Auch die Welt der Kogi verändert sich

Lesezeit 4 Minuten –

Von Oliver Driver. Seit nunmehr 12 Jahren besuche ich fast jedes Jahr die Kogi in Kolumbien. Mal sind es kurze Begegnungen, mal lange Aufenthalte an den unterschiedlichsten Orten der Sierra Nevada. Ende 2025 führte mich mein Weg gemeinsam mit meiner Tochter nach Dumingueka. Das Dorf liegt relativ nah an der Karibikküste und ist – untypisch für die Region – leicht zu erreichen. Da ich gesundheitlich nicht ganz fit war, kam mir die Lage sehr entgegen, um tagelange Wanderungen im Hochgebirge zu vermeiden.

Für meine Tochter und mich war der Aufenthalt fast schon „luxuriös“: Wir konnten unsere Hängematten in einem Schulgebäude mit Betonboden aufhängen – ohne Ungeziefer und sogar mit ordentlichen sanitären Anlagen.

Dumingueka: Ein Vorzeigeprojekt für die nächste Generation

Der Grund für diesen Standard ist die große Schule vor Ort. Sie ist ein echtes Herzensprojekt, in dem mehrere hundert Kinder lernen. Viele von ihnen schlafen auch dort, da der Heimweg in ihre entlegenen Bergdörfer oft acht Stunden Fußmarsch bedeuten würde – für die kleinen Kogi eine Normalität.

Der Unterricht ist ein spannender Spagat: Neben klassischen Fächern wie Spanisch und Rechnen wird ganz bewusst das traditionelle Wissen der Kogi gelehrt, damit die eigene Kultur nicht verloren geht. Der Besuch ist freiwillig; Eltern und Kinder entscheiden selbst, ob sie die staatliche Schule oder die „Schule des Lebens“ oben in den Bergen bevorzugen. Geleitet wird das Ganze von Arregoces, den einige von euch vielleicht noch von seinem Besuch in Deutschland kennen.

Warum die Kogi jetzt studieren

Nachdem sich die Gemeinschaft in den letzten 20 Jahren unserer Welt wieder mehr geöffnet hat, erkannten sie eine Notwendigkeit: Um auf Augenhöhe kommunizieren und handeln zu können, brauchen sie Spanisch und Mathematik. Um sich rechtlich abzusichern und nicht mehr „über den Tisch ziehen zu lassen“, beginnen die ersten Kogi nun sogar Studienfächer wie Jura.

Als ich 2014 das erste Mal dort war, steckte alles noch in den Kinderschuhen. Heute gibt es feste Gebäude, Solarstrom und eine Kantine, in der vier Köche täglich drei Mahlzeiten für die Kinder zubereiten. Doch die Infrastruktur leidet: Bei unserem Besuch sahen wir zwar begeisterte Schüler, aber auch ein undichtes Dach und eine Konstruktion, die einzustürzen droht.

HILFE GESUCHT: Wer diese Schule direkt unterstützen möchte, melde sich bitte einfach bei mir!

Smartphone-Licht und Instagram im Urwald

Besonders faszinierend sind die Beobachtungen der modernen Einflüsse. Ich sah Trauben von Kindern, die um die Smartphones der Lehrer hingen und genauso routiniert swipten wie Kinder in Köln. In unserem Schlafraum, den wir mit 25 Kindern und fünf Frauen teilten, flackerte bis ein Uhr nachts das Licht eines Handys, weil noch ein Comic geschaut wurde.

Einige Kogi sind mittlerweile selbst auf Instagram aktiv und erzählen dort von ihrer Kultur. Ich sah Kogi auf Motorrädern und vereinzelt leuchten nachts Solarleuchten zwischen den traditionellen Hütten.

Juan und der Traum vom Filmemachen

Ein besonderes Beispiel für diesen Wandel ist Juan, der Sohn von Arregoces. Er ist der erste Kogi, den ich getroffen habe, der in kürzester Zeit fließend Englisch gelernt hat. Juan möchte Kameramann oder Filmproduzent werden. Es ist ein tiefer Kontrast: Er ist so sehr in der modernen Welt angekommen, dass er bei einer Wanderung in der Nähe seines Dorfes Dinge sah, die ihm völlig fremd waren – ganz im Gegensatz zu seinem Bruder, der sich bewusst für das „pure“ Kogi-Leben im Urwald ohne Schule entschieden hat.

Juan braucht unsere Hilfe für seinen Traum: Sein Kameraobjektiv ist defekt. Wir benötigen etwa 300 Euro, um ihm ein gebrauchtes Ersatzobjektiv zu kaufen. Falls du dich hier beteiligen möchtest, freue ich mich über eine kurze Rückmeldung.

Fazit: Ihr Weg, nicht unsere Bewertung

Trotz all dieser Eindrücke: Das sind Ausnahmen. Die allermeisten Kogi leben weiterhin völlig abgeschieden in den Bergen nach ihren uralten Gesetzen. Es steht uns nicht zu, diese Veränderungen zu bewerten. Es ist ihr Weg. Selbst die weisen Mamos bleiben gelassen: Sie sagen, Gott hätte das Handy nicht erfunden, wenn es nicht hätte sein sollen.

Herzliche Grüße

Oliver Driver ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Urwaldkaffee GmbH. Zuvor war er Inhaber des „coaching salon“, einer auf die Begleitung von Veränderungsprozessen spezialisierten Unternehmensberatung, und Coach. Als Autor hat er zahlreiche Bücher und Fachartikel veröffentlicht. Er lebt in Köln.

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Gastbeitrag
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2 Kommentare

  1. Wer mehr über die Kogi und ihre Botschaft an uns, ihre Art zu denken und zu lernen erfahren möchte und sich eventuell mit dem indigenen Wissen rückverbinden möchte, dem empfehle ich das Buch von Lucas Buchholz „Kogi“ oder den Film „Aluna“ sowie die „Timeless Wisdom Academy“💫
    Hier wird auch gezeigt, wie Kolonialismus auf indigenes Wissen wirkt und wirkte – auch bei uns! Außerdem wird der Landrückkauf unterstützt, so dass die Kogi ihr Land besitzen und „regenerieren“ (ein Wort aus unserer Welt) können💖

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