Bleibt der Erde treu!

StellaPolaris Ulloriarsuaq CoverVom Anspruch des Eises und der Verantwortung des Menschen. Von Christoph Quarch aus „Stella Polaris Ulloriarsuaq“ (Eifelbildverlag) Um der Erderwärmung gewachsen zu sein, werden wir anders denken lernen müssen. Wir werden das moderne westliche Denken verabschieden müssen. Wir werden begreifen müssen, dass wir in Wahrheit und wesentlich weder isolierte Einzelwesen sind, noch Konkurrenten auf dem Markt des Lebens. Wir werden lernen müssen, dass die Natur nicht das Andere und deshalb bloß Nutzbare des Menschen ist, sondern der Mensch eine Variation der Natur. Wir werden einen Geist kultivieren müssen, der älter und ursprünglicher ist als alle modernen Philosophien: einen Geist der Verbundenheit und Zugehörigkeit. Nur dieser Geist wird das Eis in den Menschenherzen schmelzen. Er wird das Dogma der Vereinzelung als Illusion entlarven; er wird uns zurückbinden an die große Natur, deren Kinder wir sind. Er wird es tun, er muss es tun. Sonst gibt es keine Rettung.

Das Schmelzen des Eises nimmt uns in Anspruch. Diesem Anspruch mit unserem Handeln Antwort zu geben, ist unsere Verantwortung. Nur eine verantwortliche Antwort ist möglich: das Eis in den Herzen schmelzen, die Herzen der Menschen verschmelzen – verschmelzen zum Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und der Zugehörigkeit. Zusammengehörig als eine Menschheit, zugehörig zum einen Kosmos. Das Schmelzen des Eises bringt die Wahrheit. Es bringt das Leben in Fluss. Es löst die Erstarrung. Es bringt zu Tage, was lange verborgen war. Es lichtet unser wahres Wesen. Es könnte uns erleuchten. – Was ist unser wahres Wesen? Es ist Verbundenheit, Zugehörigkeit. Wir sind Wesen der Verbundenheit, nicht der Separation. Wir sind Wesen der Zugehörigkeit, nicht der Isolation. Wir sind Kinder des Kosmos, nicht Herren und Meister der Natur. Das Schmelzwasser der Gletscher kann unseren Geist reinigen. Es kann unser Denken klären. Wird das der Fall sein? Werden wir erkennen, dass wir zusammengehören, dem Kosmos zugehören? Werden wir dem Eis Gehör schenken? Werden wir die Gletscher hören?

„Wir können“, sagt Angaangaq Agakkorsuaq, Ältester und Schamane der Kalaallit Nunaat im Nordwesten Grönlands, „lernen, der Stimme dieses Gebirges aus Eis zu lauschen. Es spricht zu uns in einer Sprache aus lang vergangener Zeit – so alt, dass niemand ihr Alter kennt. Ganz wie die Zeit selbst, die reglos vor uns steht – in Erwartung der Entscheidungen, die du treffen wirst und deren Pfad du folgen wirst. Es ist die Zeit gekommen zu lauschen – zu lauschen – immer mehr zu lauschen. Dem Ton deines eigenen Herzens zu lauschen.“ Was sagt der Ton des eigenen Herzens? Was spricht das aufgetaute Herz? Es spricht: Verbinde dich! Es spricht: Werde dir deiner Verbundenheit bewusst! Es spricht: Erkenne, dass dir die Welt und jeder andere dem Wesen nach verbindlich ist. Es spricht: Lebe diese Wahrheit – die Wahrheit, dass du dem Ganzen zugehörst; diese Wahrheit, die von allen indigenen und traditionellen Kulturen des Ostens und des Westens Jahrzehntausende lang befolgt wurde. Nur von uns nicht mehr.

Zu lange schon leben wir in der Unwahrheit, leben wir der Wahrheit entgegen. Zu lange währt die Illusion, in die Homo Faber und Homo Oeconomicus uns einzulullen wussten. So lange währte sie, dass all das Unheil seinen Lauf zu nehmen begann. So lange, dass der Wahn der Trennung dazu führte, dass wir den Sinn fürs Ganze ganz verloren haben. Wir sehen uns nicht mehr als Kinder der Erde. Wir haben die Natur zerstört. Um unseres Profites willen. Um der Befriedigung unserer kleinen Bedürfnisse willen. Um der Besänftigung unserer Ängste willen. Wir sind dem Kult des Geldes erlegen, haben um seinetwillen die natürlichen Grundlangen unseres Lebens vergiftet. Wir haben in Unwahrheit geschwelgt und uns mit Verve etwas vorgemacht. Nun kommt die Wahrheit an den Tag. Das Schmelzwasser der Gletscher spült die Illusion dahin.

Das Große Eis bewahrt die Wahrheit. Es fordert sie unerbittlich ein. Das ist die tiefe Bedeutung der Gletscherschmelze. Sie nimmt uns in den Anspruch einer Wahrheit, von der die avancierte Naturwissenschaft schon lange kündet. Sie lautet: Sein ist Verbundensein; und Leben ist ein kollektives Projekt. So sagt der Biologe und Philosoph Andreas Weber: „Biologen begreifen, dass Leben ein Phänomen absoluter Gemeinschaftlichkeit ist.“ Und er führt dies aus, indem er betont: „Die Prinzipien, die sich aus den Forschungen der Biologen herausschälen, zeigen, dass Leben auf nahezu jeder Ebene eine kollektive Angelegenheit ist, eine gemeinsame Unternehmung verschiedenster Wesen, die nur, indem sie einander irgendwie ertragen und sich einigen, zu einem stabilen, funktionsfähigen und damit auch schönen Ökosystem kommen. Konkurrenz, Wettkampf und Auslese im Sinne Darwins spielen sehr wohl eine Rolle – aber nicht als unerbittliches letztes Wort, sondern als eine Kraft unter mehreren, mit denen lebende Systeme sich selbst aus einer Vielzahl von Mitspielern erschaffen und gestalten“. Und diese Beobachtung führt Weber zuletzt zu der Konsequenz: „Am Leben zu sein heißt andauernde, uferlose, immer neue Inszenierung einer Gemeinschaftlichkeit, eines unabsehbaren Netzes von Beziehungen.“

Das zu begreifen und das zu leben: Das sind die Aufgaben, die uns vom schmelzenden Gletschereis gestellt sind – in Grönland, in den Alpen, überall. Es nötigt die Menschheit zu einem radikalen Umdenken, zu einer neuen und zugleich ältesten Sicht auf die Welt und das Leben, deren Ursprünglichkeit ihrer Wahrheit entspricht. Wir müssen anders denken lernen, um dann anders zu handeln. Wir müssen eine neue Einstellung entwickeln, um uns von der Flut der künftigen Herausforderungen nicht überspülen zu lassen. Wir müssen das Eis in unseren Herzen schmelzen und uns spürend, fühlend und denkend unserer Verbundenheit mit allem Sein bewusst werden. Wir müssen die Botschaft der Gletscher hören und unserer wesentlichen Zusammengehörigkeit Genüge leisten.

Das alles müssen wir tun, wenn wir in Zukunft bestehen wollen. Tun wir es nicht und überlassen stattdessen dem ökonomischen Denken oder dem technischen Können das Heft des Handelns, werden Homo Oeconomicus und Homo Faber die Welt ins Unheil stürzen. Dann werden wir nichts haben, was wir dem schmelzenden Eis entgegensetzen können; dann werden wir nichts von ihm lernen; dann werden wir inmitten einer aufgeheizten Welt an unserer eigenen Coolness und Arroganz erfrieren.

Wenn wir aber zu lauschen beginnen, den Anspruch der Gletscher in unserem Herzen vernehmen und unsere Verantwortung darin erkennen, ihrem Ruf gerecht zu werden – dann mag der Klimawandel uns verwandeln. Dann mögen wir als Verwandelte auf einer eisfreien Erde wandeln – im Wissen darum, dass wir einander und der Erde zugehören. „Ich beschwöre euch, meine Brüder: Bleibt der Erde treu!“ sprach einst Friedrich Nietzsche. Das schmelzende Eis von Grönland spricht nichts anderes.

Das Schmelzen des arktischen Eises kann uns zum Segen werden, wenn es uns denn gelingt, ihm ein Schmelzen des Eises im eigenen Herzen einhergehen zu lassen. Auch davon spricht die Weisheit der arktischen Völker. Man kann es ja auch anders sehen. So wie Angaangaq, der Älteste, der Schamane, der Weise: „In meiner Heimat ruht die Erde schon seit langem. Der Schnee ist dort so alt, dass aus ihm eine dicke Eisschicht geworden ist. Doch das Eis schmilzt. Endlich entledigt sich Mutter Erde dieses schwer gewordenen Tuches. Nun, da sie es abstreift, wird Mutter Erde wieder lebendig werden. Ein neuer Frühling wird heraufziehen. Ohne dass die Menschen es bemerken, wird dort neues Leben entstehen, wo Tausende von Jahren nur Eis war. Die Erde kennt kein Alter. Sie kennt keine Zeit. Sie ist. Und sie wird sich ihres weißen Tuches entledigen, so dass sie die Wärme der Sonne auf sich spüren kann. Wenn diese Zeit gekommen ist, wird sich die Prophezeiung erfüllen, dass Grönland ein Rosengarten sein wird. Vorher wird es ungemütlich sein auf Erden. Wassermassen werden das Land davon spülen. Es wird wieder frieren und es wird wieder schneien. Doch langsam wird der Schnee schmelzen. Die Liebe und die Glut der Sonne werden das Eis auftauen. Mutter Erde wird zu neuem Leben erwachen und aus ihrem Schoß werden Rosen wachsen. Jetzt ist diese Zeit gekommen. Ist das nicht unglaublich? Die Zeit ist gekommen, in der das Eis von Mutter Erde genommen wird. Die Tiere werden spielen, und Rosen werden wachsen. Rosen gedeihen nur da, wo es keinen Frost gibt.“

Christoph Ouarch

Christoph Ouarch

Das Essay ist dem Buch „Stella Polaris Ulloriarsuaq“ aus dem Eifelbildverlag entnommen. Hier bestellen. Mehr zu Christoph Quarch hier.

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