Spürend verfühlstehen

Mich haben die Reaktionen auf meinen Artikel Raumverwaltung bewegt und sie haben mehrere Fragen in mein Feld gebracht. Fragen über das lesende Zuhören, über das zuhörende Lesen, über Wegsehen und Hinsehen, Egoismus, Verdrehung, Mitgefühl, Neutralität. Über das Lesen durch die Brille der eigenen Geschichte, über das Negieren des Themas dahinter, über das Festhalten an den Worten, über Emotionen und über das Menschsein.
In unserem Körper dürfen wir Erfahrungen machen und diese Erlebnisse erzählen, denn wir wachsen an den erzählten Erlebnissen unserer Mitmenschen, weil sie in Resonanz mit uns gehen und wir uns etwas daraus für unser Leben mitnehmen oder auch nicht.
Es hat mich verwundert, was aus der neutralen Erzählung meines Erlebnisses gemacht wurde. Und das darf sein. Jeder liest durch seine Brille. Allerdings bin ich mir ein bisschen wie auf Social Media vorgekommen, nur respektvoller, wo es oft nicht um den Beitrag (Ich habe Gemüse zu verkaufen, wer möchte – Mein Tier sucht einen neuen Platz – Ich brauche einen neuen Job) und seine Fakten geht, sondern um das dahinter des jeweiligen Lesers. Um seine Geschichte und die Geschichten darum herum, die sein Verstand dazu erfindet. Da wird hineininterpretiert, dass die Kirschen zu teuer sind (weil es für einen selbst möglicherweise außerhalb des Budgets liegt). Da wird eine Pferdehalterin beschimpft, weil sie nach einem Schicksalsschlag ihr Pferd abgeben muss (weil man lieber selbst ums nackte Überleben kämpft, bevor ein guter Platz für das Pferd gesucht wird und es damit für alle leichter wird). Da wird auf einem rumgetrampelt, weil nur Teilzeit gearbeitet werden will (weil man selbst in der Überforderung steckt in seinem unbefriedigenden Vollzeit-Job).
Warum?
Weil es uns ablenkt, von dem eigentlichen Thema, das wir in uns nicht ansehen und spürend verfühlstehen wollen.
Es werden ein oder mehrere Themen nebenbei aufgemacht, die wenig bis nichts mit dem Originalbeitrag zu tun haben. Und das ist in Ordnung. Und dennoch ist es wenig dienlich für ein Miteinander, wenn wir ablenken, weil wir uns weigern, die Botschaft des Senders in diesem Text zu hören.
Und dabei ist es egal, ob es sich um Obst und Gemüse zu verkaufen, um die Abgabe eines Tieres, die Suche nach einem neuen Job oder einen Artikel über Raumverwaltung oder das Gespräch mit dem Partner, der Nachbarin und dem Chef dreht.
Wann haben wir aufgehört, unsere Mitmenschen und deren Erlebnisse wahrhaftig zu hören und spürend zu verfühlstehen und Raum zu geben, damit das Gesagte wirken kann? In uns und im anderen.
Mich inklusive hat der Großteil der Menschen das wohl nie gelernt, denn wenn wir anderen Menschen den Raum geben und uns berühren lassen, werden wir verletzlich. Wir müssen unsere Themen ansehen. Ich habe es mir beigebracht und weiß, dass die Reaktionen, Kommentare und Handlungen durch die Brille meiner Mitmenschen sprechen. Sie erzählt von dessen Erleben, von dessen Geschichten im Kopf. Und diese Geschichten sind oft erfundene Konstrukte, die diese Brille sieht und erschafft, um zu schützen vor dem, was im eigenen Leben ungesehen bleiben will.
In meinem erzählten Erlebnis ging es um die Überschreitung des persönlichen Raums von Lebewesen, um das Akzeptieren eines Nein. Mich fasziniert immer noch, was daraus in den Kommentaren geworden ist.




