Die Sprache des Herzens


Die wahre Geschichte der 1885 blind, taub und stumm geborenen Marie Heurtin lässt die Bemühungen der selbst kränklichen Ordensschwester Marguerite miterleben, dem Mädchen Marie eine Sprache zu geben und sie so aus dem Gefängnis ihrer Behinderungen zu befreien. Ihre beeindruckende Geschichte, die für viele ein Wunder war, erzählt Regisseur Jean-Pierre Améris in dem Film „Die Sprache des Herzens“.

Marie Heurtin wurde am 13. April 1885 in Vertou (Loire-Inférieure) geboren. Ihr Vater arbeitete als Handwerker. Taub und blind von Geburt an, war sich Marie im Alter von zehn Jahren quasi selbst überlassen. Ungeachtet der ärztlichen Empfehlungen, welche eine Einlieferung ins Irrenhaus von Nantes empfahlen, unternahm ihr Vater einige Versuche, seine Tochter anderweitig unterzubringen. Aber dieses „wilde Kind“ litt unter zu schwerwiegenden Behinderungen. Schließlich wurde Marie von den „Schwestern der Weisheit“ in Larnay aufgenommen. Bei den Nonnen, die sich um junge taube Mädchen kümmern, begann ein menschliches Abenteuer ungeheuren Ausmaßes: Das, eines von der Außenwelt abgeschnittenen, völlig unsozialisierten Kindes, welches sich dank der geduldigen Unterweisung einer einmaligen Lehrerin aus der Dunkelheit löste, in der sie von Geburt an gefangen war.

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Im Laufe mehrerer Jahre öffnete Schwester Marguerite Marie Stück für Stück die Tür des Wissens und der Kommunikation. Es dauerte nur vier Jahre, bis Marie nicht nur die konkrete sie umgebende Welt verstand, sondern auch die nicht greifbare. Ihr Verständnishorizont umfasste auch abstrakte Konzepte wie Gott. Ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung in einer so religiösen Institution: Im Mai 1899 legte Marie ihre erste Kommunion ab und blieb zeit ihres Lebens sehr fromm.
Marie war 25, als ihre Lehrerin im Jahr 1910 starb. Auch wenn diese Trennung sie sehr mitnahm, setzte sie ihre Ausbildung fort. Marie Heurtin lernte die Blindenschrift Braille, schrieb auf einer Schreibmaschine, spielte Domino und andere Spiele, nähte, strickte, wurde in Geschichte und Geographie unterrichtet,
kannte die Uhr und wurde eine aufmerksame, feinfühlige junge Frau.

Wie Regisseur Jean-Pierre Améris („Die anonymen Romantiker“) dies auf die Leinwand bringt, ist zu Tränen rührend. Diese Kaspar Hauser-Geschichte ohne Krimi wurde 2014 in Locarno mit dem „Variety Piazza Grande Award“ ausgezeichnet. Es ist tatsächlich ein unbeschreibliches filmisches Wunder, das sich nur mit allen Sinnen erleben lässt.

DIE METHODE VON LARNAY
Einige Monate vor ihrem Tod legte Schwester Marguerite die Grundlagen der Methode von Larnay für die Ausbildung von Tauben und Blinden in verschiedenen Etappen fest.
• Dem Kind die Zeichen für die wichtigsten Objekte, Personen und Dinge seiner Umgebung beibringen, die es erfühlen kann.
• Das Kind lernt das daktylologische Alphabet (Alphabet der Stummen) bzw. die 24 Positionen der Finger. Das Kind soll in der Lage sein, sich durch Mimik oder durch Zeichen mit den Fingern, die dem Gegenstand entsprechen, zu verständigen.
• Dem Schüler Sprechen beibringen. Jeder Buchstabe des daktylologischen Alphabets wird durch die Position der Lippen, der Zähne, durch Vibration der Brust oder des
Halses oder durch Resonanz der Luft in der Nase geformt – solange, bis das Kind den gleichen Ton erzeugen kann.
• Mit dem Finger auf der Tafel die Buchstaben nachzeichnen. Erster Schritt hin zur Bewegung des Schreibens.
• Übereinkunft der daktylologischen Buchstaben mit der Schrift Braille aufzeigen.
• Erlernen der Schrift Ballu (Typographie).
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DIE SIEBEN SPRACHEN DER MARIE HEURTIN:
Am Ende ihres Lebens beherrschte Marie, die nie aufhörte zu lernen, zahlreiche Arten der Kommunikation.
• Die Sprache der Mimik (ein Objekt hat ein spezifisches Zeichen)
• Die Daktylologie (das Zeichnen von alphabetischen Zeichen auf der Haut)
• Braille (Blindenschrift)
• Englische Schrift
• Vokale Laute (durch Abtasten der Lippen)
• Schreibmaschine (mithilfe von Blindenzeichen

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