Hol dir deinen Lebensberechtigungsschein!

Es gibt Sätze, die entstehen in einem Moment und bleiben. „Ich habe mir gerade meinen Lebensberechtigungsschein selbst gegeben.“ Dieser Satz fiel während meiner Arbeit mit einem Klienten. Er hatte sich intensiv mit seinem bisherigen Lebensweg beschäftigt, mit den Entscheidungen, die ihn geprägt hatten, und mit einer Überlebensstrategie, die einmal sehr klug gewesen war. Sie hatte ihm geholfen, seinen Platz zu finden, zu funktionieren und seinen Weg zu gehen. Doch irgendwann war aus dieser einen Möglichkeit fast unbemerkt die einzige geworden.
An diesem Tag ging er im Rahmen meiner Y-Methode nicht nur seinen vertrauten Überlebensweg, sondern zum ersten Mal ganz bewusst einen zweiten: seinen Lebensweg. Er ging ihn tatsächlich, Schritt für Schritt, körperlich, mit allen Sinnen. Und irgendwann stand er da und sagte diesen Satz.
Ich weiß noch, wie ich dachte: Was für ein Wort. Lebensberechtigungsschein.
Es klingt beinahe ein wenig amtlich. Als gäbe es irgendwo eine Behörde, bei der man nach langem Warten eine Nummer zieht, die richtigen Formulare einreicht und irgendwann hoffentlich die Genehmigung bekommt, endlich man selbst sein zu dürfen.
Je länger mich dieser Satz begleitete, desto deutlicher wurde mir jedoch, wie viel Wahrheit darin steckt. Denn genau so leben erstaunlich viele Menschen. Als müssten sie sich ihre Berechtigung erst verdienen.
Manche stellen sich unermüdlich für andere in die zweite Reihe. Andere machen sich möglichst unsichtbar, um nicht zur Last zu fallen. Wieder andere stehen ständig unter Strom, leisten enorm viel, tragen Verantwortung und fragen sich irgendwann, für wen sie das eigentlich alles tun. Nach außen funktioniert ihr Leben oft hervorragend. Innen wächst etwas anderes: eine Leere, eine Sehnsucht oder die Ahnung, dass das noch nicht alles gewesen sein kann.
Seit mehr als dreißig Jahren begleite ich Menschen an solchen Wendepunkten. Bereits als kleine Wesen sind wir Meister der Wahrnehmung und der Anpassung. Alles wird unmittelbar erlebt, interpretiert, bewertet und abertausende unbewusste Entscheidungen werden gefällt. Ein Blick, ein Satz, das Gefühl, ausgeschlossen oder nicht gemeint zu sein, können somit eine Bedeutung bekommen, die wir als Erwachsene kaum noch nachvollziehen können. Wir lernen sehr früh, was uns Sicherheit, Nähe und Zugehörigkeit verspricht. Das eine Kind entdeckt, dass es Anerkennung bekommt, wenn es etwas leistet. Ein anderes hält sich zurück, übernimmt Verantwortung, sorgt für Harmonie oder versucht, möglichst wenig aufzufallen. Daraus entstehen Entscheidungen, die wir nicht bewusst formulieren und die dennoch weit in unser späteres Leben hineinwirken können.
Ich nenne sie Überlebensentscheidungen.
Ich begegne ihnen mit großem Respekt. Denn sie waren einmal klug, denn sie haben uns geholfen in einer Welt, dessen Regeln sie nicht kannten, ihren Platz zu sichern. Manche unserer größten Stärken sind daraus entstanden: unsere Leistungsfähigkeit, unser Verantwortungsbewusstsein, unsere Feinfühligkeit, unsere Fähigkeit, durchzuhalten oder für andere da zu sein.
Unsere Überlebensstrategie war nicht falsch. Sie war eine intelligente Antwort auf die Welt, die wir damals kannten.
Nur kann das, was uns einst geschützt hat, irgendwann eng werden. Es ist gut, funktionieren zu können. Doch Funktionieren sollte nicht der einzige Weg sein, der uns zur Verfügung steht.
Genau daraus ist mein Buch „Hol dir deinen Lebensberechtigungsschein! Freiheit für dich: Alte Muster entschlüsseln und ganz du selbst sein“ entstanden. Es ist kein Ratgeber, der erklären will, was mit dir nicht stimmt, und schon gar keine Anleitung zur nächsten Stufe der Selbstoptimierung. Nach mehr als dreißig Jahren Arbeit mit Menschen interessiert mich etwas anderes: Wie können wir es würdigen, gleichzeitig neue Möglichkeiten entdecken und neue Lebenswege hinzufügen?
Aus dem Entweder-oder kann ein Sowohl-als-auch werden. Ich kann stark sein und um Hilfe bitten. Ich kann für andere da sein und mich dabei selbst nicht verlassen. Ich kann leisten und trotzdem wissen, dass meine Daseinsberechtigung nicht von meiner Leistung abhängt. Ich kann funktionieren, wenn es notwendig ist, ohne das Funktionieren mit meinem Leben zu verwechseln.
Entscheidend ist die Wahl.
Diese Wahl nur zu verstehen, reicht nach meiner Erfahrung allerdings häufig nicht. Oft können wir unsere eigenen Muster wunderbar erklären. Wir wissen, woher etwas kommt, haben darüber gelesen, gesprochen und nachgedacht und reagieren im entscheidenden Augenblick trotzdem genauso wie früher.
Deshalb spielt der Körper in meiner Arbeit eine so wichtige Rolle.
Verstehen öffnet die Tür. Das Erleben führt hindurch.
Drei Menschen begleiten die Leserinnen und Leser durch mein Buch: Emma ist 70, Maya 53 und Ronny 42. Ihre Lebensgeschichten könnten kaum unterschiedlicher sein. Emma hat gelernt, für alle da zu sein und sich selbst zurückzustellen. Maya hat früh erfahren, dass Unsichtbarkeit Sicherheit geben kann. Ronny lebt mit einer ungeheuren Energie und einem inneren Druck, der ihn immer weiter antreibt. Unter ihren sehr unterschiedlichen Geschichten liegt dieselbe Frage, die mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet:
Lebe ich wirklich oder werde ich gelebt oder überlebe ich nur?
Emma, Maya und Ronny gehen im Buch ihren eigenen Weg. Ihre Erfahrungen sind nicht erfunden, sondern stammen aus meiner praktischen Arbeit. Und gerade deshalb können sie zu einem Spiegel werden. Wir müssen nicht dieselbe Biografie haben, um etwas von uns selbst in einer fremden Geschichte wiederzuerkennen.
Das Buch bleibt dabei nicht beim Lesen und Verstehen. Ich lade dich dazu ein, den eigenen Spuren nachzugehen, mit deinem ganzen sein. Veränderung verstehe ich nicht als das Wegoptimieren des Alten, sondern als Hinzufügen neuer Möglichkeiten.
Und irgendwann führt dieser Weg wieder zu jenem Satz zurück, mit dem alles begann: „Ich habe mir gerade meinen Lebensberechtigungsschein selbst gegeben.“
Der Lebensberechtigungsschein, von dem ich spreche, ist keine Urkunde. Er ist ein grundloses Ja zu sich selbst. Grundlos deshalb, weil vorher nichts geleistet und keine Bedingung erfüllt werden muss.
Aus diesem Ja kann etwas Neues entstehen. Ich kann meine Geschichte würdigen, ohne sie für meine Zukunft halten zu müssen. Ich kann erkennen, was einmal richtig und wichtig für mich war, und trotzdem prüfen, ob ich mich heute wieder genauso entscheiden würde. Ich kann meinem Leben etwas hinzufügen.
Vielleicht ist das für mich nach all den Jahren die schönste Seite eines Wendepunktes. Er muss nicht bedeuten, dass etwas zerbricht. Manchmal ist er einfach der Augenblick, in dem wir entdecken, dass neben dem Weg, den wir schon immer gegangen sind, noch ein anderer liegt.
Mein Buch ist eine Einladung, diese Weggabelung zu entdecken und den Faden zu sich selbst wieder aufzunehmen.
Und vielleicht magst du dir heute eine Frage stellen:
Worauf wartest du noch, bevor du dir erlaubst, ganz du selbst zu sein?
Falls dir darauf sofort eine Bedingung einfällt – „wenn ich erst …“, „sobald ich …“, „wenn die anderen …“ –, lohnt es sich vielleicht, ihr zuzuhören.
Denn den Lebensberechtigungsschein stellt dir niemand aus.
Du holst ihn dir.
„Hol dir deinen Lebensberechtigungsschein! Freiheit für dich: Alte Muster entschlüsseln und ganz du selbst sein“ erscheint im Oktober 2026 im Gallip Verlag, ISBN 978-3-9828243-7-6. Es ist überall im Buchhandel vorbestellbar oder über den nachstehenden Link:
https://www.amazon.de/Hol-dir-deinen-Lebensberechtigungsschein-entschl%C3%BCsseln





Danke für die Geschichte! Ja, ich kenne auch Menschen, die warten und warten, bis sich die Tür öffnet, hinter der ein anderes Leben, Freiheit, was auch immer sich verbirgt… Die Tür ist nicht verschlossen, doch sie klemmt! Sie lehnen sich mit aller Macht dagegen, holen sich Unterstützung von Freunden, Therapeuten, aus Büchern… alle lehnen sich gegen die Tür und der Druck wird immer größer!
Und irgendwann begreifen sie, dass es so nicht funktioniert…, sie schicken alle Unterstützung und Helfer dankend nachhause. Pause. Dann ein leichtes Heranziehen der Tür, ein Auf-sie-Zugehen, weich – nachgeben, einsehen…
Liebe Marlies, ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem Buch – ich freue mich darauf, es zu lesen.
Herzlich und alles Liebe dir,
Sabrina