im Himmel“? Und erinnerst du dich an Gabriellas Song, mit dem sie sich alles von der Seele singt? Sie hatte ihren Schmerz erhört und zu Gehör gebracht. Die Antwort darauf war ein langes Schweigen. Ein stilles Hören. Keine Reaktion. Nichts. Dieses Nichts lässt alles zu, deckt alles auf, was davor im Verborgenen lag. Befangenes ist jetzt frei und findet unbelastet in die natürliche Harmonie zurück. Das ist sie – die Kraft des reinen Hörens

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Jutta Hollenbach
Jutta Hollenbach

Nach gut 25 Jahren, in denen ich v.a. als Logopädin und Stimmbildnerin tätig war, habe ich über den Beruf zur Berufung gefunden. Verbunden mit der Stimme der Intuition entdecke ich reines HinHören als innere Offenbarung und Klang als universelle Sprache. So dienen mein Schreiben und mein Seelentongesang dem Vertrauen, dass alles, was erhört und angenommen wird, in seine ursprüngliche Kraft zurückfindet. Mit dieser Botschaft und meiner Erzählung „Die Legende vom UrKlang“ gehe ich nun auf Reisen – in meinem KlangMobil.  www.mensch-sein.net

Ein Kommentar

  1. Liebe Jutta,
    ein Echo auf deine Zeilen:

    Hörend lauschen
    es regt sich, es bewegt sich, es dehnt sich hinaus in die Weite,
    es kehrt zurück in Innerste,
    ein sanfter Tanz
    das Leben

    Vielen Dank
    Maria

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