Kintsugi oder Das Gold des Scheiterns

Lesezeit 2 Minuten –

Neulich war ich bei meiner Freundin Anja zu Besuch. Ich habe Ton mitgebracht, und wir haben zusammen getöpfert. Bei dieser Gelegenheit zeigte Anja mir ihre Kintsugi-Schätze. Kintsugi ist eine aus Japan kommende Technik, bei der zersprungene Gefäße mit einem speziellen Kleber und Goldstaub so zusammengefügt werden, dass die einstigen Risse nicht versteckt, sondern durch das Gold hervorgehoben und veredelt werden.

Ich fand die Gefäße von Anja, die durch ein Missgeschick zu Bruch gegangen waren und nun ein zweites Leben geschenkt bekommen hatten, wunderschön. Weil sie durch ihre sichtbaren „Narben“ einzigartig geworden sind.

Ich habe mir Kintsugi-Kleber bestellt und ein paar Tage später die Scherben eines zerbrochenen Segensschälchens wieder zusammengefügt. Es gab keine Gebrauchsanleitung, und ich habe mir kein DIY-Video angeschaut, weil ich mir sicher war, dass es ganz einfach ist.

Ich gebe zu, es wurde ein Akt des Scheiterns und Improvisierens. Der Kleber war zu flüssig, trocknete langsam und verschmierte schnell. Ich hatte mehr davon an den Händen als auf dem Gefäß und betropfte damit auch noch mein neues Kleidchen, war mehr mit der Schadensbegrenzung im Umfeld beschäftigt als mit dem eigentlichen heiligen Wiederbelebungsprozess. Am Ende habe ich einen Goldedding genommen und die Risse damit nachgezogen.

Das war bestimmt nicht im Sinne des Erfinders, ich bin trotzdem glücklich mit dem Ergebnis. Und das Schälchen freut sich über seine Auferstehung aus der Scherbenkiste.

Das eigentliche Geschenk meines Kintsugi-Erlebnisses war aber die Erkenntnis, dass die Risse und Brüche in unserem Leben uns auf besondere Weise prägen und unverwechselbar machen. Sie haben es verdient, gewürdigt und vergoldet zu werden.

Die Situationen im Leben, in denen etwas zerbricht, in denen die Rechnung nicht aufgeht, der Plan misslingt, in denen wir scheinbar scheitern, beschenken uns in Wahrheit damit, dass sie uns auf neue Fährten führen, uns erfinderisch und kreativ werden lassen und unser Improvisationstalent herauskitzeln.

Sie bescheren uns Erkenntnisse, Einsichten und Entwicklungschancen, die sich uns nicht gezeigt hätten, wenn alles glattgelaufen wäre. Sie schenken uns eine neue Achtsamkeit im Umgang mit uns selbst und anderen: mit einem einmal zerbrochenen und wieder zusammengefügten Gefäß gehen wir behutsamer und bewusster um als mit einem unversehrten.

Ich finde, wir sollten das Scheitern genauso feiern und ehren wie das Gelingen.

Mit einer Party, mit Freunden, Sekt und Konfetti oder in freundlicher Stille. Durch Scheitern wachsen, reifen und lernen wir, das Gelingen ist die Belohnung, die daraus erwächst. Und diese sieht manchmal ganz anders aus als geplant.

Wie mein Schälchen.

Vielleicht liegt der tiefere Sinn von Kintsugi darin, das Scheitern des Vergoldens zu vergolden. Zufrieden mit dem Unperfekten zu sein. Und uns auf die nächste Gelegenheit zum Üben mit Kleber und Goldstaub zu freuen.

In Liebe und Dankbarkeit,

Catrina

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Catrina Steffen
Catrina Steffen

Als Künstlerin liebe ich es, unter die Oberfläche der Dinge zu schauen und mit den unterschiedlichsten Materialien kreativ zu arbeiten. Ich mag es, scheinbar Gegensätzliches zu verbinden und ernste Themen mit Humor und Leichtigkeit, Freude und Zuversicht zu erhellen. Mit meinen handgefertigten Ritualschälchen aus Ton und meinen Grafiken möchte ich außerdem dazu beitragen, die besondere Qualität von Dank und Segen in unserem Alltag präsenter zu machen. https://www.dankundsegen.de

5 Kommentare

  1. ….Danke, liebe Catrina, für Deine feinen Worte zu „Kintsugi“ ….welche für mich eine der würdigensten kunsthandwerklichen Herangehensweisen ist…..auch – so wie Du es beschreibst – aufgrund der inneren Haltung und einer gewissen Sichtweise, die wesentlich wird für einen derartigen kreativen Gestaltungs- Prozess…..

    Von Herzen einen frohen Monat Mai für Dich und Euch alle hier,
    Dagmar

    • Liebe Catrina, danke für das Teilen dieser wundervollen tiefgründigen und heilsamen Erkenntnisse. Ich kann damit ganz viel anfangen. Das erinnert mich an mein Skizzenbuch, in dem ich begonnen habe mit Schwarzstift zu skizzieren, früher hätte ich mir das nie getraut…heute ist es ok, wenn etwas auch oft nicht gelingt und nach einer Weile versuche ich es dann mit neuen Linien zu etwas Neuem zu machen. Das hilft mir mein Unperfektseon einfach dasein zu lassen. herzlichst Carola

  2. Hallo liebe Catrina , wie schön , dass Du Kintsugi für Dich entdeckt hast . Die Technik ist so besonders und der Prozess dazu sehr sehr prägend. Ich biete regelmäßig Kintsugi in meiner Naturheilpraxis an und ich bin jedesmal berührt über die Einzelstücke die dabei entstehen – individuell wie jeder Einzelne von uns . Liebe Grüße, Anna

  3. Catrina, dank dir, du Liebe für Goldstaub und Kleber. Für das Wort zerbrochen auch. Mir so nah. Werd mir meine Lebenspuzzelei vergolden im neu Zusammensetzen. Ist schon ein Segen, dass wir einander hier reich machen. Danke für diesen Morgensegen in meinen frischen neuen Maientag! Herzensgrüße, Miriam

  4. So wunderbar zum ersten Mai.
    Das Scheitern feiern, weil mich gerade das Scheitern weiter gebracht hat in meinem Sein; auch wenn es schwer war.
    Herzlichen Dank allen Menschen, die es teilen können/mögen : )

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