Welche schöpferische Kraft ruht im Unbehagen?

Oder: Was haben Unbehagen und Co-Kreation miteinander zu tun? So wie ich diese Frage stelle, gehe ich offensichtlich davon aus, dass es eine schöpferische Kraft im Unbehagen gibt. Angenommen also, es gibt sie: wie wäre es, sie zu entdecken und herauszufinden, wozu sie gut sein könnte?
Im Unbehagen wach bleiben.
Lauschen, was sich ereignen will, während du bemerkst, dass du dich in einer Situation ganz unmittelbar nicht wohlfühlst. Die Enge bemerkst, die sich fast reflexartig einstellt. Und jetzt bewusst eine Haltung einnimmst, in der du weder etwas Unangenehmes erduldest noch dein Erleben automatisch persönlich nimmst.
Dieser eigenen Spannungstoleranz im Unbehagen zu vertrauen, hat nichts mit Ertragen oder Aushalten zu tun. Es hat auch nichts damit zu tun, äußere Unstimmigkeiten nachgiebig zuzulassen.
Meist reagieren wir hier fast unwillkürlich mit erlernten Verhaltensmustern, die letztlich ein Abwehr- oder Fluchtimpuls sind, sobald wir uns unbehaglich fühlen. Und diese Reaktionsmuster sind verständlich!
Wenn wir allerdings (früh) lernen mussten, dass diese gesunden Impulse zu nichts führen oder alles noch schlimmer gemacht haben, dann sind wir wahrscheinlich in einer Ohnmacht und/oder Beschämung gelandet, die heute dazu führt, einem Unbehagen sofort entfliehen zu wollen. Wir hassen es, in Situationen zu kommen, in denen wir uns unwohl fühlen, weil es bis heute so scheint, dass wir unfähig seien, sie zu bewältigen.
Innerhalb von Millisekunden erinnert sich unser Körper daran, Lebendigkeit in diesen Situationen besser wegzudrücken. Auch Lebendigkeit, die in Protest, Wut, Angst, Leere oder Taubheit und sogar in Orientierungsverlust oder Überforderung pulsiert. Es geschieht in unserem erwachsenen Sein also gar nicht so selten, dass wir mit gespeicherten, emotionalen Ladungen von damals auf eine Situation in der Gegenwart reagieren. Das kann sich zum Beispiel zeigen, wenn du eine Irritation unmittelbar in einer Begrüßung bemerkst.
Oder eine Spannung spürst, die sich während eines Gesprächs beim Essen mit Freunden aufbaut.
Oder eine Ladung, die du während eines Meetings bemerkst, während du an einem Entscheidungsprozess beteiligt bist, der deiner Vorstellung entgegenläuft.
Oder wenn dir in einem online-Termin auffällt, dass dir reale, physische Begegnung fehlt, und dieses Bemerken etwas in dir auslöst.
Oder wenn du dich an eine Situation erinnerst und augenblicklich merkst, wie sich deine Verfassung verengt, verdichtet oder anspannt.
Ich kenne noch einige weitere Beispiele aus eigener Erfahrung und vermute, auch du wirst sicherlich noch einige weitere Beispiele für dich kennen.
Was will jetzt gerade werden?
Eine Möglichkeit kann jetzt sein, sowohl die spontanen Abwehr- oder Fluchtimpulse als auch die erlernten und in deinem Körper gespeicherten Reaktionsmuster wach mitzubekommen, sie für ein, zwei Atemzüge da sein zu lassen und ihnen sogar ein kleines bisschen mehr Raum in dir zu geben, ohne sie ein- oder auszuagieren. Du bleibst also für einen Moment mit ihnen wach und interessiert, um dann den Blick zu heben, dich zu orientieren und zu schauen, was ist HIER gerade noch da?
Interessiert über die vertrauten Reaktionsgewohnheiten hinaus, mit deiner wachen körperlichen (!) Präsenz nach etwas anderem Ausschau halten – mitten im Moment von Unbehagen. Die eigene Aufmerksamkeit auf das zu verlagern, was sich in diesem gegenwärtigen Moment ereignen will, was gerade in diesem Moment im Entstehen ist. Und worauf dich das Unbehagen möglicherweise hinweist, weil das, was im Entstehen ist, eben noch nicht ganz fertig ist und so ganz anders als werden will als das, was es bisher war. Die offene Frage „Was will jetzt grad werden?“ kann dich einladen, frei von der oft reflexhaften inneren Antwort „Ist doch klar, worauf das hier grad hinausläuft!!“ neugierig zu bleiben.
Du musst dich auch nicht ausklinken oder die Situation von außen beobachten – du kannst ausprobieren, ganz hier und teilhabend wach im gegenwärtigen Geschehen zu bleiben.
Das ist etwas, was du als heutiger erwachsener Mensch im Unterschied zu dem Kind, das du warst, tatsächlich kannst, weil du heute zum Beispiel über ein wesentlich tragfähigeres Nervensystem und eine sichere Verbundenheit in dir selbst verfügst (auch wenn es sich erstmal nicht so anfühlt).
Deine erwachsene Spannungstoleranz kann ein lebendiges Vibrieren im Unbehagen sein, eine wache Präsenz im gegenwärtigen Augenblick oder ein tiefer, unendlicher Atemzug, der über den körperlichen Atem hinauszugehen scheint, oder eine interessierte Wachheit, ohne alarmiert zu sein. Du wechselst also eher in eine Empfangsbereitschaft, ohne dich selbst zu verlassen.
Im Unbehagen wach zu bleiben, ist eine Kunst.
Und wenn dies nur für einen winzigen Moment gelingt … Wie kostbar kann dieser winzige Moment sein und welchen Unterschied kann er machen!
Und was, wenn diese schöpferische Kraft im Unbehagen ruht.
Also nicht impulsiv sofort herausbrechen muss. Sie kann das, denn sie hat diese impulsive Seite … und jetzt ruht sie.
Vielleicht reift sie.
Vielleicht wächst sie an.
Vielleicht sammelt sie sich.
Vielleicht sortiert sie etwas neu und kreiert neue Zusammenhänge.
Vielleicht nimmt sie wahr, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht, und gebiert etwas Neues, was bis jetzt noch nie da war.
Und all das, indem du die Spannung unbehaglich sein lässt und die schöpferische Kraft darin hütest, ohne dass du in diesem Moment weißt, wohin es geht. Ihr lauschst. Sie sich entfalten lässt, bis ein klarer Impuls aufsteigt, der in ihr wurzelt.
Oder du bemerkst, dass einfach „nichts“ auftaucht.
Wie wäre es, an dieser Stelle auszuprobieren, auf die Erwartung zu verzichten, dass etwas in dir auftauchen muss, was diese Situation für dich oder alle Anwesenden angenehmer macht?
Co-Kreation
Dieser klare Impuls kann also in dir aufsteigen und du bringst ihn in das gegenwärtige Geschehen ein oder – und das ist ein echtes Mysterium – er taucht zwischen dir und deinem Gegenüber auf, ohne dass du oder jemand ihn „macht“, und es spielt keine Rolle, wer von euch diesen Impuls ausspricht. Eine Eigenart dieses Impulses könnte sein, dass du ihn als zutiefst sinnvoll empfindest, ohne klar sagen zu können, warum. Es entsteht jedoch in dir und allen Anwesenden augenblicklich eine Wachheit, Ruhe, Staunen, die jeder bemerkt.
Und das Spannende kann sein, dass auf diese Weise eine echte Innovation, ein echtes Noch-nie-Dagewesenes hervortritt, was ohne diese Enge des Unbehagens nicht hätte geschehen können. Und dies geschieht co-kreativ durch alle Beteiligten mitten im gegenwärtigen Augenblick.
Ich wünsche dir viel Freude beim Entdecken von etwas Neuem in den nächsten Momenten von Unbehagen (denn sie kommen bestimmt 😉
Und ich bin gerne da, wenn du deine Erfahrungen und Wahrnehmungsmuster dazu näher erkunden magst und Lust hast, mehr Spannungstoleranz und echte Co-Kreation in dein Leben einzuladen.
Herzlichst
Marietta
Liebe Marietta!!!
Um ein Spannungsfeld aushalten zu können (mir sehr bekannt) braucht es BEWUSSTSEIN, und die ERFAHRUNG, was der Atem bewirken kann…Spannungsfelder tauchen wiederholt auf…
Beim Lesen spürte ich selbst, wie oft ich Spannungen – und sind sie noch so gering – auszuhalten
versuche…Und wieder ist es mein Atem, der Raum gebend für Lösungen bereit steht…
In Dankbarkeit
Viola
….oooooh ❤️ 💕 💞 🥰 Dankeschön…..genau diese Perspektive brauche ich aktuell….eine wundervolle Synchronizität…..so schön, von Dir hier lesen zu dürfen, liebe Marietta, und somit von Deiner feinen Expertise profitieren zu können…..ein Segen 🌟 🌟 🌟 eine segensreiche Großzügigkeit 🌟 🌟 🌟
Von Herzen berührt,
Dagmar
Mit viel Neugier und Interesse habe ich deinen Artikel gelesen.
Wie Du schon geschrieben hast, kennt ein jeder Unbehagen.
Ich musste es mehrfach erleben, bei einem längeren Besuch bei meiner „Freundin“.
Ich musste erkennen, dass ich eine andere Vorstellung von Freundschaft habe als die sogenannte Freundin.
Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit, nicht um der Anderen alles Recht machen zu müssen.
Wenn etwas nicht so lief, wie sie es wollte, kamen Seitenhiebe und schlechte Laune von ihrer Seite.
Meine Erkenntnis aus dem Unbehagen heraus ist, daß dies mein letzter Besuch bei ihr war.
Selbstaufgabe und Gefallen müssen, gehören nicht zu meinem Selbstverständnis. Ich bin bereit viel zu geben aber eben nicht alles. So hat mir mein Unbehagen geholfen, endlich zu erkennen, dass diese „Freundschaft“ nicht das ist, was ich dachte.
In diesem Sinne, wünsche ich Dir ein schönes Wochenende.
Mit herzlichen Grüßen
Dagmar Simon ❤️