Hoch-Zeit

Lesezeit 5 Minuten –

Foto: Dorothee Kanitz Von Dorothee Kanitz. Sonnenwend-Zeit. Hoch-Zeit. Lange Tage. Kurze Nächte. Halb-Jahr. Zeit zum Feiern. Zeit zum Innehalten. Zeit zu berühren und berührt zu werden.

Für mich auch Seminarzeit.
Zehn Frauen aller Altersstufen nehmen sich zwei Tage Zeit, um all das zu tun.
Gemeinsam und aus dem Seelengrund. Tanzend, schweigend, (Rituale) feiernd, singend, am Feuer stehend und nachher die Asche hütend/verteilend an sich, den großen Klostergarten und die Welt.

Sie stehen draußen im Innenhof des Klosters, umgeben von der sommerlichen Fülle, durch den Regen gestern leuchtet das Grün, die Rosen, die die Rand des Hofes und der Wiese begrenzen, duften und füllen die Luft, bunte Blumen beglücken das Auge. In der Mitte der Frauen steht ein wundervoller Blumenstrauß – aus dem Klostergarten -, eine Kerze brennt, leuchtende Sommerfrüchte stehen bereit … Sommerfülle pur.
Sie kosten die Früchte und in ihrem Geschmack erkennen sie den Geschmack der eigenen Früchte, die sie hervorgebracht haben. Die Früchte ihres Lebens, die Früchte des ersten Halbjahrs 2023.

Auch da, in ihnen, durch sie, ist Fülle. Zuerst vielleicht gar nicht wahrgenommen, für selbstverständlich erachtet – sie haben sie hervorgebracht wie die Beerensträucher ihre Beeren, von ihnen selbst fast unbemerkt und bei manchen (von sich selbst) wenig beachtet. Bei anderen liegen die Früchte des Halbjahrs prall und beglückend in ihnen, ganz obenauf und zutiefst berührend.

So schauen sie zurück auf die erste Hälfte des Jahres:
Was war, was war gut?
Und auch: Was war schwer, wofür bin ich tief dankbar, wo habe ich Widerstände gegen das, was gewesen oder wie es gewesen ist.

Sie teilen die Früchte, die Beeren und das, was ihre Seele und ihr Körper an Frucht getragen hat in den ersten sechs Monaten des Jahres.
Auch die schmerzlichen Früchte, die (Körper-)Erfahrungen, die hier, in dieser achtsamen und liebevollen Runde, deutlich machen:
Das will meine Seele nicht mehr. Oder: So will ich es nicht mehr. Nein.
Gleichzeitig macht sich Dankbarkeit breit, macht die Herzen weit – und in dieser Weite darf alles da sein, alles kann angenommen werden und gehört zur Fülle dieses Halbjahres, ganz bewusst wahrgenommen an diesem Tag.

Sie ziehen aus, ziehen los und sammeln Blüten, Früchte, Blätter, Zapfen, Zweige, Gräser, sogar ein Buch wird gefunden und (natürlich oder leider) auch Müll. Alles findet seinen Platz im Sonnen-Mandala, das sie gemeinsam und jede für sich legen.

Sie stehen und staunen: So viel (Sommer-)Fülle. So viele kleine Kostbarkeiten – selbst der Müll sieht hier, wo er einen Platz gefunden hat, „richtig“ aus. Sie stehen und staunen, betrachten das Werk, das eigene und wie es mit dem der anderen Frauen zusammenklingt …

Und sie fühlen in sich hinein: Was will Raum bekommen in der zweiten Jahreshälfte, sich ent-falten, mehr oder neue Früchte tragen?
Wer möchte, kann das in der Kreismitte, im Zentrum des Mandalas aussprechen, von den anderen be-zeugen lassen. Das hat eine eigene, erstaunliche Kraft.
Danke, ja so sei es.

Alle treten in diese Kraft und die anderen bezeugen. Schweigend und stark und sehr, sehr liebevoll. Und jede ist auf ihre Weise berührt.
In einer erst größer, dann wieder kleiner werdenden Spirale tanzen sie um ihr Mandala, mit Irias Spirallied „Ich gehe und gehe und weite die Kreise, ich gehe zum Ursprung und Ziel. Ich gehe die Pfade der großen Spirale und singe das uralte Lied“.

Ja, uralt, archaisch fühlt es sich an, so im Kreis, in der Spirale zu gehen, ganz darin zu sein und von der eigenen Seele geküsst zu werden. Und von Etwas, Einer/m, die alles übersteigt, das Leben selbst ist und die All-Seele, vielleicht auch Göttin/Gott. Zu groß für einen Namen.

Mit dem Auftrag, auf ein Blatt Papier ihre erste Jahreshälfte zu schreiben oder malen, kreuz und quer, rund oder eckig, jedenfalls nicht ziel- oder schnur-gerade, sondern wild und lebendig, und auf ein zweites Blatt ihre Wünsche/Bitten/Gebete für die zweite Jahreshälfte genauso, gehen sie auseinander. (Danke an Adelheid Brunner für die Idee!)

Ein, zwei komprimierte Worte, auf zwei kleine Zettel geschrieben, für jede Jahreshälfte, bringen sie abends mit zum Feuer. Bis die Flammen alles Holz erfasst haben singen sie, tanzen sie, schauen in die Flammen und dem Rauch hinterher, wie er nach oben steigt. In den Himmel, an dem die zunehmende Mondin steht und zuschaut. Dann geben alle ihren Dank, ihr Bitte ins Feuer – und auch noch einmal von den Kräutern und den welkenden Blüten des Mandalas – dass es transformiert und gewandelt werden möge zu etwas, das ihnen und dem „großen Ganzen“ der Erdenfamilie dient.

Schließlich ist es vollbracht und die Feier beginnt … für die, die es nicht vorziehen, mit dem Erlebten schweigend in den Garten oder ins Bett zu gehen. Das Feuer brennt herunter und dann kommen die Glühwürmchen mit ihrer Lichtmagie – so schön, DANKE.

Nach dem Frühstück stehen alle um die inzwischen kalte Asche. Sie darf die zweite Jahreshälfte fruchtbar machen. Jede füllt sich für zuhause etwas davon in ein kleines Gläschen oder Fläschchen ein, als Erinnerung oder um es im Garten oder auf dem Balkon auszustreuen. Etwas verteilt jede im Garten mit dem Dank für seine Früchte und seine Blütenfülle, die diese Tage so unterstützt haben. Und etwas kommt in den Bach, der die leichten Ascheflocken symbolisch in die Welt trägt … dass sich auch dort eine (Ver-)Wandlung vollziehen möge zu neuer und gerechter und natürlicher Fülle.

Ein gemeinsamer Abschied im Kreis – singend, tanzend, sprechend – macht noch einmal deutlich, wie tief und berührend die sommerlichen Fülle-Tage waren, wie beglückend die Gemeinschaft und der Sommer. Der ja gerade erst anfängt.

Und alle sind sich einig: Es sollte ein Sommer-Weihnachten geben, Feiertage zur Sonnenwende, zum Johannistag (am 24.6.), zur Hoch-Zeit. Zum Innehalten auf der Jahresmitte und um die Seele glücklich und weit zu machen.

Dorothee Kanitz Ritualleiterin, Meditationsbegleiterin und Frau
www.meditation-spirit-ritual.de

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2 Kommentare

  1. Liebe Dorothee – dank dir für diesen so lebendig erfüllten Ausdruck gelebter Hoch-Zeit! Wollt dich schon fragen nach der Melodie von Irias Lied. Und fand sie auf ihrer Seite und in ihrer vor drei Jahren eingesungenen Liedapotheke. Wunderbar: „Ich gehe und gehe, weite die Kreise, gehe zum Ursprung und Ziel. Ich gehe die Pfade der großen Spirale und singe das uralte Lied“. Danke dafür!

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