Fülle: Eine Geschichte über das Geben und Nehmen

Lesezeit 6 Minuten –

Geben und Nehmen, quid pro quo – es muss ausgeglichen sein, oder? U. hat mich viermal angerufen, jetzt bin ich dran. Ich habe H. schon so oft besucht, jetzt soll sie mal kommen. Lass uns die Rechnung teilen, aber du hattest viel weniger Wasser, das ist ungerecht. Ich bin jetzt Partnerin der newslichter. Toll, was springt für mich dabei raus? Solche Gedanken machen ganz eng, die Luft bleibt weg, spürst du es beim Lesen? Dass Fülle, Geben und Nehmen ein besonderes Verhältnis benötigen, durfte ich jetzt lernen. Mein besonderer Lernprozess begann mit einer E-Mail, die ich vor einigen Wochen an Bettina schrieb: „Seit vielen hundert Tagen bereichern die newslichter meinen Tag, seit ebenso vielen Tagen klicke ich immer auf den Button Schließen, wenn die Spendeneinladung kommt.“ Ich sei nicht geizig, erklärte ich ihr. Ich wollte mehr, Partnerin der newslichter wollte ich werden, etwas von der Fülle zurückgeben, die ich so reichlich erhalten habe: berührende Texte, tolle Filmtipps, lesenswerte Bücher, Impulse, Inspirationen und auch freundschaftliche Kontakte zu wunderbaren Menschen.

Und doch war da ein wesentlicher Teil in mir, der es wissen wollte! Die Betriebswirtin und ehemalige Unternehmensberaterin verlangte ROI. Sie wollte Fakten: Was habe ich eigentlich von diesem Partnerabo? Kann man das messen, in Zahlen ausdrücken, wie kann ich mein Angebot gewinnbringend präsentieren … Dann passierte mir glücklicherweise letzte Woche die

GESCHICHTE MIT DER PARKUHR

Auf dem Weg zu einem Yogastudio in Aachen laufe ich morgens seit Jahren eine lebendige Ausfallstraße entlang, wie es sie wohl in jeder Stadt gibt. Noch nicht ganz Innenstadt, aber schon wuselig, trubelig und sehr triste. Irgendwo auf Höhe eines Supermarkts fängt die Parkzone an, daher parke ich gerne weiter oben und gehe ein Stück.

Auf diesem Stück Spaziergang sitzt jeden Morgen ein Mann, der bettelt. Anfangs bin ich vorbeigegangen, bis ich feststellte, dass weltumspannende Yogaseligkeit und Ignoranz irgendwie nicht gut zusammenpassen. Ich habe begonnen, einen Euro oder auch mal zwei in den Becher zu werfen und den Mann zu grüßen. Irgendwann kamen wir auch ins Gespräch, denn er liest ab und zu Heftchen und ich wollte wissen, ob er Bücher gebrauchen kann. Nein, wollte er nicht, zu schwer zu tragen. (Logisch!) Irgendwann habe ich ihm auch mal einen Apfel angeboten und freute mich über sein ehrliches „Nein, danke“. An manchen Tagen hatte ich kein Kleingeld und grüßte im Vorbeigehen trotzdem, wurde mit einer freundlichen Antwort beschenkt. Man sprach mal kurz über das Wetter … es hatte sich also, langer Rede kurzer Sinn, eine gewisse Routine des Gebens und Nehmens zwischen uns eingestellt.

Letzten Donnerstag war ich spät dran und habe daher innerhalb der Parkzone mein Auto abgestellt, genau dort, wo der Mann saß, war eine Parklücke frei. Vor dem Aussteigen hatte ich noch kurz übers Handy das Parkticket aktiviert, was man natürlich von außen nicht sehen konnte. Ausgestiegen, Yogamatte gegriffen, freundlich gegrüßt und 2 Euro in den Becher getan. Ein offener Blick, ein freundlicher Morgengruß kamen zurück – ich freute mich und hatte eine schöne Yogastunde. Ach, im Weitergehen sah ich noch, dass sich eine Dame vom Ordnungsamt mit ihrer Strafzettelmaschine näherte. Aber ich hatte ja mein Onlineticket gelöst…

Als ich zwei Stunden später zum Auto zurückkam, klemmte ein Parkschein hinter meinem Scheibenwischer, gelöst nur zwei Minuten nach meinem Aufbruch, also wahrscheinlich eine Minute, bevor die dräuende Knöllchen-Dame mein Auto, das scheinbar ohne Ticket war, erreicht hätte. Von dem Mann fehlte leider jede Spur. Er war, wie jeden Morgen, weitergezogen und ich stand da und heulte. Mein Herz war weit offen vor lauter Dank und Freude und ich habe den ganzen Tag innerlich gesungen.

Ja natürlich, es kann auch alles ganz anders gewesen sein, es muss nicht dieser Mann gewesen sein, der mich vor einem Strafzettel retten wollte. Vielleicht hat der Apotheker von nebenan mein Parkticket gelöst oder eine Autofahrerin hat es sich anders überlegt – was weiß ich. Ich weiß es nicht. Von Claudia Shkatov habe ich gelernt, dass wir unsere Geschichten selbst erzählen dürfen und ich glaube an genau diese Geschichte des Gebens und Nehmens. Was auch immer „wirklich“ passiert ist, ich habe eine wichtige Botschaft bekommen:

Wenn du von Herzen und völlig ohne Absicht gibst, dann wirst du reich beschenkt.

Wie oft hören wir, gerade im spirituellen Umfeld, dass Fülle aus Geben entsteht und schon Josef Beuys wusste: Wenn man Geld gibt, dann wird Geld folgen. Ich konnte in der ehrlichen Innenschau feststellen, dass in meinem Geben oft ein „Return“ einprogrammiert ist. Ich besuche eine Freundin, weil ich ihren Rat brauche. Ich schreibe einer alten Schulkameradin nicht nur aus Neugier, sondern auch, weil sie interessante Kontakte hat. Ich unterstütze die newslichter und frage, was für mich dabei rausspringt. Und umgekehrt gebe ich so oft im Rahmen meines beruflichen Tuns, ohne eine Rechnung zu stellen: Ist ja für eine gute Sache, die haben ja selbst nicht viel Geld, dafür kann man ja eigentlich nix nehmen und überhaupt, wir sind doch alle eins und verbunden, wahre Fülle entsteht nicht durch Geld… und so weiter, kennst du das? Das stimmt alles, aber wir dürfen uns schon hin und wieder die Frage nach unserem Wert stellen – was sind wir uns wert, was dürfen wir anderen wert sein?

Fülle entsteht immer durch Geben und Nehmen, erst wenn wir nicht horten, nicht halten, nicht kalkulieren oder spekulieren, kann Fülle fließen. Fülle entsteht auch, wenn wir unseren Wert kennen und schätzen, unsere ganzen Gaben in ihrer Pracht einbringen in den Kreislauf des Lebens, nichts zurückhalten. Wir geben alles – wie es so schön heißt – ohne uns zu erschöpfen, denn es fließt zurück.

Fülle drückt sich in so vielen Formen aus – als offenes Herz, als freundlicher Blick, als feste Umarmung, als Zeit, Gemeinschaft, Zugewandtheit. Und in unserer heutigen Welt und Wirtschaft eben auch als Geld. Und nachdem ich all dies gedacht und gefühlt hatte, konnte ich meine innere BWLerin an diesem Donnerstag der letzten Woche in den Arm nehmen und ihr sagen: Lass los. Vertraue.

Und sie tut es. (Bis jetzt )

Für mich war diese Geschichte so heilsam – was macht sie mit dir?

  • Was bedeutet Fülle für dich?
  • Wie denkst du über Geld?
  • Wann gibst du von Herzen?
  • Wo erwartest du eine Gegenleistung und bekommst sie nie?
  • Wo erwartest du keine Gegenleistung und bekommst sie?

Hast du Lust, gemeinsam mit mir Geschichten der Fülle deines Lebens zu schreiben? Dann komm gerne am 18. und 19. März 2023 in meinen Online-Workshop zu den Grundlagen der Biografiearbeit (https://www.andrea-goffart.de/termine/grundlagen-der-biografiearbeit). Als Autorin und Schreibcoach begleite ich dich dabei, deine Geschichte zu erzählen, so wie du sie erleben willst.

Sharing is caring 🧡
Andrea Goffart
Andrea Goffart

Andrea Goffart ist Autorin und Schreibcoach. Sie gestaltet Wir-Räume, in denen Geschichten erzählt und geteilt werden. http://www.andrea-goffart.de

8 Kommentare

  1. Liebe Andrea!
    Ich bin berührt von deiner Geschichte, denn auch ich mache häufig die Erfahrung, dass Geben, wenn es aus dem Herzen kommt, keinen Ausgleich braucht, um Fülle und Freude zu erzeugen (auf beiden Seiten).
    Auch in unserer kleinen Stadt gibt es Zonen, in denen man Tickets ziehen muss, und ich habe mir angewöhnt, mein Ticket weiterzuschenken, wenn ich früher als gedacht wieder zum Auto komme. Das überraschte Lächeln ist mir Dank genug.
    Wie ich in einem Artikel hier schon einmal schrieb, schenke und spende ich gern – und ich erwarte dafür nichts. Das irritiert die Beschenkten oft (so wie jetzt bei meiner Verabschiedung aus dem Schuldienst, bei dem ich meine KollegInnen beschenkt habe), aber ich rücke nicht davon ab.
    Schenken, wenn es aus dem Herzen kommt und den anderen sieht (so wie du den Bettler siehst), macht das Herz weit und zaubert mir selbst ein Lächeln ins Herz, das, wie du es auch beschreibst, die Tage zu etwas Besonderem macht.

  2. Danke liebe Andrea 🙏 ich finde mich in so vielen Textpassagen und Gedanken von Dir wieder. Du schreibst so erfrischend authentisch und manche Sätze könnten direkt aus meinem Kopf kommen. Deine Geschichte regt sehr an – als schon immer sehr gerne „Gebende“, stößt Du einige eigene Erlebnisse an. Mit dem Herzen dabei sein und beim Geben an das Teilen der eigenen Fülle denken, ans Beschenken und ans Freude bereiten, auch ans Unterstützen und unter die Arme greifen – es sind so viele liebende Gedanken die sich formen, wenn ich dem Leben die Hand reiche und denke – ich bin da und denke nicht nur an mich, denn ich habe meinen Wert kennenlernen dürfen und versuche der Welt ein Stück von meinem eigenen Glück zu schenken.
    🍀💛


  3. Besondere Freude macht mir seit zwei Jahren meine „Geschenke-Kiste“.
    Weil ich oft aber nicht entscheiden konnte, wem ich was schenken wollte, lasse ich die zu Beschenkenden das heute selbst entscheiden.
    Das Resonanzprinzip funktioniert hier ganz wunderbar: Ich habe alles, was ich verschenken möchte, eingepackt, mit Nummern versehen und in eine Kiste gepackt, Die zu Beschenkenden suchen sich das passende Geschenk aus, indem sie eine Nummer ziehen und dann das entsprechende Päckchen bekommen. Aufgefüllt wird die Kiste immer fortlaufend mit Dingen, die mir selbst guttun und gefallen – doppelt kaufen, eins behalten, eins einpacken. 😇 Sehen könnt ihr die Kiste unter https://www.wordpress.imke-rosiejka.de/meine-alltagshelfer/).
    Übrigens sind es tatsächlich die unerwarteten Gelegenheiten, die am meisten Freude machen – so geht bei mir niemand von einem Besuch nach Hause, ohne sich ein Präsent auszusuchen. Das erfüllt mich ungemein!

    Herzensgrüße
    Imke

  4. Liebe Andrea, so wunderschön :-))). Ich bin beim Lesen im Geiste mit Dir durch Aachen gelaufen. Ich freu‘ mich von ganzem Herzen und wünsche, dass ganz viele Menschen in den Genuss Deines Schreib-Workshops kommen, um eine neue Geschichte zu kreiieren. Jetzt ist die perfekte Zeit dafür. Kuss, C.

  5. Hallo liebe Leser:innen,
    von Herzen Dank für Eure lieben Kommentare. Ich fühle mich schon wieder beschenkt und auf wunderbare Art willkommen geheißen im Kreis der „newslichter“. Übrigens darf ich berichten, dass meine Wahrnehmung stimmte! Ich habe heute mit dem Mann sprechen können. Anscheinend verschenkt er öfter Parkscheine. Wie schön!

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