Aufbruch

Sie spürt einen Sog, ein Ziehen, eine Unruhe, ein Gefühl wie eine offene Türe drei Zimmer weiter. Nur eine Ahnung, doch ständig präsent. Ein fortwährendes Denken an diesen Sog ist nötig, das sorgfältig beschriebene Papier muss beschwert werden, sonst fliegt es davon. Freiheit sollte möglich sein, ganz konkret, denkt sie plötzlich, erhebt sich von ihrem Schreibtischstuhl mit Blick auf den Garten und geht durch drei Zimmer, mit der Idee, eine Türe endlich zu schließen. Es wird Zeit, sagt sie sich.
Und dann steht sie an der Türe, die sie geschlossen hat. Allerdings: draußen. Das hatte sie so nicht erwartet. Sie schaut sich um, versucht es zumindest, doch viel stärker ist der Eindruck, der gespürt werden will – Sonne im Gesicht, hell, warm, weich, weckend, liebend, streichelnd – ich bin da! Ich bin draußen. Vorher war ich drinnen. Oder ist es umgekehrt? Sie weiß es nicht. Sie bleibt stehen und überlegt – lässt die Eindrücke sich entfalten. War das sichere Drinnen das, was mich jahrelang ausgesperrt hat, mir nur Schatten an Höhlenwänden gezeigt hat und selbst diese nur auf dem Handydisplay? Das klingt hart, zu hart. So war es nicht. Und doch – jetzt ist sie draußen. Oder drinnen – eingetreten in die Verbundenheit der lebendigen Wirklichkeit. Aus der Bequemlichkeit der drei Zimmer, Küche, Bad nun raus in die unbekannte, grenzenlose Weite. Angst! Neugier! Spieltrieb. Entdeckungsschritte werden nötig sein, viele zögernde, zunehmend forsche – vielleicht. Vielleicht – denkt sie – bin ich hier draußen anders als drinnen? Vielleicht bin ich hier eine zögernde, eine sanfte Frau? Und warum nicht?
Sie macht einen Schritt und vor ihre Füße legt sich ein sandiger Weg, sehr hell, fast weiß der Boden, eine Spur beschreibend zum Horizont. Sie zieht die Schuhe aus, auch die Strümpfe, beides gehört noch zum Drinnen, zum Heimwesen, zur Haus-Frau. Birkenstock und schwarze Wollsocken. Die neue, ihr noch unbekannte Frau geht barfuß und vielleicht geht sie auch zur Pediküre? Da war ich noch nie – denkt sie und fragt sich, wo sie sonst noch nie gewesen ist. Beim Bungee-Jumping, in einem Floating-Tank, bei einer Thai-Massage. Noch nie war sie in einem Schlachthof, noch nie ist sie Fesselballon gefahren oder auf Costa-Rica gewesen und sie war auch noch niemals in New York. Muss sie da jetzt überall hin? Ja, klar – ist der erste Impuls. NEIN – der zweite und wie großartig dieses Nein sich anfühlt – nichts müssen. Weitergehen, weil sie weitergehen will. Sie will weitere Schritte im Sand machen, der auf der Oberfläche weich und warm ist und der sich dort, wo vielleicht bei Regen Pfützen entstehen – kalt und nass anfühlt. Ich gehe. Denkt sie. Das Drinnen, das ein Draußen war, lasse ich zurück. Entferne mich immer weiter – mitleidlos, sorglos, arglos.
Ich lasse los. Alltag, das ist das, was ich zurücklasse, und sollte ich diesen Alltag und seine Freuden und Probleme eines Tages rückblickend als Geschenk und Chance wahrnehmen, als „Hättest-du-bloß“, dann ist das auch okay, dann war das Drinnen wohl zu eng, um wirklich zu sehen; zu gewohnt, um wirklich wahrnehmen zu können. Gemälde brauchen auch Abstand. Gut, den kann ich jetzt schaffen, denkt sie, und jeder Schritt fällt ihr leichter und es ist, als würde die Haut plötzlich strahlen, die Augen leuchten und die Haare sich kräuseln vor lauter Glück unterwegs zu sein im echten Leben – drinnen im Draußen, drinnen in der Liebe.
Sie geht weiter und der Wald umfängt langsam den Sandweg, der vorher noch durch Heide und Buschwerk geführt hatte. Einzelne Bäume begrüßen sie im Dazwischen – noch nicht ganz Wald, schon nicht mehr Heide. Dieses Dazwischen hat einen Namen, denkt sie und weiß, dass sie den mal bei Andreas Weber gelesen hat, den Namen von diesem Noch-nicht und Nicht-mehr – nicht drinnen, nicht draußen. Zwielicht. Zwischenwelt. Hier leben zwischen Blühen und Vergehen eigene Arten, gelten andere Regeln, hier kann sie überlegen, wie es weitergeht. Hier will sie ihr Zelt aufschlagen – denkt sie, doch das ist gar nicht nötig, sie findet es. Es steht dort zwischen den Buchen, rund und rot, sehr dunkelrot. Als sie zögernd eintritt, ist es, als würde sie ihr Herz betreten. Ich wohne ab sofort in meinem Herzen, denkt sie und schwankt zwischen Lachen und Ergriffenheit – ein bisschen kitschig, das alles, sagt sie sich. Und einfach schön. Das Zelt ist in der Mitte offen, wie eine Jurte, bunte Kelims liegen auf dem Boden und es riecht nach den getrockneten Kräutern, die überall von den Seilen hängen, die das Zelt spannen. Im eigenen Herzen zu wohnen – was bedeutet das für mich, fragt sie sich und ist erfreut, dass sie keine Antwort weiß und auch gar keine wissen will. Auf jeden Fall bin ich mal wieder drinnen – in mir. Mehr drinnen kann man schon gar nicht sein. Sie lacht – befreit. Das hört sich gut an – sie lacht noch einmal, ganz tief und laut. Schallend. Dort in der Ecke steht ein Samowar, wie sie ihn schon immer haben will, er leuchtet silbern. Sie nimmt sich eine Tasse und öffnet den Hahn, heißer, honiggelber Tee fließt. Mit dem Tee tritt sie vor die Tür ihres Herzens – der Sandweg liegt im Schatten, kaum mehr sichtbar. Angekommen im Dazwischen. Erst mal. Und dann… und dann ist irgendwann, gerade nicht wichtig. Sie legt die Hände um die Wärme der Tasse und steht dort. Stolz und ein bisschen wackelig, erschöpft vom neuen Sein und zugleich erfüllt. Die Sonne geht unter. Was der Morgen wohl bringen wird?
Fortsetzung folgt – vielleicht …





Liebe Andrea, danke! Danke dass du mich auf deinen Weg von drinnen nach draußen und ins Herz – das je eigene – mitnimmst. Lass uns dort gemeinsam stehen … Und atmen. D.
… und ab und zu zum Samowar gehen, um Tee nach zu füllen. Und dann wieder: atmen! danke liebe Dorothee, dass du dort gemeinsam mit mir stehen willst und vielleicht trinken wir den Tee aus dem reizenden Laden in Lüneburg? Umarmung, Andrea🍁🫶
Liebe Andrea, deine Geschichte ust wunderschön und berührt mich sehr. Vielen Dank. 💜
Danke, liebe Andrea ✨
Gerne ☺️ danke dir, Svenja, für‘s Lesen.