Goldkehlchen

Wir alle haben eine goldene Kehle. Genau dort, in unserer Kehle, sitzt ein Instrument, das die Klangfarben des Lebens erklingen lässt: die Stimme des Menschen. Jede Stimme ist so facettenreich wie das Leben selbst und kann aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet werden. Hier sind drei davon:
Energetisch: Keine Stimme kann auf Dauer verstellt werden und so lässt sie unverfälscht hören, wie es um die aktuelle Gestimmtheit, Kraft und Präsenz eines Menschen bestellt ist.
Kommunikativ: Im Alltag dient die Stimme nicht nur als Informations-Übermittlerin, sondern auch als Botin dafür, was zwischen den Zeilen noch so mitschwingt.
Persönlich: Über den Klang einer Stimme ist hörbar, ob jemand bei sich oder eher außer sich ist und auch, wie sympathisch sich die jeweiligen Gesprächspartner sind.
Allen voran jedoch erlebe ich meine Stimme als Klangquelle, die das Tor zur goldenen Mitte öffnet: ins Hier und Jetzt. Wenn ich meinen Körper, meinen Geist und alles in mir, durch intuitive Gesänge vibrieren lasse, werden Gedanken, Pläne, Ziele, sogar Gefühle und Sorgen leiser. Wie als ob sie sich alle auf die eine oder andere Weise besänftigt fühlen, geben sie sich selbst dem Klang hin, lassen sich von ihm wiegen und werden letztlich still. Damit ist die menschliche Stimme nicht nur physische Klangquelle, sondern in meinem Empfinden ein wahres Gottesgeschenk. Sie ist der UrKlang des Menschseins.
Dieses Geschenk anzunehmen, der Kraft des Lebens wie auch der eigenen Stimme zu trauen, ist nicht immer einfach. Beides frei schwingen zu lassen, erscheint wie eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Obgleich durch unsere Stimme eine Art alchemistische Kraft in uns aktiv ist, die gebundene Energien in freie Schwingung zu transformieren vermag, dominiert eine Art Scheu, der eigenen Stimme Ausdruck zu geben.
Immer wieder habe ich mich gefragt, woher diese Scheu kommt. Warum fällt es uns häufig so schwer, zu singen, vor allem vor anderen oder mit klaren Worten für sich ein- und aufzustehen? Nicht gegen andere, sondern für das, was einem selbst am Herzen liegt! Nun, im Laufe der Zeit wurde meine Ahnung nahezu zur Gewissheit (Irrtümer können ja nie ausgeschlossen werden), dass in der menschlichen Stimme jene Scham- und Schuldenergie mitschwingt, die seit UrZeiten von Generation zu Generation überliefert ist.
Es scheint nicht bloß darum zu gehen, dass wir nicht vor anderen singen wollen. Nein, womöglich geht es tiefer. Viel tiefer. Die eigene Stimme zu entfalten, scheint beinahe etwas Unverschämtes zu haben. Unverschämt – diesem Wort haben wir die Bedeutung von dreist bzw. respektlos gegeben. Wortwörtlich heißt es aber: ohne Scham sein.
Genau das erlebe ich. Ja. Meine Stimme bringt mich und sich selbst zur Entfaltung. Nicht indem ich sie schule, sondern indem ich sie lasse, lässt sie mich nach und nach Scham und die damit verbundene Befangenheit überwinden. Jedes Mal, da ich mich meiner Stimme zumute, mit Freude, Ausgelassenheit, Aufregung, aber auch mit schmerzvollen Facetten, mit Sorgen und Nöten, wird auch sie mutiger. Auch wenn es nicht immer schön klingt, alle bunten und auch schrillen Klangfarben des Lebens stimmlich zum Ausdruck zu bringen, so fühlt sich das Leben in mir gehört und wird stiller, friedlicher und freier.
Die menschliche Stimme trägt das Potenzial in sich, die eigene Kehle zu vergolden und mit ihr die Kraft freier Schwingung lebendig werden zu lassen. Dies geschieht nicht von heute auf morgen, dafür aber mit der Behutsamkeit, die uns als verletzliche Wesen gegeben ist.
Ab September lade ich zu einer dreimonatigen Online-Reise ein, die Kraft der menschlichen Stimme zu erleben und in sich zur Entfaltung zu bringen. Wer nicht die ganze Reise antreten möchte, kann gerne an einzelnen Etappen teilnehmen oder auch nur einmal einen Ausflug machen. Näheres findet sich auf meiner Homepage unter www.mensch-sein.net und hier als pdf





Danke für diesen Text, die Klarheit und Sanftheit darin. Dieses Thema prägnant zum Ausdruck gebracht.
Besonders auch das Augenmerk, die Stimme nicht zu schulen, sondern sich frei entfalten zu lassen.
Hatte vor vielen Jahren Phasen mit starken Panikattaken – spontanes Singen half mir da, ins Hier und Jetzt zu kommen und somit aus der Angst heraus.
Oder auch wenn unbändige Freude durch den Körper fliesst – kommt der Impuls zu singen.
Empfehlung: Nada Brahma – Die Welt ist Klang von Berendt.