Im neuen Jahr, da werde ich…

Foto: Tanja

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oder Warum wir nicht aufhören sollten, Vorsätze zu fassen – und wie man Erfolg dabei hat.
Dieses Mal musste es doch endlich klappen: Ein Glas warmes Wasser jeden Morgen vor dem Frühstück – mein Gott, das ist nun wirklich keine große Sache. Und dem Verdauungstrakt wäre ein großer Dienst damit erwiesen, so hatte sie im Frauenmagazin gelesen. Am 9. Januar jedoch, es war ein Sonntag, vergaß sie zum ersten Mal, ihr neues Ritual zu pflegen. Am 14. Januar geschah ihr das Malheur zum zweiten Mal. Und Anfang März hatte sie ihren Vorsatz schon vergessen.

Er fiel ihr erst am Ende jenes Jahres wieder ein, als am Silvesterabend ihre Freunde mit ihr feierten und sie befragten, wie es ihr denn ergangen sei mit jenem einfachen und guten Plan: den Tag mit einer Tasse warmen Wassers zu beginnen. Da schluckte sie und seufzte, denn sie blickte auf die traurige Geschichte ihrer missglückten Vorsätze zurück. Und so erklärte sie mit lauter, fester Stimme, ihr Vorsatz für das neue Jahr sei schlicht nur der: Sie werde niemals mehr zum Jahresanfang einen Vorsatz fassen.

Verständlich, oder? – Verständlich, ja, zugleich aber auch traurig. Denn eigentlich sind gute Vorsätze eine gute Sache. Und eigentlich ist es ein schöner Brauch, an der Schwelle zum neuen Jahr innezuhalten, auf die vergangenen Monate zurückzublicken, sich zu besinnen, was denn zu verbessern sei; um dann als Lehre aus dem Gestern die Vorsätze fürs Morgen herzuleiten.

Auf diese Weise kann man sich entwickeln. Auf diese Weise kommen wir voran.

Wesen des Wandels
Folgt man den Philosophen, ist das ganz natürlich. Zumindest einige haben gelehrt, der Mensch sei wesentlich ein Wesen, das über sich hinaus denkt und das sich immer wieder neu auf seine Zukunft hin entwirft. „Das Dasein ist ihm selbst in seinem Sein je schon vorweg“, notierte Martin Heidegger in „Sein und Zeit“ und meinte damit wohl, dass Menschen gar nicht anders können, als sich ein Bild davon zu machen, wie sie künftig sein und was sie künftig machen wollen. Sich selber in die Zukunft zu entwerfen, ist letztlich das, was wir mit unseren Vorsätzen versuchen.

Dass Neuanfänge, Wandel und Veränderung nicht nur in unserem Wesen liegen, sondern dass sie darüber hinaus dem Menschen seine Würde geben und ihn adeln, lehrte die Philosophin Hannah Arendt. Wer Argumente dafür sucht, dass man nicht aufhören sollte, gute Vorsätze zu fassen und Neues anzufangen – oder Altes zu lassen –, wird bei ihr fündig werden. Denn Arendt sah den Menschen als ein anfängliches Wesen, das seiner selbst nur dann gerecht wird, wenn es sich nicht mit dem Bestehenden bescheidet: „Weil der Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, An-fänger werden und Neues in Bewegung setzen.“

Aufgrund seiner „Gebürtlichkeit“ – der „Natalität“ – sei der Mensch befugt und berufen, immer wieder anzufangen: die Initiative zu ergreifen, sich immer neu zu entwerfen und Aufbrüche zu wagen. Und welcher Zeitpunkt eignet sich besser dafür als der Tag, an dem nach unserer Zeitrechnung et-was Altes endet und etwas Neues beginnt? Er lädt uns ein, uns unserer Ge-bürtlichkeit zu besinnen und zu erwägen, was zu beginnen oder aufzugeben ist. Von daher sind wir gut beraten, den Vorsatz jener unglücklichen Dame zu verwerfen, sich künftig aller Vorsätze fürs neue Jahr zu enthalten.

Nicht immer stimmt ein Vorsatz
Wenn Heidegger und Arendt Recht behalten und es tatsächlich unserem Naturell entspricht, Vorsätze zu fassen, dann fragt sich, warum wir dabei so oft scheitern; warum wir Jahr für Jahr die schmerzliche Erfahrung machen, dass es uns nicht gelungen ist, die guten Vorsätze zu verwirklichen – bis da-hin, dass wir irgendwann frustriert darauf verzichten, uns überhaupt noch etwas vorzunehmen.

Vielleicht liegt dieses Unglück ja daran, dass wir die Sache nicht richtig an-gehen. Ein Beispiel: Ein Freiberufler, Anfang 50, leidet unter Dauerstress, kann nachts nicht schlafen, fühlt sich ausgebrannt. In einer Zeitschrift liest er über einen Promi, der täglich meditiert und daraus große Kraft zieht. Das will er auch, er recherchiert, findet den Lehrer jenes Promi, besucht ein Se-minar und nimmt sich vor, im neuen Jahr in jeder Mittagspause seine Übung zu verrichten. Der Mann ist fest entschlossen. Er ist diszipliniert. Und trotz-dem muss er irgendwann erkennen, dass er dem Vorsatz nicht gewachsen ist. Dreimal in Folge, von Jahr zu Jahr, Silvester zu Silvester, erneuert er ihn, schwächt in sogar ab: nicht täglich, sondern einmal die Woche nur will er üben. Doch auch das hilft nichts.

Als er jedoch im vierten Jahr am Silvesterabend notiert, „ich werde ab jetzt einmal die Woche meditieren“, da stockte ihm der Stift und eine Einsicht fliegt ihm zu: In diesem Augenblick begreift er, dass er sich die ganze Zeit getäuscht hatte. In ihm steigt das Wissen auf, dass jene Spur, die er verfolg-te, gar nicht zu ihm passte. Das, was er braucht, ist gar nicht Meditieren. Es liegt ihm nicht, sich vor die weiße Wand zu setzen. Nein, was ihm fehlt, das ist Bewegung. So wie es seine Frau ihm längst geraten hatte. Nur hatte er sie nicht gehört.

Die Macht der Gewohnheit brechen
Warum diese Geschichte? Nun, weil sie eines lehrt: Was wir uns vorneh-men, ist längst nicht immer gut für uns. Tatsächlich kommt ein Vorsatz oft nicht aus der Tiefe unserer Seele. Oft ist er zuflogen, kommt von irgendwo, folgt einer Mode. Selbst wenn er noch so einleuchtet, führt er auf eine fal-sche Fährte: Der Mann, der meditieren wollte, geht jetzt joggen. Und es tut ihm gut.

Die meisten Vorsätze, selbst wenn sie passen, prallen jedoch an unseren Gewohnheiten ab. Gewohnheiten sind mächtig. Sie zu bezwingen, ist nicht leicht – auch dann nicht, wenn ein Vorsatz wirklich zu uns passt. Was kann man also tun, um ihm am Ende doch noch zum Erfolg zu helfen?
Wo Vorsätze mit Gewohnheiten kollidieren, verrät sich ein innerer Konflikt: Etwas in uns will, und etwas anderes will nicht. Wie können wir dann der Stimme, die will, zum Durchbruch verhelfen? Das probateste Mittel ist: In-dem wir ihr Unterstützung geben. Das können wir aber nicht selbst. Dafür brauchen wir andere. Und deshalb ist es sinnvoll, die Vorsätze fürs neue Jahr mit Freunden oder Partnern zu teilen. Laut ausgesprochen, wächst ihnen eine größere Kraft zu, als wenn wir sie im stillen Kämmerlein fassen. Jedes gute Gelübde braucht Zeugen. Jeder gute Vorsatz auch.

Schenken Sie sich einen Vorsatz

Doch selbst vor anderen bekundet, das lehrt das erste Beispiel, geht man-cher gute Vorsatz schief. Das liegt dann oft an dem genannten Grund, dass wir uns darüber täuschen, was eigentlich gut für uns ist. Das wissen unsere Liebsten häufig besser. So wie die Frau des Mannes, der einst meditieren wollte. Denn unsere Liebsten haben einen Blick auf uns, der sie befähigt besser zu erkennen, was uns in unserem Leben fehlt: was wir beenden oder neu beginnen sollten.

Darum zum Schluss ein Vorschlag für den nächsten Jahreswechsel: Schenken Sie sich einen Vorsatz. Sagen Sie Ihrem Liebsten oder Ihrer Liebsten, was Sie für sie/ihn als guten Vorsatz sehen. Wenn er/sie dann Ihren Vorschlag annimmt, ist er Ihrer beider Vorsatz. Und solch ein Vorsatz wird vermutlich für Sie passen – und mit der Unterstützung und dem Segen des-sen, der Ihnen diesen Vorsatz schenkte, wird es gelingen, ihn zum Leben zu erwecken. Versuchen Sie’s einmal. In einem Jahr reden wir dann darüber.

Zur Person: Dr. phil. Christoph Quarch, 1964 in Düsseldorf geboren, Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler, arbeitet freiberuflich als Autor, Publizist, Seminarleiter, Redner und Berater. Er ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“ und Lehrbeauftragter für Ethik an der FH Fulda. Von 2000 bis 2006 war er Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags; von 2006 bis 2008 Chefredakteur von „Publik-Forum“. Autor und Herausgeber
von über 30 Büchern. Christoph Quarch lebt mit seiner Familie in Fulda. www.christophquarch.de

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