Die Muschel im Wald

„Was mache ich hier?“, fragte sie sich. An einem Morgen fand sie sich verschmutzt und verdreht auf einem Waldweg wieder. Die Frau, die in dem Haus in der Nähe wohnte, hob sie auf. „Was macht sie hier?“, wunderte auch sie sich.
„Eine Muschel im Wald.“
Gehörte sie nicht woanders hin?
Wie war sie hier gelandet?
Eine Muschel ohne Strand und ohne Meer.
„Wird sie sich hier wohlfühlen?
Nun, mitten auf dem Weg im Matsch wohl nicht.“
Die Frau nahm sie mit nach Hause.
Dort legte sie die Muschel zunächst auf dem Schuhregal ab.
Wann immer ihr Blick in den nächsten Tagen auf die Muschel fiel, überlegte sie: „War sie von einem Vogel fallen gelassen worden? Unwahrscheinlich, denn das nächste Meer war viel zu weit weg. Ein Mensch musste sie hier verloren haben.“
In der Wärme des Hauses tauchte die Erinnerung der Muschel an ihre Heimat langsam in ihr auf.
Allerdings nur auf zarte Weise, denn wann immer ein Hauch auftauchte, stieg auch ein intensiver Schmerz aus der Tiefe in ihr Bewusstsein.
Ein kurzes Bild von den Wellen an einem Tag. Autsch.
Die anderen Muscheln mit ihr im Meer an einem anderen Tag. Oh weh, das sticht.
Es tat fürchterlich weh, und an manchem Tag versperrte sie sich den schönen Erinnerungen lieber.
Gleichzeitig spürte sie, wie mit jeder Erinnerung etwas mehr Lebendigkeit in sie hineinzog und sie immer mehr erahnte, wer sie eigentlich war.
Hilfreich war, dass die Frau sie zu ihren Erinnerungen aus dem letzten Urlaub gelegt hatte, zu ganz vielen verschiedenen schönen Exemplaren ihrer Art.
Im Kreis der ihren gelang es ihr immer besser, sich zu erinnern. Die anderen Muscheln ermutigten sie, sich ganz den schönen Bildern hinzugeben, und fingen sie liebevoll auf, wenn der verbundene Schmerz der Muschel zu groß erschien. Außerdem waren sie sehr interessiert daran, sie ganz kennenzulernen, so wie sie ganz und echt war. Das konnte die Muschel spüren, und es machte ihr Mut.
So fiel es ihr von Tag zu Tag leichter, sich noch ein Stück mehr zu öffnen und sich damit selbst zu erobern, bis es eines Tages aus ihr herausbrach:
„Ich bin von derselben Küste wie ihr. Die Frau hat auch mich aufgesammelt, und ich weiß noch, wie geehrt ich mich gefühlt habe und wie gespannt ich auf meine Reise in ein neues Abenteuer war. Ich wollte endlich mal etwas anderes sehen als immer nur denselben Strand. Sie nahm uns mit auf eine lange Reise. Im Wald angekommen, muss ich der Frau aus der Jacke gefallen sein. Bei diesem Sturz habe ich wohl mein Gedächtnis verloren.“
„Und hey“, sagte sie zu den anderen Muscheln im Kreis, „wir kennen uns doch richtig gut. Erinnert ihr euch nicht?“
„Doch, natürlich erinnern wir uns“, die anderen lachten erleichtert auf. „Wir sind deine guten Freunde. Wir wussten das die ganze Zeit, aber wir wussten auch, wie wichtig es ist, dass du von selbst darauf kommst, dich selbst in deiner Geschwindigkeit an die Schönheit deiner Heimat erinnerst, den Schmerz des Verlustes integrierst und schließlich auch ganz ohne unser Zutun uns wiedererkennst. Das Erinnern konnten wir dir nicht abnehmen, und die Erkenntnis wollten wir dir als deine Freunde natürlich nicht vorenthalten.“
„Wow, das sind echte Freunde“, wusste die Muschel, und sie fühlte, wie sie es zulassen konnte, das Gefühl, das sich in den letzten Tagen in ihr angebahnt hatte, nun ganz in sich ausdehnen zu lassen. Sie war rundum zufrieden an dem Ort, an dem sie gelandet war, denn sie wollte dieses Abenteuer erleben. Sie wusste es nun wieder ganz genau. Sie war einverstanden, dafür einiges zurückgelassen zu haben, und sie war in diesem Abenteuer gemeinsam mit ihren Freunden gelandet.
Was für ein Glück! Ich bin wohl eine besondere Muschel, eine Glücksmuschel, eine Muschel im Wald.
P.S. Stellt Euch vor. Nachdem ich den Text zu Ende geschrieben hatte, ist mir klar geworden, dass ich die Muschel nun tatsächlich zu ihren Artgenossen legen möchte. Ich nahm sie vom Schuhregal und erkannte: in Wirklichkeit ist es ein Löffel ohne Griff. Wenn Ihr das Foto genau anschaut, könnt Ihr es wahrscheinlich erkennen. Ist das nicht spannend? Da ließe sich ja schon gleich die nächste Geschichte erzählen. 😉





