Biografische Lebensmuster entschlüsseln: Teil 2

IMG_8024Von Brigitte Hieronimus Der menschliche Lebenszyklus besteht aus aufeinander aufbauenden Entwicklungsstufen mit seinen individuellen Herausforderungen und Aufgaben. So dienen die Jahrsiebte von der Geburt bis zum 21. Lebensjahr, überwiegend der körperlich-seelischen Entwicklung und die Jahrsiebte 28-35-42 der seelischen Nachreifung. Die Jahre 49 bis 63 sind dem Aufbruch zu neuen Ufern gewidmet und ab siebzig zeigt sich, ob die Lebensernte zufrieden ausfällt und was sich noch vollenden will, damit sich des Lebens sinnenfrohe Fülle ausbreiten kann. In jeder Lebensstufe geht es um Aufbruch und Abbruch, um Abschied und Neubeginn, um Werden und Vergehen. Das Hineinwachsen in einen neuen Lebensabschnitt und das Heraustreten der vergangenen Phase gleicht einer Orchesterprobe, die genügend Zeit braucht, um sich auf die neue Lebenssymphonie einzustimmen. Innerhalb dieser Übergänge kann es zu jedem Zeitpunkt zu großen und kleinen Lebens-und Sinnkrisen kommen, die in behutsamer Arbeit neu betrachtet, bearbeitet, gelöst und aufgelöst werden können.

Erfahrungen nicht bewerten sondern sinnvoll nutzen
Die Folgen früher Entwicklungsstaus und die Nichtbefriedigung elementarer Grundbedürfnisse im ersten Jahrsiebt, lösen in der zweiten Lebenshälfte häufig ernst zu nehmende Lebenskrisen aus. Wir wissen aus der Bindungsforschung, dass die Erfahrungen in den ersten Lebensjahren die prägendsten sind. Durch die symbiotische Bindung zur Mutter werden unauslöschliche Bindungsmuster erzeugt. Ungewollte Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, sowie mangelnde emotionale Zuwendung im Säuglingsalter kann eine traumatische Erfahrung sein, die eine gesunde Bindungsfähigkeit im späteren Leben stark beeinträchtigen kann. Deshalb kommt auch dem Vater eine besondere Bedeutung zu. Er übernimmt die Aufgabe, die kindliche Wissbegierde und seinen Forscherdrang zu fördern und das Kind aus der allzu engen Gemeinschaft mit der Mutter hinauszuführen. Fehlt oder versagt der Vater, hat dies Auswirkungen auf die spätere Autonomie und Selbstbestimmtheit des Kindes. Über die Eltern hinaus erweitert sich der soziale Bezugsrahmen des Kindes durch Geschwister, Großeltern, Verwandte und Lehrer, die ebenfalls Einfluss auf die Entwicklung des Kindes nehmen. Der Umgang mit fremden Autoritätspersonen legt einen wichtigen Grundstein für freudiges oder frustriertes Lernen. Jahre später können diese frühen Erfahrungen erneut wirksam werden, wenn es um das Zusammenleben mit Beziehungspartnern und das Zusammenarbeiten mit Arbeitskollegen und Vorgesetzten geht.

Von der Sturm und Drangzeit …
Jugendliche benötigen genügend Zeit für ihre autonome Entwicklung und brauchen Gelegenheit zum Ausprobieren verschiedener Rollenmodelle. Heranwachsende müssen Grenzerfahrungen-und Überschreitungen am eigenen Leib erleben, damit sich eine gesunde Willens-und Gewissensbildung entwickeln kann. In diesen wichtigen Entwicklungsjahren sind Jugendliche empfänglich für fremde Ideologien und Parolen, die ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln und sie gleichzeitig in ihrer Andersartigkeit bestätigen. Kommt es in diesen prägenden Jahren durch Missbrauch, Gewalt und Übergriffen zu Identitätsverwirrung, wirkt sich das zerstörend auf die spätere Sexualität, auf enge Freundschaften und Liebesbeziehungen aus.
… zu den Lehr-und Wanderjahren

Die darauf folgenden Lehr-und Wanderjahre bringen neue und vielfältige Erfahrung eines selbst-oder fremdbestimmten Wählens und Wollens mit sich. Es geht erneut um Ausprobieren, um das was im zukünftigen Beruf und Beziehungen klappen könnte. Die Identität will sich festigen und der junge Mensch sucht nach geeigneten Vorbildern und Idealen, die seinen Vorstellungen vom Leben gerecht werden. In diesen Jahren geht es weiterhin um Suchbewegungen, um den richtigen Platz in der Welt und um die richtigen Lebensentscheidungen. Die Konsequenz dieser Entscheidungen muss gelebt und erlebt werden, damit man weiß, ob sie mit der Lebenswirklichkeit vereinbar ist. So kommt es vor, dass man früher als gedacht auf dem Boden der Realität landet und erste Lebenskorrekturen durchführt.
Schuld sind nur die Wechseljahre?

Die zweite Lebenshälfte leitet allmählich markante Wendepunkte ein. Der Tanz auf dem Parkett des Lebens verläuft nicht mehr so spritzig wie zuvor. Es kommt zur Überprüfung von übernommenen Werten undNormen, die der ersten Lebenshälfte entstammen. Es geht jetzt nicht mehr um eine Korrektur, sondern um eine grundlegende Wandlungsbereitschaft und neue Aufgeschlossenheit dem Leben gegenüber. Festgefahrene Haltungen und rigide Vorstellungen münden in diesen Umbruchsjahren häufig ins Burnout und Depressionen, es kann vermehrt zu Trennungen und Scheidungen kommen, zu Suchtproblematik und psychischen Zusammenbrüchen, bevor sich daraus neue Wege bahnen. Die weiblichen Wechseljahre kündigen sich auf der körperlichen Ebene an und vollenden sich auf der psychischen Ebene.

IMG_1794Die Lust an der männlichen Midlife Crisis
Die Jahre zwischen vierzig und sechzig werden innere Wanderjahren, die der Erforschung der eigentlichen Lebensaufgabe dienen und im besten Fall zur inneren Wahrhaftigkeit und Klarheit führen. Ähnlich wie in der Jugendzeit beginnt wieder eine Sturm-und Drangzeit, die Unruhe vor dem Ruhestand bringt. Für Männer ist es oft die härteste Zeit in ihrem Leben, da sie ihre erworbenen Kompetenzen und Energien, die sie für den Beruf eingesetzt haben, nun in andere Bahnen lenken müssen. In diesen Zeiten stehen Partnerschaft erneut auf dem Prüfstand und es braucht Geduld und Beharrlichkeit auf beiden Seiten, bis das Paar auf einer neuen Ebene ja zueinander sagt oder sich endgültig voneinander trennt. Der reif gewordene Mensch ringt um neue geistige Ausrichtungen, die im besten Fall eine gelingende Ich-Integrität, intime Liebesfähigkeit und Sexualität, sowie neue Orientierungspunkte und angemessene Lebensformen hervorbringt. Die Jahre um sechzig können für eine Zwischenbilanz genutzt werden, damit neues Saatgut hervorgebracht werden kann. In den späten Jahren wird es immer mehr um innere Beheimatung, um Frieden, Güte und Versöhnung mit dem Leben gehen.

Der beste Lebensdünger ist die Freude
Wer also mit der Ernte des bisherigen Lebens nicht zufrieden ist, kann jetzt immer noch etwas Neues säen. Um die fünfzig sind viele noch vital genug, ihre Energien auf die innere Reifung auszurichten. Mehr denn je werden sie zu Schöpfern und Gestaltern ihrer zukünftigen Lebenskonzepte. Wandlungsbereite Menschen besitzen die Fähigkeit, um aus alten Kränkungen auszusteigen. Sie erkennen Irrtümer als wegweisend und sehen Enttäuschungen als das was sie sind: Im Grunde haben sie sich selbst getäuscht und Illusionen hingegeben, weil das Leben nicht so angenommen wurde, wie es sich gezeigt hat. Solange sie noch gehadert haben – solange hat sich auch nichts ändern können. Manche Fragen bleiben deshalb lange gültig: Wie schaue ich auf mein bisher gelebtes Leben – vor allem wenn es krisenreich war? Wie gelingt es mir, neben einem Trümmerhaufen einen Lustgarten anzulegen? Wie kann ich mich wirklich versöhnen mit meiner schweren Lebensgeschichte? Wie pfleglich gehe ich mit Freundschaft, Liebe und Sexualität um? Wie sieht es mit den feingeistigen Dingen aus, mit dem was mich geistig und seelisch nährt? Die Freudenbiografie – die das Leid nicht ausklammert – ist vielleicht das schönste Geschenk, das wir uns selbst machen können. Wir fragen uns nicht mehr, was wäre wohl anders geworden wenn … wir schließen Freundschaft mit uns und unserem Leben so wie es war, und bleiben neugierig auf das, was wir werden können: Mutige Lebenskünstler!

Hier Teil 1 Biografische Lebensmuster entschlüsseln lesen

Brigitte

Brigitte

Zur Autorin: Brigitte Hieronimus, Jahrgang 51, Biografieberaterin, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Großmutter von vier Enkelkindern, Inhaberin des Seminarhauses für Biografiearbeit und Coaching. Dozentin für Biografisches Schreiben und Traumaarbeit am Frauenseminar Bodensee/Schweiz. Zusammen mit ihrem Partner führt sie Paarseminare und Paarberatungen durch. In ihrem Seminarhaus bietet sie individuelles Einzelcoaching zur Biografiearbeit und persönliche Biografieberatung an. Weitere Infos unter: www.brigitte-hieronimus.de

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Ein Kommentar zu “Biografische Lebensmuster entschlüsseln: Teil 2
  1. Monika sagt:

    Liebe Brigitte, ich danke von Herzen für diesen WERTvollen Bericht! Bin ich doch schon lange Jahre an der Biografiearbeit…(war auch schon am Frauenseminar am Bodensee) UND Erinnerung braucht Mut! Ich erkenne; die Wahrheit heilt – und sie erschliesst sich mir immer von innen… ich wünsche dir und allen die hier lesen eine gesegnete, frohe u stille Zeit!
    HERZ LICHT Monika

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