Wenn die Sehnsucht größer wird als die Angst – Teil 2

Lesezeit 10 Minuten –

Die Geschichte von „Springende Maus“, eine Initiationsgeschichte der Cheyenne-Indianer Teil 2. Die Erinnerung brannte im Geist und im Herzen von Springende Maus und eines Tages ging er zum Rande des Flussortes. Springende Maus ging bis zum Rande des Ortes der Mäuse und blickte auf die Prärie. Er blickte hoch, um nach Adlern zu sehen. Der Himmel war voll von vielen Flecken, jeder einzelne ein Adler.

Aber er war entschlossen, zu den Heiligen Bergen zu gehen. Er sammelte all seinen Mut und lief so schnell er konnte auf die Prärie. Sein kleines Herz hämmerte vor Aufregung und Angst. Er lief, bis er zu einer mit Salbei bewachsenen Stelle kam. Er rastete und versuchte, wieder Luft zu schöpfen, als er eine alte Maus sah. Der Flecken Salbei, auf dem Alte Maus lebte, war ein Zufluchtsplatz für Mäuse. Samen waren reichlich vorhanden und es gab Nestmaterial und auch sonst viele Dinge, um sich zu beschäftigen.

„Hallo“, sagte Alte Maus. „Willkommen.“ Springende Maus war erstaunt. So ein Platz und so eine Maus. „Du bist wahrhaftig eine große Maus“, sagte Springende Maus mit all dem Respekt, den er aufbringen konnte. „Dies ist wahrhaftig ein wunderbarer Platz. Und die Adler können dich hier auch nicht sehen“, sagte Springende Maus. „Ja“, sagte Alte Maus, „und man kann von hier aus alle Wesen der Prärie sehen: den Büffel, die Antilope, den Hasen und den Coyoten. Man kann sie alle von hier aus sehen und ihre Namen kennen lernen.“ „Das ist wunderbar“, sagte Springende Maus.

„Kannst du auch den Fluss und die großen Berge sehen?“ „Ja und nein“, sagte Alte Maus mit Überzeugung. „Ich weiß, dass es den großen Fluss gibt. Aber ich befürchte, dass die großen Berge nur eine Sage sind. Vergiss deine Sehnsucht danach, sie zu sehen und bleib hier bei mir. Hier gibt es alles, was du möchtest und es ist ein guter Platz zum Leben.“ „Wie kann er so etwas sagen?“ dachte Springende Maus. „Die Medizin der Heiligen Berge ist nicht etwas, das man vergessen kann. Ich danke dir sehr für das Mahl, dass du mit mir teiltest, Alte Maus und auch dafür, dass du dein großes Heim mit mir geteilt hast“, sagte Springende Maus. „Aber ich muss die Heiligen Berge suchen.“

„Du bist ein dummer Mäuserich, wenn du von hier fort gehst. Es ist gefährlich auf der Prärie! Sieh nur dort oben!“ sagte Alte Maus, mit noch mehr Überzeugung. „Sieh all diese Flecken! Es sind Adler und sie werden dich erwischen!“ Es war schwer für Springende Maus, fortzugehen, aber er sammelte seinen ganzen Willen und lief schnell weiter. Das Gelände war rau. Aber er krümmte seinen Schwanz und lief mit aller Kraft. Er konnte die Schatten der Flecken auf seinem Rücken fühlen, während er rannte. All diese Flecken!

Endlich lief er in eine Gruppe von Wildbeerensträuchern hinein. Springende Maus konnte kaum seinen Augen trauen. Hier war es kühl und sehr geräumig. Es gab Wasser, Beeren und Samen zu fressen, Gräser zu sammeln für Nester, Löcher zu erforschen und viele, viele andere Beschäftigungen. Und da gab es auch eine große Menge von Dingen zum Sammeln. Er war dabei, seine neue Domäne zu erforschen, als er ein sehr schweres Atmen hörte. Er forschte rasch nach dem Geräusch und entdeckte seinen Ursprung. Es war ein großer Hügel aus Haaren mit schwarzen Hörnern. Es war ein großer Büffel.

Springende Maus konnte kaum die Größe des Wesens glauben, dass er dort vor sich sah. Es war so groß, dass Springende Maus in eines seiner Hörner hätte hineinkriechen können. „So ein prachtvolles Wesen“, dachte Springende Maus und schlich sich näher heran. „Hallo, mein Bruder“, sagte der Büffel. „Ich danke dir für deinen Besuch.“ „Hallo, großes Wesen“, sagte Springende Maus. „Warum liegst du hier?“ „Ich bin krank und sterbe“, sagte der Büffel, „und meine Medizin sagt mir, das nur das Auge einer Maus mich heilen kann. Aber kleiner Bruder, so etwas wie eine Maus gibt es nicht.“ Springende Maus war erschüttert. „Eines meiner Augen!“ dachte er. „Eines meiner winzigen Augen.“ Er huschte zu den Wildbeerensträuchern zurück. Aber das Atmen wurde schwerer und langsamer.

„Er wird sterben“, dachte Springende Maus, „wenn ich ihm nicht mein Auge gebe. Er ist ein zu großes Geschöpf, um ihn sterben zu lassen.“ Er ging dorthin zurück, wo der Büffel lag und sprach. „Ich bin eine Maus“, sagte er mit zitternder Stimme. „Und du, mein Bruder, bist ein großes Wesen. Ich kann dich nicht sterben lassen. Ich habe zwei Augen, also kannst du eines davon haben.“ Im gleichen Augenblick, als er es sagte, flog Springende Maus ein Auge aus seinem Kopf heraus und der Büffel war geheilt. Der Büffel sprang auf und erschütterte die ganze Welt von Springende Maus.

„Ich danke dir, mein kleiner Bruder“, sagte der Büffel. “Ich weiß von deiner Suche nach den Heiligen Bergen und von deinem Besuch am Fluss. Du hast mir das Leben geschenkt, so dass ich den Menschen Gaben machen kann. Ich werde für immer dein Bruder sein. Lauf unter meinem Bauch und ich werde dich bis zum Fuß der heiligen Berge bringen und du brauchst dich nicht vor den Flecken zu fürchten. Die Adler können dich nicht sehen, während du unter mir läufst. Alles, was sie sehen werden, ist der Rücken eines Büffels. Ich stamme aus der Prärie und würde auf dich fallen, wenn ich versuchen würde, auf die Berge hinaufzugehen.“

Kleiner Mäuserich lief unter dem Büffel, geschützt und versteckt vor den Flecken, aber mit nur einem Auge war es erschreckend. Die großen Hufe des Büffels erschütterten die ganze Welt jedes Mal, wenn er einen Schritt machte. Endlich kamen sie zu einem Platz und Büffel blieb stehen. „Hier muss ich dich verlassen, kleiner Bruder“, sagte der Büffel. „Ich danke dir sehr“, sagte Springende Maus. „Aber weißt du, es war sehr beängstigend, unter dir mit nur einem Auge zu laufen. Ich war ständig in Furcht vor deinen erderschütternden Hufen.“ „Deine Angst war umsonst“, sagte Büffel. „Denn meine Art des Gehens ist der Sonnentanzweg und ich weiß immer, worauf meine Hufe fallen werden. Ich muss nun in die Prärie zurückkehren, mein Bruder. Du kannst mich dort immer finden.“

Springende Maus begann sofort, seine neue Umgebung zu untersuchen. Da waren sogar noch mehr Dinge als an den anderen Plätzen, mehr Beschäftigungen und eine Vielfalt von Samen und anderen Sachen, die Mäuse mögen. Bei der Untersuchung dieser Sachen stieß er plötzlich auf einen grauen Wolf, der dasaß und absolut nichts tat. „Hallo, Bruder Wolf“, sagte Springende Maus. Die Ohren des Wolfes wurden aufmerksam und seine Augen leuchtete. „Wolf! Wolf! Ja, das ist es, was ich bin, ich bin ein Wolf!“ Aber dann erblasste sein Gesicht wieder und es dauerte nicht lange, bis er wieder still dasaß, ohne sich zu erinnern, wer er war. Jedes Mal, wenn Springende Maus ihn daran erinnerte, wer er war, wurde er durch die Mitteilung angeregt, vergaß es aber bald wieder.

„So ein großes Wesen“, dachte Springende Maus, „aber er hat kein Gedächtnis.“ Springende Maus ging zum Mittelpunkt dieses neuen Ortes und war still. Er lauschte sehr lange dem Pochen seines Herzens. Dann war er plötzlich entschlossen. Er huschte dorthin zurück, wo der Wolf saß und sprach. „Bruder Wolf“, sagte Springende Maus. „Wolf! Wolf!“ sagte der Wolf … „Bitte, Bruder Wolf“, sagte Springende Maus, „bitte hör mich an. Ich weiß, was dich heilen wird. Es ist eines meiner Augen. Und ich möchte es dir geben. Du bist ein größeres Wesen als ich. Ich bin nur eine Maus. Bitte nimm es an.“ Als Springende Maus aufhörte zu sprechen, flog sein Auge aus seinem Kopf, und der Wolf war geheilt. Tränen flossen die Backen des Wolfes herab, aber sein kleiner Bruder konnte sie nicht sehen, denn er war jetzt blind.

„Du bist ein großer Bruder“, sagte der Wolf, „denn jetzt habe ich mein Gedächtnis. Aber nun bist du blind. Ich bin der Führer zu den Heiligen Bergen. Ich werde dich hinbringen. Dort ist ein großer Medizinsee. Der schönste See der Welt. Die gesamte Welt spiegelt sich darin. Die Menschen, die Zelthäuser der Menschen und all die Wesen der Prärie und des Himmels.“ „Bitte bring mich hin“, sagte Springende Maus. Der Wolf führte ihn durch die Tannen zum Medizinsee. Springende Maus trank das Wasser aus dem See. Der Wolf beschrieb ihm die Schönheit. „Ich muss dich hier verlassen“, sagte der Wolf, „denn ich muss zurückkehren, damit ich andere führen kann, aber ich werde so lange bei dir bleiben, wie du es wünschst.“

„Ich danke dir, mein Bruder“, sagte Springende Maus, „aber obwohl ich Angst davor habe, allein zu sein, weiß ich, dass du gehen musst, um anderen den Weg zu diesem Platz zu zeigen.“ Springende Maus saß da und zitterte vor Angst. Es war sinnlos zu laufen, denn er war blind, aber er wusste, dass ihn hier ein Adler finden würde. Er fühlte einen Schatten auf seinem Rücken und hörte das Geräusch, das Adler machen. Er spannte sich an für den Schlag. Und der Adler traf! Springende Maus schlief ein.

Dann wachte er auf. Die Überraschung, noch am Leben zu sein, war groß, aber jetzt konnte er sehen! Alles war verschwommen, aber die Farben waren wunderschön. „Ich kann sehen! Ich kann sehen!“ sagte Springende Maus immer wieder. Eine verschwommene Form kam auf Springende Maus zu. Springende Maus kniff die Augen fest zusammen, aber die Form blieb verschwommen.

„Hallo, Bruder“, sagte eine Stimme. „Willst du etwas Medizin?“ „Etwas Medizin für mich?“ fragte Springende Maus. „Ja! Ja!“ „Dann duck dich so tief du kannst“, sagte die Stimme, „und spring so hoch du kannst.“ Springende Maus tat, wie man ihn geheißen hatte. Er duckte sich so tief er konnte und sprang! Der Wind fing ihn auf und trug ihn höher. „Hab keine Angst“, rief ihm die Stimme zu. „Klammere dich an den Wind und hab Vertrauen!“ Springende Maus tat es. Er schloss seine Augen und klammerte sich an den Wind und der trug ihn höher und höher. Springende Maus öffnete seine Augen und sie waren klar und je höher er kam, desto klarer wurden sie. Springende Maus sah seinen alten Freund auf einem Seerosenpolster auf dem wunderschönen Medizinsee. Es war der Frosch.

„Du hast einen neuen Namen“, rief der Frosch. „Du bist Adler!“

Buchtipp: „Sieben Pfeile“ von Hyemeyohsts Storm zeigt nicht eine andere Welt – das Buch selbst ist eine andere Welt, in die wir – lesend – eintreten. Bilder und Text bieten nicht nur hinreißende Schönheiten zur Betrachtung und Kontemplation, sondern erschließen – zumal für uns Europäer – einen neuen Raum der Erfahrung. Und dieser Raum enthält nicht mehr und nicht weniger als dies: Möglichkeiten einer besseren Erfahrung von uns selbst. Heute ist viel von „alternativem Leben“ die Rede. In Sieben Pfeile ist ein Angebot darauf konkretisiert. Nicht das „Weltbild“ eines bestimmten Indianerstamms übt diese Faszination aus; das wäre, für sich genommen, schwer übertragbar; sondern ein anderes Verhältnis zur Natur, zur Natur in uns, wird eröffnet: Mitmenschlichkeit in der Brüderlichkeit der Naturgeschöpfe. Der Begriff der Mitmenschlichkeit wird präzisiert (und erweitert) als Angebot auf Mit-Tierlichkeit. Man probiere einmal die Rolle des tapferen, opferbereiten und zugleich in der Selbstsuche nicht nachlassenden „Springenden Maus“ als eine Form der Identitätsfindung! Dieses Buch fasziniert nicht nur, es belebt. So kann es mit seiner Fremdheit uns Europäer lehren, die Verfremdung, die wir an uns selbst als Wesen einer Welt der Nur-Zivilisation erleben, umzuwandeln in eine neue Vertrautheit mit uns selbst. Als „weißer Mann“ sind wir schon einmal in die Welt gegangen, die das Buch wiederaufleben lässt: als Eroberer damals und Zerstörer. Auf Einladung des „roten Mannes“, „des Menschen“, wie er sich nennt, könnten wir noch einmal darin eintreten: als Lernende, als Brüder, als Mitnatur.

Wenn die Sehnsucht größer wird als die Angst

Sharing is caring 🧡
Gastbeitrag
Gastbeitrag

Viele wertvolle Gastautorinnen und -autoren unterstützen und schreiben für die Newslichter. Informationen zu der jeweiligen Person finden sich am Ende des Autorentextes.

4 Kommentare

  1. Herzensdank euch beiden, liebe Heide und Bettina fürs Teilen! Was für eine Freude, Hyemeyosths Storm und sein vielfältiges Werk zu entdecken. Staunenswert: ein Buch eines zeitgenössischen Autors, das seit 1976 in deutscher Übersetzung stetig neu aufgelegt wurde ist wahrlich eine Seltenheit. Auch ging ich der Frage nach, wer der Autor sei. Nach allerlei wenig stabilen Darstellungen im Netz zu seiner Person wurde ich glücklich fündig. Hier lässt sich Hyemeosths Storms Biografie – auf Englisch – nachlesen: https://www.universeofpoetry.org/metis.shtml

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert