Was bleibt menschlich, wenn Sprache jederzeit erzeugbar wird?

Was ist menschliches Schreiben im Zeitalter von KI? Was ist Schreiben überhaupt? Texte entstehen heute anders als noch vor wenigen Jahren. Sie lassen sich schnell erzeugen. Viele klingen gut, oft sogar sehr gut.
Das genügt vielen. Mir nicht.
Die entscheidende Frage ist ganz schlicht: Hat ein Text ein Innenleben?
Gibt es unter der Oberfläche etwas, das in mir Resonanz erzeugt? Viele vollständig generierten Texte hinterlassen bei mir ein bestimmtes Gefühl: Leere.
Es gelingt mir nicht, mit ihnen in Resonanz zu gehen. Ich verstehe sie. Ich kann sagen: „Ja. Ich stimme zu.“ Oder: „So habe ich das noch nie gesehen.“
Doch es ist, als würde ich mit einer Pappfigur im Café sitzen. Es fehlt eine ganze Dimension. Woran liegt das?
Es fehlt das Herzblut. Wenn ich einen Text lese, steige ich ein, wenn ein Satz sich mit Leben füllt, wenn Bilder entstehen, ich in eine andere Welt mitgenommen werde. Es sind Sätze, die eine tiefere Ebene in mir berühren. Das ist der Augenblick, in dem ich jemanden spüre: Den Menschen hinter dem Text.
Wann hat ein Text ein Innenleben? Ein Experiment mit einem Satz aus einem meiner Texte.
Ich war mir sicher, dass der Satz steht.
„Die Erkenntnis, dass ich auf einer bestimmten Ebene meines Seins vollkommen bin und es immer schon war, hat mich von einem inneren Marathon ohne erreichbares Ziel in einen Zustand tiefen inneren Friedens geführt.
Das Gegenteil von der regelmäßigen Dosis Botox für die Seele.“
Dann habe ich ihn der Maschine gegeben.
„Die Einsicht, dass ich im Kern bereits vollständig bin, hat mich aus einem Zustand ständiger Selbstoptimierung in ein Gefühl von innerer Ruhe geführt.“
Beide Sätze funktionieren. Der zweite besser. Ich könnte ihn stehen lassen. Ich tue es nicht. Denn in der ersten Version ist meine Stimme hörbar. Aus meinem Empfinden werden Worte, bilden sich Sätze, es entsteht ein Bild. Es gewährt einen Blick in mein Innenleben.
Ist das ein Risiko? Macht es mich verletzlich? Ja.
„Innerer Marathon.“
„Kein erreichbares Ziel.“
„Botox für die Seele.“
Das ist nicht perfekt, nicht aalglatt, dafür ist es spürbar, angreifbar und damit wird es dialogfähig. Ich bin dein Gegenüber im Café. Ich bin aus Fleisch und Blut.
Die zweite Version macht alles richtig: Sie vermeidet Reibung und sie vermeidet Risiko. Und genau das ist das Problem. Ein Text kann auf den ersten Blick perfekt sein. Er kann überzeugen und doch blutleer sein. Wie ein Pappkamerad im Café.
Der entscheidende Punkt liegt in dem Risiko, einen Satz stehen zu lassen, der nicht nur funktioniert, sondern etwas zum Ausdruck bringen will. „Botox für die Seele“ ist kein besserer Ausdruck, aber er gehört zu jemandem.
Von Menschen geschriebene Texte sind ausnahmslos Ausdruck der persönlichen Erfahrung und Lebensgeschichte. Sie sind wie Farbtöne, die man nicht mischen kann, denn sie entstehen nicht aus fertigen Farben. Sprachmodelle generieren Sätze aus Wortwolken und wählen nach Wahrscheinlichkeiten aus. Daraus entsteht der berühmte Einheitsbrei, der viele Menschen irritiert und frustriert.
Ich freue mich über mein eigenes inneres Aufbäumen, wenn ich einen reinen KI-Text lese und dann das Lesen abbreche. Es spornt mich an, mir die Mühe zu machen, meiner eigenen Stimme treu zu bleiben, das Ringen um Worte und Formulierungen als Schöpfungsakt zu begreifen. Obwohl ich keine neuen Worte erfinde, entsteht doch etwas nie Dagewesenes. Ein Farbton, den man nicht künstlich erzeugen kann.
Sind Sprachmodelle des Schreibenden Untergang? Ich glaube nicht. Es hängt davon ab, wie sie genutzt werden. Sie können nützlich sein, allerdings bedarf es dafür einer intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Text. Sie verführen ständig. Aber das ist eine andere Geschichte und ich erzähle sie ein andermal.





Guten Morgen Nadine, ich habe beide Sätze gelesen und bevor ich deinen Text weiterlesen habe, überlegte ich, – was macht den ersten Satz menschlich?- ich blieb an den drei Textteilen hängen, die du gleich darauf aufgezählt hast.
Danke für die Farbschattierungen, das „Ungeschliffene“, die Bilder – die Bilder, das ist das wunderschöne, das im Kopf entsteht, wenn ich einen Text lese – die Phantasie – Danke – möge es ein farbenfroher, phantasievoller Tag werden 🙂
Liebe Nadine,
Ich danke DIR für das Beschreiben der Leere beim lesen., der fehlenden Resonanz. Ich war schon manchesmal irritiert von Texten und konnte nicht fassen weshalb.
Wiederum hüpft und freut es sich in mir bei einem anderen Text, obwohl mein Verstand nix checkt 🙂
Ich erinnere mich an: die Weberin spinnt die Träume…
Herzliche Grüße
Monika
Liebe Nadine!
Ja und noch einmal ja!
Wie bei mit KI überarbeiteten Texten geht es mir auch bei KI-perfekten Bildern: Es fehlt die Natürlichkeit! Einer meiner Neffen hat mir das vor Augen geführt, ohne das beabsichtigt zu haben – im Gegenteil: er wollte mich von KI überzeugen. Er hatte eines meiner Fotos von KI überarbeiten lassen und es war wie bei deinem Satz: perfekt in Farbe und Darstellung, aber ohne Leben. Er war wirklich enttäuscht, dass ich nicht in Jubel ausgebrochen bin.
Ich bin sehr froh, dass ich nicht mehr in der Schule bin, denn die Arbeit dort wird immer mehr von KI gefärbt (so „schön einfach“ diese verlockende Arbeitserleichterung) … eine Entwicklung, die ich nicht nur wirklich bedauerlich finde, sondern fürchte für die kommenden Generationen, die dadurch noch weiter vom wahren Leben abgetrennt werden.
Herzensgrüße (auch so ein schönes mit Leben gefülltes Wortbild) zu euch allen
Imke
Guten Morgen,
Für mich ist die erste Version deutlich besser- die 2te interessiert mich nicht- könnte auch auf einer Gebrauchsanweisung für ein Medikament stehen. Langweilig. Deprimiert mich. Das Mittelmaß hebt sein Fähnchen. Grüße
Liebe Nadine,
von Herzen danke für Deine Worte. Ich fühle Entlastung, wenn ich Deine Gedanken lese! Ja, das Wort lebt, es transportiert mehr als sich selbst, ist mehr als ein hohles Zeichen. Mir fällt dazu eine Klientin ein, die mir in einer ersten Mail schrieb: Ich habe ihre Homepage gefunden und versucht alles zu lesen, ich habe nichts verstanden aber war so tief berührt, daß mir die Tränen liefen! Ich hinterfrage mich gern: Bin ich einfach nicht offen für Neues? Aber ich spüre, nein, damit hat das nichts zu tun. Ich sehe diese Tage viele YouTube Videos und mir scheint viele Menschen haben das gleiche Coaching Programm Schritt für Schritt umgesetzt, aber oftmals ohne es mit ihrem Eigenem Wesen anzufüllen, ohne es einmal wirklich verstoffwechselt zu haben. Dann hört sich -ähnlich wie bei KI Texten- alles geradezu perfekt an, sieht schön aus, aber es bewegt nichts in mir. Viele, liebe Grüße, Katrin
…noch ein ps von mir: Und es ist ja nicht nur so, daß nur die Leserin nicht in Resonanz gehen kann. Wenn wir uns in unsere Worte hineingeben und diese hinaus in die Welt geben, hat dieser Prozess ja auch eine (Rück-)Wirkung auf uns selbst und unsere Entwicklung….und da stimme ich Imke in Bezug auf die junge Generation zu: ‚ Immer schön einfach‘ ist sehr verführerisch, sieht an der Oberfläche nicht so schlimm aus, aber entfremdet. Nochmals herzliche Grüße an alle, Katrin
Liebe Nadine, danke Dir für diese Gegenüberstellung.
Auch mir geht es so, dass ich den Text von der Maschine langweilig finde. Keine Farbe, kein Leben, ohne Oberfläche …
Nix in mir resoniert, bleibt hängen, macht mich neugierig …
Habe das schon bei Texten von mir vertrauten Leuten gemerkt, die ich immer gerne gelesen habe und plötzlich langweilig fand. Dachte allerdings es liegt an mir, dass ich mit dem behandelten Thema durch bin, bis mir klar wurde: ne, da steckt die KI dahinter.
Ich habe allerdings noch nie so eine direkte Gegenüberstellung gelesen und dabei gerade festgestellt: Die KI ist nicht nur farblos, sie verfälscht Deinen Text.
Sie nimmt einen, für mich entscheidenden Baustein, wenn es um Selbsterkenntnis geht, raus.
Du schreibst von „… einer bestimmten Ebene …“ und die KI schreibt „… im Kern …“
Das sind für mich zwei verschiedene Sachen.
Ebenso wie „vollkommen“ und „vollständig“ zwei gänzlich verschiedene Aussagen sind.