Vom Frieden, den ersten Blättern beim Fallen zuzusehen

Ich liebe es, in Buchhandlungen zu sein. Dort liegen neue Welten aller Aspekte des Lebens,
und ich liebe es, meinen Blick einfach über die Titel streifen zu lassen und zu schauen, wo
sich in mir eine kleine Regung zeigt. Ein Impuls, das Buch in die Hand zu nehmen und es
etwas mehr auf mich wirken zu lassen. Mal ist es der Klappentext, mal ein Durchblättern.
Oder, so wie gestern, das Inhaltsverzeichnis.
Der Titel des Buches lautete „Vom tiefen Glück, einer Schneeflocke beim Fallen
zuzuschauen“. Allein das Lesen des Titels brachte in mir eine tiefe Ruhe und ein leises
inneres Lächeln hervor. Manche der im Inhaltsverzeichnis angegebenen Kapitelüberschriften fühlten sich ähnlich schön an; mit anderen ging ich nicht so in Resonanz. Aber dieses Gefühl der Schneeflocke war und blieb mein Favorit.
Nun haben wir noch keinen Winter, aber seit einigen Tagen bin ich fast jeden Morgen mit
meinem Frühstück wieder im Wald – was habe ich es vermisst! Hier in Schleswig-Holstein, wo mich das Leben nach meinen Reisejahren erstmal hin gespült hat, ist Wald eher spärlich
gesät. Zumindest die Art von Wald, die mein Herz und meine Seele erfüllen. Umso
glücklicher bin ich, wenige Autominuten von meiner Wohnung einen naturbelassenen,
kleinen Wald gefunden zu haben.
Und so sitze ich hier nun, an einen Baum gelehnt, und sehe die ersten Blätter fallen. Nicht
viele, eher vereinzelt, und dabei so sachte und friedvoll. Ich blicke mit weitem, weichem
Blick auf das, was mich umgibt: Bäume, Totholz, Laub am Boden. Ein paar Sonnenstrahlen,
die zusätzlichen Frieden bringen. Aus verschiedenen Ecken höre ich Vögel, aber in dem
Moment ist es mir nicht wichtig zu erkennen, ob nun der Kleiber ruft oder die Tannenmeise
singt, ich bin einfach da. Und dann, ganz unbemerkt, nehme ich eine sanfte Bewegung wahr und meine Augen wandern automatisch zu dem fallenden Blatt, das sich – wo auch immer – gerade zeigen mag.
Gedanken frei folge ich seinem Verlauf, bis es sich weich auf den Boden legt, um eins zu
werden mit all seinen Freunden, die sich bereits auf den Weg des sanften, friedlichen Falls
gemacht hatten. Manchmal kostet es uns Mut, loszulassen und uns in den freien Fall zu begeben. Nicht wissend, wo wir landen werden und ob wir überhaupt den Boden erreichen. Ob es Zwischenstationen auf dem Weg gibt, bei denen wir hängenbleiben.
In einer Gedankenpause blicke ich auf und sehe just in dem Moment vor mir am Baum ein
Blatt im seichten Wind wiegen, das auf seinem Weg hängengeblieben ist. Aber es hängt dort nicht allein, sehe ich. Ein weiteres Blatt ist vor ihm genau an der gleichen Stelle
hängengeblieben!
So dürfen wir wissen, dass wir im Prozess des Loslassens nie allein sind, auch wenn es sich
zwischen sicherer Basis und dem ersten Schritt manchmal so anfühlt. Zur richtigen Zeit sind
immer Wegbegleiter und Gleichgesinnte da, und am Ende werden wir von all jenen, die den
Weg schon gegangen sind, in Empfang genommen und willkommen geheißen.
Ich liebe die Natur, und ich liebe das Wahrnehmen und Schreiben. Und immer wieder zeigen
sich Analogien zwischen Natur und uns. Eigentlich sind es aber doch keine Analogien,
sondern ein liebevolles Erinnern. Denn wir sind nicht getrennt von der Natur, wir sind Natur!
Wir sind das Blatt, das fällt, und wir sind der Boden, der es willkommen heißt.
Britta liebt die Natur, und sie liebt es, ihre Gedanken und Beobachtungen in Worte zu fassen. Am liebsten mag sie, wenn beides zusammenkommt und Texte wie dieser entstehen.




