Braucht Dein Selbst einen Wert?

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Während der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit für manche Menschen ein Elixier ist, empfindet der Zweite-Reihe-Typ puren Stress. Herzklopfen, Achselschweiß, rote Flecken im Gesicht, ein trockener Hals, eine kippende Stimme, schlotternde Knie. Dein Verstand sagt dir „Du bist in Sicherheit“. Dein Nervensystem das Gegenteil.

Der Zweite-Reihe-Typ findet sich oft mit seinem Dasein ab und denkt sich „So bin ich eben“. Insgeheim sehnt er sich dennoch danach, gesehen zu werden und den gleichen Erfolg, die Anerkennung und die Bestätigung zu ernten wie die geborene Rampensau.

Die Ursache für die Unsicherheit wird oft auf einen Mangel an Selbstwert zurückgeführt. Menschen mit einem hohen Selbstwertgefühl werden allgemein als stabiler, souveräner und erfolgreicher wahrgenommen, während Menschen, die glauben, nicht genug Selbstwert zu besitzen, sich angreifbarer und verletzlicher fühlen. Es fällt ihnen schwerer, sich zu zeigen. Die zweite Reihe ist ihr Platz. „Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt“, ein in aller Bescheidenheit geäußerter Satz.

Die Angst vor einer negativen Bewertung ist größer als der Wunsch, gesehen zu werden. Warum ist das so?

Einer der ersten Sätze, die eine Bewertung enthalten, ist wohl „Das hast du gut gemacht“. Laufen lernen. Mit dem Löffel essen. Bauklötze stapeln, ein Tier mit seinem richtigen Namen bezeichnen. Demgegenüber steht ein klares „Nein!“. Nicht in der Steckdose rumprökeln, keine Wände anmalen, nicht die Katze am Schwanz ziehen, Finger weg von der Herdplatte. Auch wenn ich empört heulte – ich kann mich nicht erinnern, es jemals persönlich genommen zu haben, wenn mir jemand das scharfe Messer aus der Hand nahm, weil ich es noch nicht zielgerichtet benutzen konnte. Diese Art von Bewertung dient der Orientierung, dem Lernen und unserem Schutz.

Wann wurde aus der Bewertung meines Handelns die Bewertung meines Selbst?

Solange unser Selbst für sich steht, meint der Satz „Du bist wertvoll“ nicht das Ergebnis einer Bewertung. Er verweist auf die menschliche Würde – darauf, dass unser Dasein nicht erst durch Leistung gerechtfertigt werden muss.

Doch wir lernen früh, dass die Bewertung unseres Tuns auch etwas mit der Anerkennung und Wertschätzung unserer Person zu tun hat. Ich lernte es in der Schule. Gute Leistungen waren alles, was für meine Grundschullehrerin zählte. Fehler wogen schwer. Anerkennung bekamen die Kinder, die schneller begriffen und immer die richtigen Antworten parat hatten. Ich lernte „Wenn du nicht mindestens die Note 2 bekommst, wirst du von einer Autorität, die ein Zeugnis über dich ausstellt, nicht respektiert.“
Ich schreibe hier bewusst „ein Zeugnis über dich ausstellt“ nicht „ein Zeugnis für dich“. Denn es hat sich so angefühlt wie ein Urteil, dieses Zeugnis und das ist es ja auch: Eine Bewertung. Lesen, Schreiben, Rechnen. Gute Noten, gutes Kind. Schlechte Noten, schlechtes Kind. So wurde aus der Bezeugung einer Fähigkeit ein Urteil über einen Menschen.

Sobald wir gelernt haben, den Wert unseres Selbst an unsere Handlungen zu knüpfen, verändert sich unser Selbstverständnis.

Wir unterscheiden dann nicht mehr zwischen unserem Selbst und unseren Werken. Von nun an erscheint uns unser Werk als Teil unseres Selbst, sei es ein Text, ein Vortrag oder ein Bild. Dadurch scheint das Selbst zum Gegenstand der Bewertung zu werden: Gute Noten, gutes Kind. Schlechte Noten, schlechtes Kind.

Durch die Verschiebung unserer Selbstwahrnehmung lautet die entscheidende Frage nicht mehr: „Habe ich dieses oder jenes gut gemacht oder schlecht?“ Sie lautet: „Bin ich gut genug“?
Das Urteil entfaltet erst durch die Verknüpfung seine volle Wucht: Wir erkennen unser Selbst nicht mehr als bedingungslos an. Wir müssen durch ein Tun oder ein Produkt unseren Wert beweisen. Daraus entsteht das Angewiesen sein auf eine Instanz, die den Daumen hebt oder senkt, um uns selbst als wertvoll oder willkommen zu empfinden.
Die Erwartung einer negativen Bewertung unserer Werke oder unserer Performance ist in Wahrheit die Befürchtung, als Mensch abgelehnt zu werden. Sie erzeugt die im Extremfall als lebensbedrohlich empfundene Angst, im Mittelpunkt zu stehen. 

Aus der Sicht des Zweite-Reihe-Typs wird nicht sein Tun bewertet. Es wird über ihn als Mensch entschieden.

Die meisten Menschen, die kreativ tätig sind, möchten ihre Werke einem Publikum präsentieren. Selbst wenn dies ohne persönliche Begegnung über das Medium Internet geschieht, wird eine Veröffentlichung von Herzklopfen und Zweifeln begleitet. Manche veröffentlichen nie.

Braucht dein Selbst einen Wert?

Von dem Moment an, in dem du wieder unterscheiden kannst zwischen dir und deinem Werk, bleibt die Bewertung dort, wo sie hingehört: beim Werk.

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Nadine Waller
Nadine Waller

Nadine Waller ist Mitglied des newslichter next level Teams, Lebens-Liebhaberin, Achtsamkeitstrainerin, Visionärin und Autorin. www.frei-geist-coaching.de

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