März – Frühlingsahnen …

Lesezeit 8 Minuten –

Von Dorothee Kanitz. Die Sonne gewinnt an Kraft – mittags, in vollem Sonnenschein, ist es /fast) warm. Und weil wir wissen: Es kann jederzeit noch mal richtig kalt werden, genießt man sie besonders. Und ja, am 1. März fängt der meteorologische Frühling an und am 20. März der kalendarische — welch ein Glück!

Freuen wir uns also auf den Frühling, genießen ihn, wo er sich schon zeigt und erlauben wir dem Winter, sich noch gebührend zu verabschieden. Und lassen wir uns ein auf dieses Wechselbad der Gefühle und der Jahreszeiten …

Und fühlen uns ein in die März-Qualität:

Frühlingserwachen und Respekt vor dem Durchbruch in die Sichtbarkeit, Abschütteln der Winterschwere und zartes Beginnen, Ausbalancieren von winterlicher Kälte und frühlingshafter Wärme, munteres Vogelgezwitscher und Frühjahrsmüdigkeit, Tag– und Nachtgleiche.

Vier Minuten mehr Licht … jeden Tag jetzt — bis zur Tag- und Nachtgleiche am 20. März, bis zum Frühlingsanfang. Da regen sich die Lebensgeister: Morgens singen die Vögel wieder fröhlich, sie fliegen auch anders als noch vor einem Monat. Fast scheinen sie schon Nester bauen zu wollen. Von Süden kommen die ersten Zugvögel wieder zurück, der eine oder andere Storch wird gesichtet.

Es will / soll Frühling werden, ich spüre diese Sehnsucht, diese Energie, die schon zieht. Und es gibt Tage, da kann ich dieser Sehnsucht nachgeben, da fühlt es sich nach Frühling an: Die Sonne scheint warm, die Krokusse blühen, die ersten Spitzen von Osterglocken und Tulpen zeigen sich draußen, ganz zu schweigen von Weidenkätzchen und Birkenblüten und den ersten Wildkräutern.

Ich halte das Gesicht in die Sonne und tanke auf — Licht, Wärme, Energie.
Der Balkon wird aufgeräumt, die Spuren des Winters aus dem Haus gefegt — Frühjahrsputz außen und innen.

Vielleicht sogar Fasten — körperlicher Verzicht auf das ein oder andere, das im Winter so gut tat … oder auch auf Plastik, gerade jetzt, wo Mutter Erde wach wird.
Die Kinder sind draußen wieder zu hören, auf dem Gehweg leuchtet ein mit Straßenkreide gemaltes Frühlingsbild vom Sonnenschein.

Doch der Winter ist nicht vorbei — da sind die anderen Tage, wo es wieder richtig kalt wird , es schneit sogar, bleibt den ganzen Tag trübe, und dieses Wechselbad ist schwer auszuhalten.

Nicht nur für mich: Wie geht es den jungen Trieben, wie viel Kälte (und vor allem wie lange) können sie ab? Sie sind ja robuster als man glauben möchte, diese so zarten Pflanzen (wie feingliedrig so ein Krokus ist!) – und doch: Manch neugieriger Frühblüher (er)friert auch, wenn es länger wieder richtig kalt wird.

Noch sind die Nächte länger als die Tage, noch ist es nicht Frühling.

Noch sind die Bäume kahl, das allererste Grün sprießt zwar schon an manchen Stellen, die ersten Frühlingsblüher blühen — doch vom reichen Überfluss sind wir weit entfernt. Früher war dies quasi von selbst eine Zeit des Fastens, die Wintervorräte waren aufgebraucht, das Neue noch nicht ausreichend da.

Insofern liegt es uns sozusagen „im Blut“, in dieser Jahreszeit zu fasten. Auch heute gibt es viele Gründe für eine Frühjahrs-Fastenkur. Reinigung innen und außen, ich schrieb es schon.

Freiwilliger Verzicht kann gut tun.

Bärlauch, Brennessel und Löwenzahn reinigen (da sind Winterschlacken, die weg dürfen) und versorgen uns gleichzeitig mit ihrer Frühjahrskraft — sie sind voll von Vitaminen und Mineralstoffen, wirken entgiftend und können jede Fastenkur bereichern.

Und auch innen können wir jetzt mal schauen, was von dem, was wir in der Dunkelheit gesehen und erlebt haben, wirklich ans Licht will, und was auch ausgeräumt werden darf, um Platz zu machen für Licht und Leben.

Im christlichen Kalender ist Fastenzeit, Passionszeit, vorösterliche Leidenszeit?

Ich habe mich oft gefragt, warum wir Christen 7 Wochen leiden sollen, wo Jesus selbst doch nur 3 Tage gelitten hat. Und unmittelbar vor seiner Verhaftung noch gefeiert hat.

Passion heißt allerdings nicht nur „Leiden“, sondern auch „Leiden­­schaft“.

Und dass Jesus leidenschaftlich und gern gelebt hat, da bin ich sicher.

Und wer leidenschaftlich lebt, eckt an. Leidet sicher auch — und das nicht nur am Kreuz (so furchtbar das ist), sondern auch unter der Ignoranz und Dickfelligkeit der Anderen, unter dem Unverständnis für sein Anliegen, ihre Leidenschaft.

Leidenschaft und Leiden — das scheint mir doch zum März zu passen.
Wir erleben Widersprüchlichkeit, vielleicht sogar Kampf: Da ist das, was leidenschaftlich ans Licht drängt, wachsen und grünen will — und da ist die Kälte, die es hindert, leiden lässt, die das Leben aufhalten will.

Wo liegt dein Leiden? Wo liegt deine Leidenschaft? Und: Haben sie miteinander zu tun, ringen sie miteinander, hängt das eine vom anderen ab?

Wenn du leidest: Wo im Körper spürst du das?
Und wo deine Leidenschaft?

Gibt es etwas, auf das du verzichten möchtest, weil es deine Leidenschaft verhindert?

Das sind Fragen (nicht nur) für diesen Monat.

Fragen, die ich auch nicht immer beantworten kann, und doch Fragen, die es lohnen, immer wieder gestellt und mit und in mir getragen zu werden.

Und vielleicht kommen sie ja — wie die Sonne zur Tag– und Nacht­gleiche — für einen Moment ins Gleichgewicht (um dann wieder ins Schaukeln zu geraten).

Am 20. März (dieses Jahr, manchmal auch am 21. März), sind Tag und Nacht für einen Moment im Gleichgewicht, gleich lang—es ist, als hielte die Erde für einen Moment den Atem an. Hell und Dunkel, diese beiden Antriebskräfte für das Leben, sind in perfekter Balance.

(Ist das nicht interessant für uns, die wir so gern immer im Gleichgewicht sein wollen: Dass die Erde, auf und von der wir leben, nur zweimal im Jahr an diesen Punkt kommt? Warum denken wir, wir müssten das dauernd schaffen?)

Und dann beginnt die Bewegung wieder und führt uns in die helle, energiereiche Hälfte des Jahres, in der wir mehr nach außen gerichtet aktiv werden.

Doch halten wir für einen Moment inne; schauen wir zurück in die dunkle Hälfte des Jahres, die Ende September begann und uns in die Dunkelheit des Winters geführt hat. Welchen Schatten sind wir begegnet, in welcher Höhle haben wir überwintert, welche Träume haben wir kreiert, wie sehr konnten wir unsere innere Welt umarmen?
Ein kleiner Dank an die Dunkelheit, eine stille Verneigung — und dann wenden wir uns fröhlich und leichten Herzens der hellen Zeit zu, in der wir wieder aktiver werden, unsere Träume in die Welt, zur Blüte bringen — unterstützt vom Licht und der Energie des Frühlings.

Und was ist das für eine Energie!

Sie wird ja nicht erst am 20. März spürbar, sie begleitet uns schon länger, spätestens seit dem 2. Februar, als wir an Lichtmess die längeren Tage bemerkten.
Doch jetzt erwacht sie quasi explosionsartig, bricht durch die dunkle Erde und wir sehen die ersten Blüten und Farben.

Gerade noch war die Erde gefroren und sozusagen undurchdringlich, jetzt wärmt sie sich auf und lässt den Keim sprießen und durch sie durchbrechen, dann bildet sich die Knospe, wird dicker und dicker, bis die Energie so stark wird, dass sie aufbricht und blüht.

In uns drängt etwas zur Veränderung, wandelt sich die Energie sehr dynamisch. Was letzten Monat noch zart keimte, will jetzt aufbrechen. Energie hat sich angestaut, nun will sie heraus. Das Samenkorn, das wir in den Raunächten gesät und im Januar und Februar in uns getragen haben, will ans Licht, an die Oberfläche, will sich zeigen. Das ist keine Kleinigkeit — das erfordert höchste Energie und enormen Kraftaufwand. Dieser Schritt ist nicht einfach, in gewisser Hinsicht gleicht er dem Schmerz und der Anstrengung einer Geburt.

Der Übergang von der Geborgenheit und dem Schutz der Dunkelheit ins helle Licht, in die offene Weite, ist mühevoll und in vieler Hinsicht ein Schock. Und gleichzeitig reizvoll und not-wändig.

Schauen wir:

Was genau will da in mir ans Licht? Von all den Ideen ist vielleicht nicht jede keim-reif geworden.
Ist mein Boden, mein innerer Nährboden reich genug, um für mehrere Projekte, Leidenschaften, Seelenwünsche zu sorgen? Wie kann ich ihn anreichern, lockern, womit gießen?
Oder entscheide ich mich für einen Keimling, dem ich mich ausschließlich und besonders sorgfältig zuwende, der meine ganze Fürsorge braucht?
Was will ich nähren und welche Nahrung braucht es?
Was gibt mir oder meinem neuen Pflänzchen Kraft, was stärkt mich, was tut mir gut?
Was hindert das (neue) Leben in mir daran zu wachsen und sich zu entfalten?

Du kannst hier etwas aufschreiben, oder es dir ganz genau ausmalen, du kannst auch zum Frühlingsbeginn einen Samen aussäen oder eine Zwiebel in die Erde stecken, die dein Projekt, deinen Wunsch, dein „Kind“ symbolisierten und die du dann versorgst und deren Wachstum du begleitest.

Und danke dir für diese Zeit mit dir selbst – und danke der Wilden, All-Umfassenden, Lebendigen Kraft, die alles durchwebt (wie auch immer du sie nennst).

Danke.

So segne dich
die lebendige Kraft
des Lebens, des Frühlings, der Erde
dass du dein Herz klopfen spürst
deinen Durchbruch geschehen lassen kannst
deine Knospen entfaltest und nährst, das Leben liebst.

Dorothee Kanitz, auf dem Weg zur wilden, weisen Frau, Mutter und Großmutter. Mein beruflicher Weg hat mich von einer kaufmännischen Ausbildung zum Theologiestudium und dann 25 Jahren als Pastorin geführt. Jetzt begleite ich Meditierende und Menschen, die sich auf die Zeit nach dem Berufsleben vorbereiten wollen, feiere Jahreskreisrituale und biete bei Bedarf rituelle Begleitung zu Lebensfesten (Willkommensfeste, Abschiedsfeiern u.a.) an. Und nehme mir viel Zeit mit und in der Natur. Und wenn ich da Impulse bekomme, dann schreibe ich gern.
www.meditation-spirit-ritual.de

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Gastbeitrag
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Viele wertvolle Gastautorinnen und -autoren unterstützen und schreiben für die Newslichter. Informationen zu der jeweiligen Person finden sich am Ende des Autorentextes.

5 Kommentare

  1. Was für ein kraftvoller Text, Dorothee 🙂
    Und welche Fragen … „Gibt es etwas, auf das du verzichten möchtest, weil es deine Leidenschaft verhindert?“ Tatttatttatttaaaaaaa!!!!! Umarme Dich!

  2. Dankeschön für diese vielen kraftvollen Fragen und Inspirationen! Deine Texte sind sehr nährend 🙏🏿 lese dich sehr gerne! Herzlichst Ulrike 💝

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