Über Freiheit und Zukunftsgewissheit

Eva von Redecker Foto: youtube

Kaum ein Begriff wird im Moment von so vielen Menschen bei Diskussionen angeführt wie Freiheit. Aber Freiheit an sich ist nicht nur ein positiver Wert, wenn er nicht z.B. mit Verantwortung verbunden wird. In diesem Zusammenhang bin ich auf die starken Gedanken der jungen Philosophin Eva von Redecker aufmerkam geworden.

In einem inspirierenden Interview mit Zeit-Online sprach sie angesichts von Einschränkungen der Grundrechte während der Pandemie über neue Ideen der Freiheit.
„Warum etwa denken wir bei Freiheit so oft an die, reisen zu dürfen, statt an die Freiheit, bleiben zu dürfen?“

Oder: „Man sieht nicht und will nicht sehen, wie die Welt aussehen wird, wenn wir weiter der Freiheit nachgehen, Lebensgrundlagen zu zerstören.“

Brief aus dem Wald

In einem bemerkenswerten „Brief aus dem Wald“ gab sie mir zwei weitere wichtige Impulse. Zum einen regte sie an darüber nachzudenken, „wie wohl die Pandemie verlaufen wäre, wenn jeder neben der Pflicht zur häuslichen Isolation auch ein Stück Wald bekommen hätte: mit Baumhaus, Platz zum Abstandhalten und der großen Dosis immunsystemstärkender Enzyme, die man neuerer Forschung zufolge mit jedem Atemzug Waldluft einnimmt.“ Ja zurück zur Natur war und ist für uns alle der Weg zu mehr Verbundenheit und in eine lebenswerte Zukunft.

Antonio Gramsci Wikipedia

Und sie stellte mir Geanken aus Antonio Gramscis Gefängnisheften vor. Der Kommunist und Gründer der italienischen KP, der in den 1920ern das Aufkommen des Faschismus lange im Gefängnis erlitten und scharf beobachtet hat. „Gramsci hat den Begriff des „Interregnums“ benutzt, um das Einfallstor des Faschismus zu erklären. Eine Zeit der Krise, die darin bestehe, dass das Alte stirbt, aber das Neue nicht zur Welt kommen kann. Während der Glaube an alles Hergebrachte bröckelt, nähere sich der politische Diskurs immer offener dem zynischen Konkurrenzkampf an, der die Wirtschaft regiere. So würden Gesellschaften anfällig für faschistische Todesbejahung. Gramscis schonungslose Diagnose ist zugleich von großer Zukunftsgewissheit getragen.“

Zukunftsgewissheit – was für ein schöner Begriff ab jetzt ganz neu in meinem Wortschatz!

Revolution für das Leben

Die vorerst letzte Entdeckung war dann ihr Buch „Revolution fürs Leben“ – Eine neue Kapitalismuskritik – und eine Liebeserklärung an menschliches Handeln.

“Was fasziniert dich an Revolution? Im Denken alles offen zu halten, dass alles ganz anders sein kann.” Eva von Redecker

Schon die Verlagsinfo ist sehr inspirierend:

„In Zeiten der Krise entzündet sich politisches Engagement. Protestbewegungen wie Black Lives Matter, Fridays for Future und NiUnaMenos kämpfen derzeit weltweit gegen Rassismus, Klimakatastrophe und Gewalt gegen Frauen.

So unterschiedlich sie scheinen mögen, verfolgen diese Widerstandskräfte doch ein gemeinsames Ziel: die Rettung von Leben. Im Kern richtet sich ihr Kampf gegen den Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen zerstört, indem er im Namen von Profit und Eigentum lebendige Natur in toten Stoff verwandelt: Der Kapitalismus verwertet uns und unseren Planeten rücksichtslos. In autoritären Tendenzen und rassistischen Ausschreitungen, in massiven Klimaveränderungen und einer globalen Pandemie zeigt er seine verheerendsten Seiten.

In den neuen Protestformen erkennt Eva von Redecker, die als Philosophin zu Fragen der Kritischen Theorie forscht und auf einem Biohof aufgewachsen ist, die Anfänge einer Revolution für das Leben, die die zerstörerische kapitalistische Ordnung stürzen könnte und unseren grundlegenden Tätigkeiten eine neue solidarische Form verspricht: Wir könnten pflegen statt beherrschen, regenerieren statt ausbeuten, teilhaben statt verwerten.“

Hier weiter reinlesen

Quellen:

Video und Text Zeit-Online

Der ganze Brief aus dem Wald (auch vorgelesen) hier

Interview mit Jung & Naiv

Danke Sabine Langenscheidt für den ersten Hinweis!

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9 Kommentare zu “Über Freiheit und Zukunftsgewissheit
  1. pia sagt:

    Wie spannend! Dankeschön für‘s Entdecken 🌸

  2. Frank sagt:

    Es ist ein interessanter Perspektivwechsel zu dem Frau von Redecker einlädt.
    Mit dem Gedanken der “Freiheit zu bleiben“ kann ich mich nur schwer anfreunden.
    Meine Familie hatte in meiner Kindheit diese zweifelhafte “Freiheit“. An den Ostseestränden der DDR, wo über die Sonnenbadenden bewaffneten Grenzsoldaten in Wachtürmen wachten. Mit Blick nach Schweden endete hier die Freiheit für die Menschen und es blieb nur… zu bleiben.
    Einschränkungen der Bürgerrechte als Freiheit zu verkehren, mutet für mich – mit Verlaub – etwas zynisch an. Die Reisefreiheit ist ein hohes Gut, für das in der DDR viele Menschen an den Grenzen ihr Leben riskiert oder sogar gelassen haben und für das Tausende friedlich in der Wendezeit demonstriert haben. Das ist gerade mal 30 Jahre her. Vielleicht ist auch dies einen Perspektivwechsel wert. Ich wünsche mir, dass wir achtsam mit den Errungenschaften der Geschichte umgehen.

    • Ja, es ist gut alle Perspektiven wahrzunehmen. Mich hat der Begriff „Freiheit“ zu bleiben“ als Wahrnehmung unseres Privilegs in Deutschland sehr berührt – im Gegensatz zu den vielen Flüchtlingen, die durch Krieg und Hunger getrieben, die ihre Heimat verlassen müssen.

  3. Martin sagt:

    Hallo liebe Bettina, vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel mit den so zukunftsweisenden, lösungsorientierten und eigentlich sehr vertrauten Gedanken von Frau Redecker. Ich habe sie
    6
    nicht so verstanden, dass es um von oben verordnete Einschränkung von mühsam errungenen Freiheiten geht, sondern wirklich um den individuellen, selbstbestimmten Perspektivwechsel, jeder in seinem Takt. Zu erkennen, dass man nicht alles machen muss, was möglich ist,weil es letzlich nicht zu vermehrter Freiheit sondern zu erneuter Fremdbestimmtheit führt. „Zukunftsgewissheit“ ist genau das, was uns beflügelt.
    Herzensgrüsse und wunderbare Sonnentage für alle, Martin

  4. Almut Lichte sagt:

    “Pflegen, regenerieren und teilhaben“ nichts anderes tun Frauen seit Jahrtausenden. Sie entscheiden sich für Liebe statt Angst, die zwei Lebensformen. Eine gibt Leben, die andere nimmt Leben.
    Freiheit ist wie die Liebe, sie ist so vielfältig wie die Zellen des Körpers, Gefühle oder Schneeflocken. Und immer perfekt und anders. Da kann Sprache gar nicht mithalten. (Frei nach N.D.Walsch)

  5. Sanvja sagt:

    Wie schön! Zukunftsgewissheit! Herrlich, ja wir brauchen gerade für einiges neue Wörter, das ist eins davon!
    Danke dir Bettina fürs Teilen!
    Bunte Grüße Sanvja

  6. Martin sagt:

    Liebe Almut, ich stimme Dir zu, es ist mir aber eine Herzensangelegenheit hinzuzufügen, dass es immer schon und jetzt vermehrt, auch Männer(und Diverse!) gibt, die diesen nährenden, heilenden Weg der Liebe gehen! Manchmal ist Angst auch ein Überlebensimpuls, der erst den Weg für die Liebe eröffnet…

    Herzensgrüße, Martin

    • Almut Lichte sagt:

      Ja, wunderbar Martin,
      ich übe ja im Jetzt zu bleiben….
      und es ist ja alles Liebe, denn Liebe ist alles.
      Danke Dir.
      4 x Ja,
      Von Almut

  7. Ruth sagt:

    Tolles Buch!
    Danke für die Empfehlung, Bettina.
    Spannende neue Impulse, krasse Betrachtung und Analyse unseres Ist-Zustands und geschichtlicher Zusammenhang wie wir da hin gekommen sind, wo wir jetzt sind.
    Eine Bereicherung!

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