Vom Trauma zum beseelten, verkörperten Sein

Vom Trauma zum beseelten, verkörperten Sein

Foto privat: Anke im Krankenhaus 1983

Von Anke Vayu Dockendorf. Mit 21 Jahren habe ich versucht auf meinem Motorrad meinem inneren Zustand von verwirrenden Emotionen, großem Seelenschmerz und einer unverkörperten Zerrissenheit durch Geschwindigkeit zu entfliehen.

Das abrupte Ende war eine Konfrontation mit einem Müllwagen, woraufhin ich sieben Monate mehr oder weniger ans Krankenhausbett gefesselt warm, weil eine Unterschenkelamputation unvermeidlich war. Absoluter Stillstand und der Beginn einer Reise, die erstmal durch all diese schmerzlichen Empfindungen führte, die ich durch Schnelligkeit hinter mir lassen wollte.

Diese Reise führte mich durch traumatische Erfahrungen doch ließ mich gleichzeitig auch die Meditation entdecken, innere Körperreisen. So fand ich neue Einsichten, die sich bald vertieften. Aus dem Krankenhaus entlassen, war ich ein anderer Mensch, der wusste, dass man Schmerzen halten und integrieren kann, durch die Hinwendung der bewussten Aufmerksamkeit und der Atmung. Dieses Wissen wollte ich weitergeben und vertiefen. Ich verliess meine Heimat Hamburg und begann in München eine Ausbildung zu Heilpraktikerin.

Meine Geh- und Stehschule mit dem Handicap Beinprothese fand ich im Taijijuan und Qi Gong. In der Heilpraktiker-Ganztagsschule lernte ich unter anderem die chinesische Medizin kennen, machte Ausbildungen in Diätetik, Kräuterheilkunde der Akupunktmassage und der traditionellen chinesischen Heilmassage TUINA. All dies half auch mir selbst beim Umgang mit Phantomschmerzen und Schmerzzuständen, bedingt durch den Unfall. So konnte ich mich schon bald wieder und bis heute für andere Menschen uneingeschränkt leben, bewegen, tanzen und meinen Beruf ausüben.

Zentriert und gehalten

Vom Trauma zum beseelten, verkörperten Sein

Vayu 2019

Seit 1987 arbeite ich in eigener Praxis inzwischen wieder in Hamburg und unterrichte mit nie abnehmender Begeisterung Qi Qong. Hier kann ich meine Haltung immer wieder so einüben, dass sie geerdet ist, mit Leichtigkeit zum Himmel aufgerichtet, den Schwerpunkt in der eigenen Mitte findend, im Unterbauch und in der Mittellinie des Körpers zentriert und gehalten. Im Traumasensiblen Qi Gongs lernen wir auf die Art und Weise mit diesen alten (zum Teil 5000 Jahre) Übungen umzugehen, dass wir gleichzeitig unser autonomes Nervensystem im Fokus haben.

Und dann spüren wir genau die Momente, wo z.B. unser Sympathisches Nervensystem“ abschaltet“, welches für Aktivität und Wachsamkeit steht und unser Parasympathisches Nervensystem „anschaltet“, welches für Entspannung und dem Gefühl der Bauchentspannung steht. Wir lernen uns auf diesen tiefen Ebenen zu regulieren, uns immer wieder zu stabilisieren und zu zentrieren in unserem Kernselbst. 70-80 Prozent der Organversorgung findet durch das autonome Nervensystem statt, viele Organ-Beschwerden haben hier ihre Wurzel. Dieses Wissen findet sich auch in der sehr differenzierten Psychosomatik in der chinesischen Medizin, die alten Chinesen wussten schon, dass zum Beispiel Zuviel Angst die Nieren schwächt, gleichzeitig, aber auch geschwächte Nieren zu vermehrter Angst führen. Insofern wird beim Qi Gong auf eine gute Versorgung der Organe mit Qi und Blut viel Wert gelegt, wie unter anderem den Heilenden Lauten.

Heute, mit 57 Jahren kann ich sagen, dass mein Unfall der wichtigste Wendepunkt in meinem Leben war. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte ich das Vertrauen, dass mein Leben erfüllt und sogar besser weitergeht, wenn ich trotz großer Veränderung eine neue Form finde, die mir und meinem Seelenauftrag entspricht. Ich bringe Menschen und mich selbst, immer wieder in tiefe Berührung mit ihrer Urkraft und dem Lebensstrom. Es gibt ein altes chines. Sprichwort:“ Wer Fisch essen will, muß täglich fischen.“ Das heißt für mich tägliches üben, mit den Herausforderungen, die das Leben an uns stellt, so umzugehen, dass wir sie annehmen und bemeistern, indem wir uns immer wieder in unserer Mitte zentrieren und in ihr Halt finden.

Vom Trauma zum beseelten, verkörperten Sein

Vayu Anke Dockendorff

Zur Person: Vayu Anke Dockendorff beschäftigt sich neben und nach ihrer Heilpraktikerausbildung und dem Qi Gong auch mit Psychotherapie, geistigen Heilweisen. Lernte die lösungsfokussierte Kurzzeitherapie, Reiki, P.A.C.E und Entwicklungstraumaheilung (NARM) kennen und weitergeben. Beim NARM werden Überlebensstrategien überprüft, die wir durch frühe Bindungsstörungen entwickeln, im späteren Erwachsenenleben stellen sie eine Behinderung dar, mit unseren Mitmenschen wirklich in einen tiefen nährenden Kontakt zu treten. In meiner Arbeit helfe ich Menschen diese falschen Identitäten/Körperhaltungen zu erkennen und sie durch Bewusstheit und Übung in förderliche Haltungen zu wandeln. Dieses findet sowohl auf der körperlichen sowie der psychischen und auch der mentalen Ebene statt. Sie arbeitet und lebt mit ihrer Familie in Hamburgs Westen. Mehr auf ihrer Webseite.

Am Wochenende 31.8./1.9.2019 gibt Vayu erstmals im Yogini Dome an der Elbeeinen Qi Gong Workshop. Hier mehr. Oder auf der Webseite

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2 Kommentare zu “Vom Trauma zum beseelten, verkörperten Sein
  1. Avatar Kerstin sagt:

    Danke!
    Ich möchte fischen!

  2. Avatar Saran. sagt:

    Ein altes chinesisches Sprichwort sagt:“ Wer Fisch essen will, muß täglich fischen.“
    Danke Vayu Anke fürs Teilen deiner wunderbaren und intimen Geschichte. Ich auch Kerstin. Sehe die ganzen Fische, die sich mir in ihrer Liebe anbieten. Gehe jetzt eine Stunde mit meiner lieben Frau meditieren. Danke.

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