Sichtbar werden. Gut sein?

Lesezeit 4 Minuten –

Von Dorothee Kanitz. Sichtbar werden – eins meiner „Ziele“ für dieses Jahr. (Habe ich auch von manch anderer so gehört.) Eine gute Idee – und es gelingt auch immer wieder. Doch sichtbar werden mit etwas, von dem ich weiß, dass es einem anderen weh tut – da wird es schwierig. Kann ich das? Darf ich das?

Sofort springen die alten Programme an, wie „lieb sein“, „ein guter Mensch sein“, „nicht auf Kosten anderer“.
Da ist mein schlechtes Gewissen gleich auf dem Plan.

Plötzlich bin ich 2 Jahre alt, will mein Spielzeug nicht abgeben, sondern selbst und für mich behalten – und weiß gleichzeitig, ich will doch gut sein, damit Mami mich liebhat.

Dieses Muster ist überholt, oder?

Offenbar nicht immer, nicht in jeder Situation.
Der Satz „Ich verabschiede das Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein“ ist keiner, den ich ganz locker sprechen kann, schon gar nicht, wenn er auf Kosten eines/einer anderen geht.

„Das Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein“ – was für eine Hypothek!
Bei mir hängt er mit meiner christlichen Sozialisation zusammen. Und, natürlich, als Älteste von vier Kindern „musste“ ich halt nachgeben / vernünftig / verantwortlich sein.
„Die Klügere gibt nach!“ wie oft habe ich das gehört (nicht nur ich, dennoch…).
Ja, das sind alte Muster, die nicht mehr gelten müssen. Jetzt entscheide ich selbst (oft jedenfalls). Keine alten Geschichten mehr – dafür darf mein Herz mich führen. Sehr gut. – – –

Ich habe noch einmal nachgedacht.
Über das Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein.
Das ist ja nichts Schlechtes.
Es engt nur meinen Handlungsspielraum ein.
Und fragt nicht mein Herz, sondern einen Maßstab, der nicht von mir, sondern von anderen – die etwas für sich oder noch andere wollen – gesetzt wird.
Vom Patriarchat zum Beispiel.
Oder dem, was für Eltern gerade am wenigsten anstrengend ist (oder für Lehrerinnen oder so).
Und bezieht sich zuerst natürlich nicht auf einen erwachsenen Menschen, sondern auf ein (zu erziehendes!) Kind. Das ein gutes Kind sein muss, wenn es ein guter Mensch (später mal, noch ist es ja eh imperfekt, weil ein Kind) werden will. Auch, wenn es einfach „nur“ dazugehören und geliebt werden will.

Was für ein Konstrukt!

So ein gutes Kind ist (war, hoffe ich für alle Kinder!) lieb, freundlich, gibt nach, streitet nicht, lernt fleißig, teilt Spielsachen und Futter. Und haut natürlich keinen, sondern kümmert sich – vorzugsweise um die Kleineren, Schwächeren.
Versteckt die eigene Stärke meistens um keinen zu erschrecken oder so.
Ist eben gut.
Das ist zwar unerreichbar, doch viele, viel zu viele, Kinder versuchen es.

Verhalten sich angepasst, angepasst an das, was für die Bezugsperson – wer auch immer sie gerade ist -, gut und richtig ist.
Manchmal muss es raten, weil das ja wechselt mit den Umständen und den Personen.
So wird das gute Kind auch einfühlsam. Außer in Bezug auf sich selbst.

Doch irgendwann vielleicht sehr, sehr viel später wacht das erwachsene „gute Kind“ auf und spürt, dass viele der „guten“ Entscheidungen gar nicht seine eigenen waren.

Keine Herzensentscheidungen, aus denen die Seele sprach.
Sondern eine Konditionierung, auch gespeist aus der Angst vor Liebesentzug und nicht gut sein.
Das tut weh in unterschiedlichster Hinsicht.

Sehr alter Schmerz kommt hoch, vielleicht auch über verschenkte Möglichkeiten.

Ja. Und doch tut er gut, der Schmerz, darf gefühlt werden und verabschiedet.

Das „gute“ Kind entscheidet jetzt selbst. Nicht nach gut oder böse, das spielt keine Rolle mehr.
Denn das ist eine unsinnige Kategorie.
Eine Kategorie, die immer hinterfragt werden will danach, durch wen und zu wessen Nutzen hier ein „gut“ definiert wird.
Die Erwachsene befragt ihr Herz, wenn sie entscheidet.
Anfangs ist das gar nicht so leicht, weil so viele andere konditionierte Stimmen mitreden.
Sie lernt ein paar Techniken.
Wie fühlt es sich im Körper an?
Sie findet Freund*innen, die sie erinnern, auch hinterfragen.
Und sie lernt sich und ihr Herz besser kennen.
Sie fürchtet falsche Entscheidungen weniger, denn die gibt es nicht.
Sie lernt und übt und lebt und liebt und weint und lacht.
Und hört ihr Herz immer besser.
Und macht Schritt um Schritt in ein neues Leben.
Oder so ähnlich.

„Ich verabschiede mich davon, ein guter Mensch (eine gute Frau) zu sein“.
Ja, das ist ein einschneidender Satz. Will ich den wirklich loslassen?

Jedenfalls ist es ein Satz, den ich aller Voraussicht nach immer wieder neu loslassen muss.
Also ein Satz zum Üben. Denn: Ich bin eine Meisterin, die übt.
Auch das.
Ja. Und dann kann ich – immer wieder und immer öfter – aus freiem Herzen entscheiden … Wow!

Ich begleite Meditierende und Menschen, die sich auf die Zeit nach dem Berufsleben vorbereiten wollen, feiere Jahreskreisrituale und biete bei Bedarf rituelle Begleitung zu Lebensfesten (Willkommensfeste, Abschiedsfeiern u.a.) an. Und nehme mir viel Zeit mit und in der Natur. Und ich schreibe gern. www.meditation-spirit-ritual.de

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9 Kommentare

  1. Guten Morgen und dank dir Dorothee – für dein Teilen! Ich genieße es als etwas Kostbares, lesend von dir zu erfahren. Dass auch du diesen Entfaltungs-, Befreiungsraum entdeckst. Erweiterst. Zu dir hinwächst. Feine Ermutigung für mich. Schönes Sein im Wissen um den Weg, auf dem wir zu so vielen, vielen unterwegs sind! Ein Zitat von Viola Davis, der großartigen afroamerikanischen Schauspielerin, das ich dieser Tage von ihr mehrfach hörte: „Wann immer du vor die Wahl gestellt bist, entweder jemand anderes oder dich selbst zu enttäuschen, wähle immer die anderen.“ Und ja, das ist ein Projekt, es zu leben ein Prozess. Zu mir stehen. Entdecken, wie das geht. Gute Reise uns allen!

    • Miriam, ich muss Dir das hier einmal ganz öffentlich sagen: die Feinheit deiner Empfindungen und Worte, das Wohlwollende, Friedfertige und Fördernde strahlt so aus deinen Zeilen. Das ist etwas ganz besonnderes. Danke Dir !

    • Danke, liebe Miriam! Für dein einfühlsames Verständnis, in liebevolle Worte verpackt, für den Satz von Viola Davis und die Er-innerung, dass wir so viele sind auf dieser Reise. Danke.

  2. Liebe Dorothee,
    Dein Artikel ist mir von einer guten Freundin weitergeleitet worden und ich habe ihn mit großer Freude und weit offenem Herzen gelesen. Vielen Dank!
    Ich nehme als Affirmation daraus mit: “Ich verabschiede mich davon, eine brave Frau zu sein.“
    “brav“ steht dann für “gut“ und damit kann ich im Moment mehr anfangen.
    Viele liebe Grüße
    Stefanie

    • Danke für die Ergänzung. Das war auch meine Empfindung. Das Bestreben ein guter Mensch zu sein halte ich für wertvoll und möchte ich nicht loslassen. Aber gut im Sinne von brav, angepasst und ’schön lieb‘ ist schon lange keine Option mehr. Nur manchmal fällt es noch schwer, das zu unterscheiden.

  3. Vielen Dank für diesen schönen zuversichtlichen Text.
    Ich kenne die umgekehrte Variante: anstatt brav, lieb und angepasst zu sein, war ich rebellisch, provokativ und (für andere) extrovertiert (als Schutz für meinen sensiblen und verletzlichen Anteil).
    Bis ich im Laufe meines Lebens herausfand, dass dieses Verhalten die Kehrseite derselben Medaille ist. Die Melodie der Überanpassung habe ich zwar nicht in Deutschland gespielt, aber in den exotischen Ländern, in denen ich gelebt habe, auf der Suche nach Liebe.
    Mir gefällt die Frage nach dem Nutzen:

    „Was habe ich davon, lieb, brav und angepasst zu sein?“
    Die (ehrliche) Antwort führt dazu, dass man sich selbst auf die Schliche kommt. Wir haben immer irgendeinen Nutzen von unserem Verhalten, solange wir nicht dauerhaft in der Liebe sind, stabil mit unserem Herzen verbunden.

    Segen, Kraft und Liebe ♥

  4. Vielen Dank, ihr Lieben, für eure Kommentare. Dafür, dass Ihr euch habt berühren lassen und den Text in eurem Sinne adaptiert, das freut mich. Gerne könnt ihr – für euch – gut durch brav ersetzen. Mir war es allerdings wichtig, genau diese moralische Wertung von „das ist gut, das ist böse“ zu hinterfragen. Auch meine unschönen Anteile (und die der anderen!) sind Teil von mir und ich will sie neu ansehen …doch das ist noch ein neuer Text. Danke für eure Kommentare!

  5. Du bist witzig!! In einem Satz: „Sichtbar werden – eins meiner „Ziele“ für dieses Jahr. (Habe ich auch von manch anderer so gehört.)“ Da versteckst Du Dich schon wieder!! Später nochmal: „„Die Klügere gibt nach!“ wie oft habe ich das gehört (nicht nur ich, dennoch…). Ich weiß, wie schwierig es ist Dorothee. Habe auch meine Fälle.

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