Unter dem Schutz des Lebens

Es gibt diese Momente im Leben, in denen alles gleichzeitig passiert. In denen wir spüren, dass sich etwas verändert und wir keine Ahnung haben, wie es weitergeht. Bei mir war es vor einem Jahr nicht fünf vor zwölf, es war längst danach.
Zu diesem Zeitpunkt hat mich dieses Haus gefunden. Mitten in der Natur, am Bach gelegen, umgeben von Wald, Stille und einer Welt, in der Termine, Erwartungen und Erreichbarkeit keine Rolle spielen. Es war kein geplanter Schritt, also in Alleinlage wollte ich schon leben, allerdings anders. Es war ein Aufgefangenwerden und ein leises und klares: Hier darfst du sein.
Abgeschnitten von der Welt und bei mir
Die äußeren Umstände haben das konsequent unterstützt. Handyempfang gibt es hier genau genommen nur mit einem Anbieter und selbst das manchmal unzuverlässig. Was das Internet betrifft, habe ich nach zwei Monaten aufgegeben. Die Satellitenschüssel steht seitdem im Garten. Irgendwann wurde mir klar, dass ich hier weder etwas erzwingen kann noch muss.
Zwei Wochen nach meinem Einzug hat meine Mutter nach langer Krankheit die Dimensionen gewechselt.
Ich stand also in einem Haus im Wald, kaum erreichbar, und durfte ein Begräbnis ohne die gewohnte schnelle Verbindung zur Außenwelt organisieren.
Wenn selbst die Natur keine Ruhe bringt
Vielleicht denkst du, dass ein Ort wie dieser Ruhe bringt. Dass ankommen leicht ist und einfach tief durchgeatmet wird und alles abfällt.
Ja und nein.
Die ersten Tage, die ersten Wochen, waren überraschend anstrengend. Ich bin jeden Tag spazieren gegangen, meist einfach den Bach entlang, vielleicht eine halbe Stunde in eine Richtung und obwohl die Wege flach und die Luft frisch waren, obwohl alles da war, was ich mir immer gewünscht hatte direkt vor der Haustür, in mir war keine Ruhe. Ich fand keine Ruhe. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich in der Natur und in der Stille nicht entspannen. Und ich bin Stille erfahren, sehr Stille erfahren.
Die Veränderung begann nicht bei mir…
…sondern bei meiner Hündin.
Ich hatte sie aus meinem vorherigen Leben mitgenommen, aus einem Umfeld, in dem sie in sich gekehrt war. Still, zurückgezogen, fast ein wenig verloren in ihrer eigenen Welt.
Nach vier, fünf Tagen hier im Wald begann sich etwas zu verändern. Sie wurde lebendig, wirklich lebendig. Streifte neugierig durch den Wald, nahm Gerüche auf, bewegte sich freier, leichter, freudiger. Es war, als hätte dieser Ort etwas in ihr geweckt, das lange geschlafen hatte. Ein paar Wochen später passierte etwas, das mich selbst tief berührt hat. Ich bin zum ersten Mal in den dreieinhalb Jahren, in denen ich sie kenne, mit ihr spielend ums Haus gelaufen. Einfach so, ohne Plan, ohne Ziel, nur aus Freude. Bis dahin konnte sie das nicht.
Überforderung in der Stille
Am Anfang war da Überforderung. Nicht, weil es zu viel zu tun gab, sondern weil plötzlich so viel wegfiel.
Keine ständige Erreichbarkeit, keine Ablenkung, keine Möglichkeit, schnell mal auszuweichen.
Ich habe gemerkt, wie sehr ich daran gewöhnt war, verfügbar zu sein. Für andere, für Erwartungen, für Anforderungen, die oft jemand anders gehörten. Und das, obwohl die Stille seit langem meine Freundin ist und ich mich immer wieder zurückziehe, um zu fühlspüren, was ist.
Der Moment des Verstehens
Irgendwann, einige Wochen später, bei einem Spaziergang kam ein Moment der Klarheit.
Ich habe verstanden, dass dieser Ort, dieses Nahezu-Unerreichbar-Sein kein Mangel, als das ich ihn auch nie gesehen hatte, war, sondern ein Schutz.
Ein Schutz davor, mich zu verlieren in den Wünschen und Erwartungen meines Umfelds.
Mir wurde bewusst, dass sich in den Wochen rund um meinen Umzug mit all den Ereignissen, dem Abschied, den Anforderungen im Außen innerlich etwas verschoben hatte. Die Uhr war nicht mehr kurz vor zwölf. Sie war schon darüber hinaus.
Und dieses Haus hat mir, im wahrsten Sinne des Wortes, den Stecker gezogen. Nicht abrupt und hart, sondern auf eine sehr leise, fast liebevolle Weise.
Ein Jahr später
Heute lebe ich seit etwas mehr als einem Jahr hier und werde spätestens im Herbst weiterziehen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich nicht nur all das, was passiert ist, sondern vor allem, was sich in mir verändert hat.
Dieses Haus am Bach mit all seinen besonderen Bedürfnissen hat mich nicht „geheilt“ im klassischen Sinn. Es hat mir auch keine schnellen Antworten gegeben. Es hat mir Raum gegeben. Raum, in einer Tiefe erfahren zu dürfen, was meins ist und was nicht.
Was bleibt
Wenn ich heute an dieses Jahr denke, dann nicht als Ausstieg aus der Welt, sondern als Rückkehr zu mir und als Einstieg ins natürliche Leben auf dieser wunderschönen Erde.
Und vielleicht ist genau das größte Geschenk dieses Ortes: Dass er mir den Raum gegeben hat, wahrzunehmen wer ich bin.




Ja genau so isses! Warum willst du nach einem Jahr schon ausziehen??? Ich wäre froh, sowas zu finden, für dauerhaft. Wir haben hier auch nur bedingt Handyempfang und naja, einen Gigacube für Internet mit nicht viel Kapazität. Reicht. Ich kann da gut drauf verzichten. Wünschte, ich fände so ein Haus!
Dank dir Svenja – so fühlbar mir, dein Teilen. Herzberührend in all dem: euer lebendiges ums Haus toben. Verspielt, fröhlich, ausgelassen. Was für ein starker Ausdruck von zu dir kommen. Zu euch, ihr alle beide. Wunderschön! Gute Wege allerorten dir und euch.
Alleinlage mit ohne Nachbarn und Welt unerreichbar….
Du beschreibst wonach ich mich sehne.
Scheinbar ists bei mir schon 12:56h….
Stecker ziehen scheint die Lösung.
Ich hatte mir das Gegenteil gegönnt.
Eine Rückkehr in meine gehofft alleinseligmachende Geburtstadt München.
Jederzeit Ablenkungen, nienalsnirgendsstill.
Menschenüberfüllt und am Platzen.
Extrem furchtbar…..
Deine Hausgeschichte berührt tief in mir eine große Sehnsucht….
Namaste
Claudia
oh, ich wünschte ich hätte auch so ein Haus! Ich würde es gewiss nicht verlassen, wenn ich nicht unbedingt müsste! Überlege es dir gut …
Mir geht es wie Karolin. Schade, nach so kurzer Zeit. Deine Hündin wird es sehr vermissen. Alles Gute Euch beiden, für den weiteren Weg.
Alleinlage, schlechter Handyempfang, Bach? Wo liegt dieses kostbare Kleinod? Wir suchen in dieser Richtung
Ein wundervoller Bericht! Sehr hilfreich für mich! Danke Dir und den Newslichtern von Herzen!