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In der 12. Klasse wähle ich das Fach „Kunst schriftlich“. Ich erinnere mich deutlich und auch gerne an eine Klausur, wohl die, an die ich mich aus meiner ganzen Schulzeit am besten erinnere. Eine Freundin und ich haben den Kunst-Gerümpel-Raum ganz für uns und sollen uns zusätzlich zu einer kleinen beweglichen Holzpuppe noch einen weiteren Gegenstand aussuchen, diese miteinander in Verbindung bringen und dazu eine Skizze anfertigen.

Diese Zeichnung hängt noch heute in meinem Arbeitszimmer und zeigt die Holzpuppe, wie sie mühevoll einen gewundenen Treppenpfosten emporklettert und dabei – vielleicht etwas besorgt – nach oben blickt. Damals wähle ich den wie eine Spirale gewundenen Pfosten, um das Leben zu symbolisieren. Viele Kreise, die sich aber nie schließen. So sehe ich es heute.

Rückblickend beschreibt das Bild sicherlich auch einen Glaubenssatz, den ich viele Jahre, vielleicht schon mein ganzes Leben, mit mir herumtrage: nicht gut genug zu sein. Deswegen muss es immer weiter gehen. Es gibt kein Ankommen. Das ist anstrengend.

Und der Ausblick auf eine nie enden wollende Spirale ist beängstigend, frustrierend.

Heute schaue ich immer häufiger von oben auf die Spirale und kann den Kreis erkennen. Kann erkennen, dass das Leben – mein Leben – aus vielen kleinen Kreisen besteht. Aus Kreisen der Geborgenheit, der Sinnhaftigkeit und aus Kreisen, in deren Mitte ich sein darf. In denen ich meine Mitte finden darf.

Dieser Text der Autorin Judith Scheidweiler ist aus der Anthologie „Schreiben – einfach so“. Hier beim Verlag ansehen.

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