Die Botschaft des Sternenmädchens

Mit ihren Fotografien öffnet Nomi Baumgartl das Tor zu einem tieferen Verständnis der Welt. „Alles ist mit allem verbunden“, ist ihre Botschaft, und ihre Bilder sind Einladungen, aus diesem Bewusstsein die Welt zu verändern. Es begann in einer Sternennacht im Donauries. Damals, in den Fünfzigerjahren, war Nomi ein junges Mädchen. Und nicht nur das: Sie war ein Hirtenmädchen – hütete des Nachts die Herde ihrer Großeltern. Und weil sie dabei oft allein war, kam sie eines Nachts darauf, sich mit den Sternen zu unterhalten. Das lag schon deshalb nahe, weil der Landstrich, in dem sie sich befand, vor Jahrmillionen von einem Stern geformt wurde, der dort als Meteorit eingeschlagen war. So wurde das Hirtenmädchen zum Sternenmädchen – und das ist sie noch heute. Das Licht ist ihre Profession. Nomi Baumgartl ist Fotografin von Weltruf. Und auch wenn sie sich dessen nicht immer bewusst war, erzählen doch die meisten ihrer Arbeiten von der grenzenlosen Weite und Schönheit des Universums, das dem jungen Mädchen früh ist Herz gesprochen hatte.

 

Die Sterne haben sie nicht mehr verlassen. Und nicht nur sie. Neuerdings begeistert sie ein anderes himmlisches Licht, das nächtens die Augen der Menschen erfreut: Aurora Borealis – das Polarlicht. Wie ein Stern in der Nacht erscheint es ihr, und diese Lichtkaskaden des Nordens auf dem Rezeptorenfeld ihrer Kamera einzufangen, ist das Anliegen, auf das sie aktuell ihre Zeit und Energie fokussiert. „Stella Polaris“ haben sie und ihr Partner – WIR-Fotograf Sven Nieder – dieses fotografische Großprojekt getauft. Schon manche kalte Polarnacht haben die beiden in Grönland dafür durchbibbert. Immer in Sorge, dass die Akkus der Kamera nicht einfrieren, kein Eisbär die nächtliche Ruhe stört und zuletzt Bilder entstehen, die all diejenigen im Herzen berühren, die sie in der warmen Behaglichkeit beheizter Galerieräume anschauen werden.

Entflammt vom Heiligen Feuer

Wie aber kommt eine international renommierte Fotografin, deren Arbeiten in den großen Galerien dieser Welt vertreten sind, auf die verwegene Idee, sich mit Kamera, Zelt, Schlafsack und Schlittenhunden hinaus eisige Polarnächte zu begeben? Was hat die Leidenschaft in ihr entfacht, aller Unbill zum Trotz dem Ruf des Polarlichts zu folgen? Nun, es war ein Feuer – nicht irgendeines, sondern ein Heiliges Feuer; ein Feuer, das eben dort oben, im Juli 2009 zu Füßen eines grönländischen Gletschers von Schamanen aus aller Herren Länder entfacht wurde. Die Idee: dort wo heute mit rasanter Geschwindigkeit das vermeintlich ewige Eis dahin schmilzt, ein Feuer zu entfachen, das von Grönland aus in die Welt getragen wird, um das Eis in den Herzen der Menschen zu schmelzen. Denn solange das Eis in den Herzen der Menschen nicht schmilzt, so der Initiator der „Sacred Fire Ceremony“, der grönländische Schamane Angaangaq Angakkorsuaq, wird sich kein nachhaltiger Wandel auf Erden zutragen.

War es ein Zufall oder keiner? Gleichviel, in diesen denkwürdigen Juli-Tagen des Jahres 2009 kam Nomi Baumgartl auf Einladung von Jane Goodall als Mitglied einer Gruppe der „Greenprint Foudation“ in die grönländische Tundra und stieß dort zum Camp derer, die sich für die Zeremonie des Heiligen Feuers versammelt hatten. Und da sprang es – symbolisch, versteht sich –auf sie über; und lodert seither in ihrem Herzen weiter. „Ich war zutiefst beeindruckt von den Menschen, die ich dort um das Feuer versammelt sah; die gekommen waren, um die kostbarsten Schätze ihrer Kulturen zu teilen.“

Sehnsucht nach Ursprünglichkeit

Ganz unvorbereitet war Nomi auf diese Begegnung freilich nicht. Schon immer, erzählt sie, habe alles Archaische eine große Faszination auf sie ausgeübt. „Bei all meinen Reisen durch die Welt, hat mich immer schon das Alte, Eingeborene magnetisch angezogen; die Weisheit der alten Kulturen, in der vieles von der ursprünglichen Einheit von Mensch und Natur lebendig geblieben ist.“ Begeisterung für das Ursprüngliche, Echte, Authentische – das ist nicht einfach eine romantische Marotte von Nomi Baumgartl, sondern der tiefste Antrieb ihrer künstlerischen Arbeit. Egal ob sie nun Polarlichter, Delphine oder Elefanten fotografiert: stets tut sie es mit einem Blick, der gleichsam durch die Oberfläche durchstoßen möchte in eine der flüchtigen Wahrnehmung verborgene Dimension; dorthin, wo die Augen der Seele das Wesentliche und Wahre erspüren. „Wahrscheinlich ist das meine eigene Spurensuche“, sagt sie, „wahrscheinlich folge ich mit meiner Kunst – ohne mir dessen immer bewusst zu sein – einer tiefen Sehnsucht meiner Seele, einem glühenden Herzenswunsch: dem Ursprung näher zu kommen“.

„Als wir im November 2011 erstmals in der grönländischen Polarnacht fotografieren wollten, konnte ich meine Kamera nicht verwenden. Ich war noch nicht vertraut mit den extremen Verhältnissen da oben“, gesteht sie. Doch gerade das geriet ihr zum Segen. Denn anstatt zu fotografieren habe sie dieses Himmelspektakel einfach nur in sich aufgenommen. „Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke“, und man glaubt es ihr sofort. Denn nun verrät das Strahlen in ihren Augen, dass ihr dort draußen in eisiger Dunkelheit ein Blick in die Tiefe des Universums geschenkt wurde.

Antworten wie Sternschnuppen

„Hier ist der Ursprung“, fühlte sie mehr als dass sie dachte. Wie Sternschnuppen fielen ihr die Antworten auf alle Urfragen des Lebens zu. Senkrecht über ihr funkelte der Polarstern, während sie mit offenem Auge und Herzen da stand und wie Sterntaler das Geheimnis der universalen Einheit in sich aufnahm. Da wusste sie, dass ihr neues Projekt unter einem guten Stern stand: dass ein Segen auf ihm liege und sie darauf vertrauen könne, dass ihr die erforderliche Energie dafür zufließen würde. „In dieser eisigen Nacht habe ich beschlossen, das Vorhaben von Stella Polaris bedingungslos zu verwirklichen“, schließt sie mit fester Stimme ihren Bericht.

Das Geschenk der Hoffnung

„Was werden die Menschen davon haben?“, möchte ich wissen. Und wieder antwortet sie, ohne zu zögern: „Hoffnung“. – „Hoffnung worauf?“ – „Hoffnung, dass dieser Wandel, den die Welt derzeit durchmacht, zum Guten führt“, ist ihre Antwort. „Für mich sprachen die Nordlichter davon, wie rasch große Veränderungen auf uns zu rasen; und wie wichtig ist es, dass wir alle uns daran erinnern, dass wir ein Teil des Ganzen sind; vor allem aber, dass in uns eine schöpferische Urkraft schlummert, mit der wir die Dinge zum Guten zu bringen und Mitschöpfer der Zukunft zu sein vermögen.“
Diese Botschaft möchte Nomi Baumgartl mit ihrer Fotografie in die Welt tragen. Sie weiß aber auch, dass ihre Kunst allein dafür nicht ausreichen wird. Die von ihr eingefangene und transportierte urwüchsige Schönheit der Eisberge und Nordlichter wird nach ihrer Einschätzung wohl die Herzen für die Botschaft öffnen, die Botschaft selbst aber brauche weitere Stimmen und Helfer – Menschen, die nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit nüchterner Klarheit davon reden, wir rasch das Eis an den Polen schmilzt, wie schnell globale Klimaveränderungen auf uns zukommen“. Andererseits müsse man sich auch darüber im Klaren sein, dass eine kognitive und moralische Ansprache allein nicht viel bewirken werde, solange die Menschen nicht im Herzen berührt sind.

Der vollständige Artikel ist in der neuesten Ausgabe des Magazins WIR – Menschen im Wandel erschienen. Es braucht dingend noch mehr WIR-Abonnenten, damit dieses hoffnungsvolle Zeitschriftenprojekt weiter leben kann. Hier informieren.

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Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.”

Rilke

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