Was treibt dich wirklich an?

Lesezeit 3 Minuten –

Im 8. Jahrhundert ist  Rabia von Basraeine Mystikerin, mit einer brennenden Fackel in der einen und einem Eimer Wasser in der anderen Hand durch die Straßen von Basra gegangen. Als sie gefragt wurde, was sie da tue, antwortete sie:

Ich will Feuer ins Paradies legen
und Wasser in die Hölle gießen.
Damit beides verschwindet.

Mich berührt diese Geschichte seit vielen Jahren. Nicht wegen ihres religiösen Bildes. Sondern wegen der Wahrheit, die in ihr liegt.

Denn vielleicht zeigt sie etwas, was bis heute in dir wirksam ist:

Vielleicht hast du heute andere Worte für Himmel und Hölle.
Und doch wirken beide weiter.

Dann heißt der Himmel Erfolg.
Anerkennung.
Sichtbarkeit.
Zugehörigkeit.
Das Gefühl, jemand zu sein.

Und die Hölle heißt Ablehnung.
Scheitern.
Ausschluss.
Bedeutungslosigkeit.
Nicht genug zu sein.

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich vielleicht dein Leben.
Oft hochfunktional.
Oft beeindruckend.
Oft diszipliniert.
Und doch innerlich nicht frei.

Was von außen wie Stärke erscheint, ist manchmal Angst in guter Kleidung.

Dann leistest du.
Dann passt du dich an.
Dann funktionierst du.
Nicht, weil dein Herz Ja sagt,
sondern, weil tief in dir eine alte Entscheidung wirkt:

Wenn ich genüge, darf ich dazugehören.
Wenn ich leiste, bin ich sicher.
Wenn ich scheine, bin ich wertvoll.

All das geschieht sehr früh.

In einer Zeit, in der du noch keine Worte hattest.
Kein Zeitverständnis.
Nur unmittelbares Erleben.

Ist es sicher – oder nicht?
Bin ich willkommen – oder nicht?
Was muss ich tun, um meinen Platz zu sichern?

Und diese frühen Entscheidungen bleiben oft ein Leben lang wirksam.

Entscheidungen darüber, wer du bist.
Wer die anderen sind. Wie das Leben ist.
Was du tun musst, um deinen Platz zu sichern.

Und so entsteht dein früher Weg des Überlebens.
Ein Weg, der dich weit getragen hat.
Und dich doch zugleich von dir selbst entfernt hat.

Später nennst du es vielleicht Ehrgeiz.
Pflichtgefühl.
Disziplin.
Verantwortung.

Doch manchmal liegt darunter etwas anderes:

Die Angst, nicht zu genügen.
Die Angst, übersehen zu werden.
Die Angst, aus der Gemeinschaft zu fallen.

Dann lebst du in einer modernen Himmel-und-Hölle-Logik, ohne es zu merken.

Das eigentliche Problem ist dabei nicht die Leistung.
Leistung an sich ist nichts Schlechtes.

Die Frage ist nur: Woraus heraus geschieht sie?

Aus Freude?
Aus Liebe?
Aus Wahrheit?
Aus Schöpferkraft?

Oder aus Angst?
Aus Anpassung?
Aus dem Versuch, einen Platz zu verdienen?

Solange Angst und Belohnung dich antreiben, bist du nicht wirklich frei.
Dann lebst du nicht wirklich aus dir selbst.
Dann wird dein Leben zu einem gut organisierten Überlebensweg.

Genau hier wird die Geschichte von Rabia so kraftvoll. Vielleicht ist es die leise Radikalität der Geschichte. Wollte Rabia genau das sichtbar machen: Solange dich Belohnung und Angst antreiben, bist du nicht frei.

Vielleicht ist die wichtigste Frage deshalb nicht:

Wie viel schaffst du?
Wie weit kommst du?
Wie erfolgreich bist du?

Vielleicht lautet die tiefere Frage:

Was treibt dich wirklich an?

Und noch weiter:

Wenn niemand dich bewundern würde,
wenn niemand dich belohnen würde,
wenn niemand dich absichern würde,
würdest du es dann immer noch tun?

Diese Frage ist unbequem.
Vielleicht ist sie gerade deshalb heilsam.

Denn der Weg heraus ist wahrscheinlich keine neue Strategie.
Keine bessere Optimierung.
Kein weiterer Plan, sondern Ehrlichkeit.

Eine stille, klare, manchmal schmerzhafte Ehrlichkeit.

Tue ich das aus Liebe?
Oder aus Angst?

Kommt das aus deinem Wesen?
Oder aus deinem Bedürfnis, dazuzugehören?

Vielleicht beginnt Freiheit genau dort,
wo du aufhörst, dich mit schönen Antworten zufriedenzugeben.

Wo du beginnst, dir selbst wirklich zu begegnen. 
Wo du beginnst, still zu werden. 
So still, dass du wieder hören kannst, was dich wirklich ruft.

Die Geschichte von Rabia ist kein spirituelles Märchen, sondern ein Spiegel.

Eine Erinnerung daran, dass wahre Motivation erst dort beginnt, wo Angst und Belohnung ihre Macht verlieren.

Dort, wo etwas in dir einfach Ja sagt.
Nicht, weil du es musst.
Nicht, weil du etwas bekommt,
sondern, weil es wahr ist.

Sharing is caring 🧡
Marlies Koel
Marlies Koel

Dr. Marlies Koel – Awareness Adventure Mentorin für Menschen am inneren Wendepunkt. Für jene, die im Außen stark wirken, viel erreicht haben – und doch spüren: Da fehlt etwas. Ich begleite dich zurück zu deinem wahren Selbst – klar, lebendig und frei. In einem geschützten Raum darfst du loslassen, erkennen und neu wählen. Das Ziel: FreiDuSelbst – stark im Jetzt, erfüllt im Inneren. Seit über 30 Jahren öffne ich Wege zu innerer Freiheit, wahrer Klarheit und einem Leben, das sich endlich stimmig anfühlt. Wenn du bereit bist, beginnt dein neues Leben – jetzt.https://awareness-adventure.com/

20 Kommentare

  1. Welch kostbares, mich tief erdendes Unterscheiden! Herzensdank, Marlies Koel, für dieses helle Licht in meinen Morgen. Mein Dasein.

    • Danke Miriam für Deine Wertschätzung. Die Geschichte von Rabia ist eine der Geschichten, die mich seit 40 Jahren begleiten und immer wieder in mir wieder erscheint. Gerade in unserer heutigen Zeit ist sie wichtiger denn je.

    • Danke für Deine Wertschätzung liebe Miriam. An unserem Ursprung zu arbeiten ist mir sehr wichtig ohne zu belehren. Wenn Du Lust hast, schau Dir meine pdf an.

      /Users/marlieskoel/Documents/E-Books eigene/FreiDuSelbst Test/260403_FreiDuSelbst_E-Book*.pdf

    • Danke Maya. Ich bin seit Jahrzehnten immer wieder mit dieser Geschichte beschäftigt und habe mir immer wieder die Frage beantwortet. Mir hilft es mir treu zu bleiben. Was verändert es in Dir?

  2. Liebe Marlies, danke für diesen tief berührenden, aufrüttelnden und aufweckenden Text. Er ist gerade die Nahrung, die ich brauche! Das Bild der Rabia empfinde ich als sehr hilfreich, um damit in den Tag zu gehen. Ebenso deine Fragen. Möge die radikale Ehrlichkeit täglich besser gelingen — in Liebe und Mitgefühl. Danke!

    • Danke liebe Anne. Die Versuchungen sind halt groß und mir hilft die Geschichte immer wieder in mir die Klarheit zu halten. Wir leben in einer goldenen Zeit der Wandlungen, voller Möglichkeiten und wir entscheiden was es werden kann. Danke für Deine Wertschätzung.

  3. Liebe Marlies Herzensdank, punktgenau zur richtigen Zeit kommt diese Geschichte durch dich in mein Leben. Sie hilft mir sehr meine Motivation für ein Zukunftsprojekt zu prüfen und in meine emotionale Ortung zu finden, danke und Grüße aus Oderberg

    • Liebe Sonja, ja, mir hilft es immer wieder klar meinen Weg zu sehen. Gerne erzähle ich die Geschichte immer wieder und bin dankbar, dass Bettina sie veröffentlicht hat. Was für ein Zukunftsprojekt hast Du vor? Liebe Grüße aus Damme nach Oderberg.

  4. Liebe Marlies,
    ich liebe Deine Texte immer und immer wieder.
    Sie berühren mich tief und legen offen, was meist im Verborgenen schlummert.
    Und was ich immer wieder als Genuss empfinde, ist die Reduktion Deines Schreibens.
    Kein Wort zu viel, aber auch kein Wort zu wenig. Jeder Satz die Essenz seiner Aussage.
    Genuss pur, inhaltlich und stilistisch.
    Danke von Herzen
    Angela

  5. Liebe Marlies, von Herzen danke für deinen Satz „Was von außen wie Stärke erscheint, ist manchmal Angst in guter Kleidung.“, beschreibt er genau doch genau mein Sein.
    Tief berührt, Astrid

      • Liebe Marlies,
        viele Strategien und Gesicher meiner Angst habe ich schon entdeckt. Durch diesen Satz kann ich noch einmal genauer hinschauen: ist das „starke“ Verhalten vielleicht nur eine Strategie meiner Angst? Ich schaue auch bei anderen noch einmal anders hin. Und ich gebe den Satz weiter, weil er für mich auch viel Verständnis ausdrückt.
        Herzlichen Dank für deine Impulse, Astrid

  6. Liebe Marlies,
    auch für mich kamen Deine Worte und diese Geschichte genau zum richtigen Zeitpunkt! Sie haben mich aus einer heutigen Dunkelheit und Erschöpfung heraus innerlich wach werden lassen. Das was mich heute gefühlt absorbierte und mich diffus und ungreifbar wie ein Nebel umgab‘, verschwand in der Klarheit Deiner Worte. Danke. Katrin

    • Liebe Katrin, danke für Dein teilen und Deine Ehrlichkeit. Was würde sich für Dich verändern, wenn Du in der Klarheit bleiben würdest?
      Alles Liebe Marlies

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